Süddeutsche Zeitung

Ariane Friedrich vs. Blanka Vlasic:Poker mit der Unnahbaren

Von Psychospielchen und Platzwunden: Die Hochspringerin Ariane Friedrich bereitet sich auf ein spannendes Duell mit der Kroatin Blanka Vlasic vor.

Joachim Mölter, Berlin

Das Psychospielchen, das sich Hochsprung nennt, begann schon lange vor dem WM-Finale der Frauen an diesem Donnerstag (19.10 Uhr), genauer: vor zwei Monaten, beim Einspringen für das Istaf, das Berliner Meeting im Rahmen der Golden-League-Serie. Das Einspringen dient den Athleten dazu, ihren Anlauf zu überprüfen, sich an die Höhen heranzutasten, die sie später im Wettkampf bewältigen wollen.

Ariane Friedrich, die 25 Jahre alte Kommissar-Anwärterin aus Frankfurt am Main, ließ also bei dieser Gelegenheit die Latte auf zwei Meter legen - das hatte sich noch nie eine Hochspringerin getraut. Die Konkurrenz staunte. Und sie staunte noch mehr, als Friedrich locker über die Latte floppte. Später im Wettkampf überwand sie dann 2,06 Meter, was deutscher Rekord war und "ein Statement für die WM in Berlin", wie sie sagte: Die Konkurrenz sollte wissen, dass der Sieg dort nur über sie führen würde; vor allem an Blanka Vlasic war diese Botschaft gerichtet, die Titelverteidigerin aus Kroatien.

Der Hochsprung der Frauen gilt als das Duell zwischen Friedrich und Vlasic, den beiden besten Springerinnen dieses Sommers, auch wenn das keine der beiden Athletinnen so zugeben würde. "Man darf nie den Fehler machen, irgendjemanden zu unterschätzen und aus dem Kreis der Medaillenkandidaten auszuschließen", warnt Friedrichs Trainer Günter Eisinger und erinnert dabei an Lehren aus der Hochsprung-Geschichte: "Wer hätte denn vor den Olympischen Spielen 1972 in München auch nur einen Pfennig auf Ulrike Meyfarth gesetzt", die 16-Jährige, die zur Überraschung aller die Goldmedaille gewann.

Man muss aber gar nicht so weit zurückdenken: Bei den Spielen 2008 in Peking verblüffte die Belgierin Tia Hellebaut, als sie gleich bei ihrem ersten Versuch 2,05 Meter überquerte, während die große Favoritin Vlasic das erst im zweiten Anlauf schaffte. Weil danach beide nicht mehr höher kamen, ging das Gold an die Außenseiterin.

Um die Pokerpartie zu verstehen, die sich an diesem Donnerstag abspielen wird, muss man also folgendes wissen: Bei gleicher Höhe liegt immer derjenige Athlet vorne, der weniger Versuche gebraucht hat, diese Höhe zu bewältigen. Regel Nummer zwei: Haben die Athleten gleich viele Versuche gebraucht, entscheidet die Gesamtzahl der Fehlversuche bei den vorangegangenen Höhen.

Aufgrund dieser sogenannten Mehrversuchsregel lässt sich schon einigermaßen taktieren in den Hochsprüngen, egal, ob mit oder ohne Stab, jedenfalls mehr als in den übrigen Disziplinen. Die Stabhochspringerin Chelsea Johnson (USA) nutzte diese Konstellation am Montag jedenfalls zu einer unerwarteten Silbermedaille: "Mein Ziel war, alle Höhen im ersten Versuch zu nehmen", erklärte sie, "und dann von den Fehlern der anderen zu profitieren."

Die Gegner zu Fehlern zu provozieren, sie zu verunsichern, ist ein bisweilen beabsichtigtes Nebenprodukt bei den vertikalen Sprüngen. Auch wenn alle Athleten beteuern, sich immer nur auf sich selbst und die eigene Leistung zu konzentrieren, so lassen sie sich doch beeindrucken, wenn ein Konkurrent Stärke demonstriert. Als er Blanka Vlasic im Juni beim Istaf beobachtete, wie sie auf Friedrichs Übungsflop reagierte, "da wusste ich, sie hat den Wettkampf schon verloren", sagt Günter Eisinger.

Im WM-Finale wird Blanka Vlasic allerdings darauf gefasst sein, dass Ariane Friedrich hoch pokern wird. In der Qualifikation am Dienstag ließ die Deutsche alle Höhen aus, die angeboten wurden, um sich allmählich hochzuarbeiten, und sprang gleich über die geforderte Höhe von 1,95 Meter. "Je mehr Höhen man springt, desto mehr Fehler kann man machen", findet Friedrich, "außerdem ist es kraftsparend." Nach der Qualifikation verschwand sie schnellstmöglich aus dem Stadion. "Ich bin in guter Form. Ich werde am Donnerstag hoffentlich gewinnen", war das Einzige, was sie sagte.

Es war ein kurzer, souveräner Auftritt der deutschen Meisterin gewesen, aber ihr Trainer Eisinger war seinerseits beeindruckt von Vlasic' Vorstellung, auch wenn diese den konventionellen Weg wählte und sich von 1,85 Meter beginnend Schritt für Schritt an die Qualifikationshöhe herangetastet hatte. Aber die 1,93 Meter große Kroatin hatte sich am frühen Morgen eine Platzwunde am Kopf zugezogen, als sie bei Aufwärmübungen im Hotel an einen Türrahmen gestoßen war. Sie musste im Krankenhaus mit sechs Stichen genäht werden und traf erst kurz vor dem Beginn der Qualifikation im Stadion ein. "Wenn man sich den Kopf stößt und dann so super springt, ist das nicht schlecht", erkannte Eisinger an.

Blanka Vlasic wirkte jedenfalls trotz des Malheurs nach der Qualifikation entspannt. Man hat die kühle Kroatin selten so gelöst lachen sehen wie in den Momenten, als sie den Journalisten in den Gängen des Olympiastadions über ihr morgendliches Missgeschick berichtete. Aber vielleicht war das auch nur ein Psychospielchen, eine Botschaft an ihre deutsche Konkurrentin: Schau her, mich wirft nichts mehr um.

Das letzte direkte Aufeinandertreffen hat im Übrigen Vlasic gewonnen, in Monaco fügte sie Friedrich - bei gleicher Höhe von 2,03 Meter - deren einzige Niederlage in diesem Jahr zu. Günter Eisinger fand das "ganz wichtig. Das hat gezeigt, dass Ariane auch verlieren kann." Und das, glaubt Eisinger, nehme wieder etwas Erwartungsdruck von der größten Gold-Hoffnung des Deutschen Leichtathletik-Verbandes.

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Quelle:
SZ vom 20.08.2009/segi
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