Süddeutsche Zeitung

Bayern-Aus in der Champions League:Ohne Witz

Ein Abend, mit dem so keiner gerechnet hat: Der FC Bayern muss beim Debakel gegen Real Madrid erkennen, dass von den Monaten erdrückender Dominanz nichts übrig ist. Das Aus im Halbfinale der Champions League ist ein Schock - und stellt vieles in Frage.

Aus dem Stadion von Jonas Beckenkamp

Was für eine Qual, auch das noch. Der junge Mann auf der Tribüne wandte sich mit Grauen ab, sein Jammern war trotz Bassbeschallung aus den Arenaboxen gerade noch zu vernehmen: "Warum spielen sie jetzt auch noch so einen traurigen Emo-Mist?" Die Stadionregie hatte die Aerosmith-Schnulze "I Don't Want To Miss a Thing" aufgelegt: Ein schmalztriefendes Stück Pop, in dem es ums Verliebtsein und diesen einen, seligen Moment geht.

Für Bayern-Fans war das an diesem Abend zu viel Glücksträllerei. Schließlich gab es großes Ungemach zu verdauen.

Auf dem Feld stand zu diesem Zeitpunkt Bastian Schweinsteiger bei Xabi Alonso, die beiden unterhielten sich, tauschten Trikots, dann lagen sie sich in den Armen. Immer wieder. Der gebürtige Baske zeigte Größe - und spendete dem gebürtigen Oberbayern Trost. Und während der Aerosmith-Song in seine letzte Refrainrunde einbog, sackte auch beim letzten Träumer auf den Rängen die Erkenntnis durch: Der FC Bayern ist draußen, die Champions League ist dahin. 0:4 (0:3) gegen Real Madrid lautete das Resultat, auch das Hinspiel im Bernabeu war schon 0:1 verloren gegangen. Ohne Witz.

Es war so eine krachende Pleite, dass viele immer noch ungläubig vor sich hin starrten. War das gerade wirklich passiert?

Die Alles-Dominierer dieser Saison, jene Mannschaft, die bis zu diesem Halbfinale jegliche Gegner abgeschüttelt hatte, war im entscheidenden Moment komplett über den Haufen gerannt worden. Anders lässt sich kaum beschreiben, was in diesen 90 Minuten zu sehen war.

"Madrid hat sich verdient durchgesetzt. Ich muss eingestehen, dass wir heute recht deutlich verloren haben", sagte Sportvorstand Matthias Sammer, er war einer der Ersten, der wieder sprechen konnte. Es war so vieles schiefgegangen, dass die Fehlersuche ein ganzes Sammelsurium an kleinen Dramen zutage brachte.

Pep Guardiolas Spielphilosophie mit viel Ballbesitz und erdrückendem Pressing erstickten die Königlichen mit Biss, Willen und großem Geschick. Wie schon der BVB in der Bundesliga (0:3) decodierten die Spanier perfekt die Bayern-Matrix. Die Gäste verfolgten einen klaren Plan: kontern wie auf Knopfdruck. Die Münchner dagegen hatten keinen Plan. Sie wirkten hilflos, verstört beinahe.

"Es ist eine harte Nacht für uns, für mich, für die Spieler", sagte Guardiola mit hängendem Kopf, "wir haben heute schlecht gespielt. Das ist meine Verantwortung." Der Katalane erlebte die höchste Pleite seiner Trainer-Karriere - der Fußballheilige ist auf dem Boden aufgeprallt. Wie ein "normaler" Coach, der eben auch mal vier Watschn von elf glänzenden Galaktischen bekommt.

Die Saisonbilanz ist gestört

Gleich zweimal trudelten ruhende Bälle in den Strafraum genau auf den Kopf von Real-Verteidiger Sergio Ramos. Der konnte sein Glück kaum fassen und erzielte mit jener Wucht das 0:1 (16. Minute) und das 0:2 (20.), die dem Titelverteidiger flöten gegangen ist. Standards, diese simplen Routine-Übungen des Fußballs - für die Bayern ein Riesenproblem gegen deutlich entschlossenere Kontrahenten.

"Diese Aktionen haben wir einstudiert: Ein Ball auf den zweiten Pfosten und dann mit aller Macht zum Kopfball", erklärte ein beglückter Real-Trainer Carlo Ancelotti. Seine Elf sezierte die Münchner mit dem Skalpell taktischer Überlegenheit. Und mit einem Cristiano Ronaldo, der weder beim Überfall-Angriff zum 0:3 (34.), noch bei seinem gewieften Freistoß zum 0:4 (90.) aufzuhalten war.

"Wir sind heute abgestraft worden. 0:4 ist knallhart zu Hause. Zwei Gegentore nach Standards, da weißt du, dass es vorbei ist", erklärte Arjen Robben. Und natürlich stellte sich die Frage nach der nun arg gestörten Saisonbilanz. Die Verteidigung des Triples sollte es werden, doch jetzt ist der wohl wichtigste Titel futsch, das schmerzt in der Seele.

Die Bundesliga haben die Bayern früh wie nie gewonnen, aber seit sie das erreicht haben, bröckelt ihr Nimbus. Es geht womöglich gerade einiges kaputt in dieser Mannschaft, nur richtig eingestehen will sich das noch keiner. "Wir müssen jetzt nicht zu negativ sein. Weinen, nach Hause gehen, weiter machen", so Robbens Devise.

Das Pokalfinale gegen Dortmund erhält plötzlich den Charakter eines Entscheidungsspiels: Bei einer weiteren Niederlage verkommt Guardiolas erste Saison in München zu einer geplatzten Seifenblase.

Sind die Münchner am Ende zu früh Meister geworden? Hat der Coach einen rhetorischen Fehler gemacht, als er die Bundesliga verfrüht für beendet erklärte? Diese Fragen fand Sammer "relativ uninteressant" und erbat sich, "jetzt nicht den Super-Bruch über der Saison auszurufen". Fakt ist aber, dass die anvisierte Geschichtsschreibung jetzt ein dunkles Kapitel erhalten hat. Guardiola ist dieses Dilemma bewusst, er schloss seine Ansprache mit dem deutlichen Hinweis, dass "nach all den Titeln der Vergangenheit die Meisterschaft nicht genug ist".

In Dortmund werden sie interessiert zugehört haben. Wie man die Bayern quält, wissen sie nur zu gut. Und die Rede ist nicht von Schnulzenliedern der Band Aerosmith.

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