Süddeutsche Zeitung

Arminia Bielefeld:Kampf der Kulturen auf der Alm

Bei Arminia Bielefeld sind ein westfälischer und ein rheinischer Sturkopf aneinandergeraten. Sportdirektor Arabi hat sich durchgesetzt, Trainer Neuhaus muss gehen.

Von Ulrich Hartmann

Wenn man die Zeichen in Ostwestfalen richtig deutet, dann hat sich beim abstiegsgefährdeten Fußball-Bundesligisten Arminia Bielefeld zuletzt auch ein kleiner Kampf der Kulturen abgespielt zwischen einem westfälischen und einem rheinischen Sturkopf. In der Rolle des westfälischen Dickkopfs: der 61 Jahre alte Uwe Neuhaus aus der südlichen Ruhrgebietsstadt Hattingen. In der Rolle seines rheinischen Widerparts: der 42 Jahre alte Samir Arabi aus Aachen.

Neuhaus soll sich dem Vernehmen nach als Trainer der Arminia kommunikativ abgekapselt und den thematisch am Kollektiv interessierten Sportdirektor Arabi von seinen Gedanken und Überlegungen ein bisschen ausgegrenzt haben. So etwas darf er als verantwortlicher Chefcoach grundsätzlich vielleicht sogar tun, aber so etwas erweist sich in einer Phase des Misserfolgs dann doch als eher ungünstig. Ungefähr so ist es in Bielefeld nun eingetreten.

Die 0:3-Niederlage am Samstag bei Borussia Dortmund war die vierte Niederlage binnen fünf Spielen mit insgesamt 17 Gegentoren. Drei dieser Niederlagen erlitt die Arminia gegen Topteams wie Eintracht Frankfurt, den VfL Wolfsburg und Borussia Dortmund; und beim FC Bayern München erkämpfte man im Schneegestöber vor zwei Wochen immerhin ein 3:3. Doch spielerische Tendenz und taktische Stabilität sind zunehmend nach unten gegangen.

Nun hat sich gezeigt, dass der Rheinländer Arabi als Sportdirektor am längeren Hebel sitzt. Bevor Bielefeld am kommenden Sonntagabend gegen Union Berlin und am Mittwochabend darauf im Nachholspiel gegen Werder Bremen zwei äußerst wichtige Spiele im Kampf um den Klassenverbleib absolviert, hat sich der Klub entschieden, Neuhaus freizustellen.

Schon vor Weihnachten soll der Klub einmal an der Schwelle zum Trainerwechsel gestanden haben, als die Mannschaft von neun Spielen acht verloren hatte. Doch ein 1:0-Sieg auf Schalke soll Neuhaus damals vor der Freistellung bewahrt haben. Mittlerweile ist die Lage wieder vergleichbar diffizil, und diesmal haben sich Geschäftsführung und Aufsichtsrat der Arminia für einen Wechsel entschieden.

"Wir sind Uwe Neuhaus sehr dankbar dafür, dass er die Mannschaft in einer schwierigen Situation im Tabellenkeller übernommen und innerhalb von anderthalb Jahren aus Abstiegsgefahr zum Bundesliga-Aufsteiger entwickelt hat", heißt es in einer Mitteilung des Klubs. Im Rahmen der strategischen Zukunftsplanung und unabhängig vom Abschneiden in dieser Saison habe man allerdings bereits beschlossen gehabt, im Sommer einen Trainerwechsel vorzunehmen. Der Charakter eines Ausbildungsklubs soll geschärft, talentierter Nachwuchs intensiver gefördert werden. "Aufgrund der aktuellen Entwicklungen", ergänzt Sportchef Arabi, "haben wir jetzt entschieden, diesen Wechsel vorzuziehen." Man wolle der Mannschaft so "noch einmal einen besonderen Impuls geben".

Wer Nachfolger von Neuhaus werden soll, stand am Montag noch nicht endgültig fest. Medienberichten zufolge soll der Klub an Frank Kramer interessiert sein. Der 48-Jährige war Trainer bei Greuther Fürth und Fortuna Düsseldorf und leitet derzeit das Nachwuchsleistungszentrum von RB Salzburg. Mit letzterer Referenz passt er in jenes Profil, das Arabi vom Chefcoach eines Ausbildungsklubs skizziert.

Arabi ist seit März 2011 als Sportlicher Leiter bei der Arminia tätig und hat den Klub durch drei Jahre dritte Liga und sechs Jahre zweite Liga geführt, ehe im vergangenen Sommer unter Neuhaus, dem fünften Trainer unter Arabis Ägide, der Aufstieg in die Bundesliga gelungen ist. Neuhaus hatte sein Amt in Bielefeld im Dezember 2018 angetreten, nachdem ihm zuvor Aufstiege in die zweite Liga mit Rot-Weiss Essen (2006), Union Berlin (2009) und Dynamo Dresden (2016) gelungen waren. In der vergangenen Saison führte er Bielefeld überraschend zur Meisterschaft in der zweiten Liga und den Klub nach elf Jahren wieder in die Bundesliga. Bei Spielern und Fans genießt Neuhaus großes Ansehen. Für den Sportchef Arabi aber soll es seit dem Aufstieg nicht einfacher geworden sein, mit Neuhaus zu arbeiten.

Bloß um die Unterschiede zwischen westfälischen und rheinischen Charakterzügen ist es dabei natürlich nicht gegangen. Das Wohl des Klubs mit dem niedrigsten Bundesliga-Etat stand schon im Vordergrund. Doch bei der Auswahl der Startspieler oder der spielerischen Balance zwischen Defensive und Offensive gibt es oft unterschiedliche Ansichten, sodass Differenzen zwischen Trainern und Sportlichen Leitern zu den häufigsten Erscheinungen in der Branche gehören. Beispielsweise an Kapitän Fabian Klos, der sich in der Bundesliga bisweilen noch schwertut, sollen sich intern die Geister geschieden haben. Dass der schon genauso lange wie Arabi im Klub weilende Mittelstürmer bei Neuhaus einen Stammplatz besaß, hat sich in den Leistungen nicht immer widergespiegelt. Und wenn die entsprechende Kommunikation zwischen Coach und Sportdirektor gestört ist, wird es eben kompliziert.

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