Süddeutsche Zeitung

Ärger nach dem Dortmunder Pokalerfolg:Wie Lüdenscheid gegen Herne-West

Das Pokal-Halbfinale zwischen Greuther Fürth und dem BVB gerät zum Streitfall, weil Borussia-Profi Kevin Großkreutz beim Jubel angeblich Gerald Asamoah rassistisch beleidigt. Nach dem Spiel dreht sich alles um die beiden - dass die Fürther beim 0:1 ein großes Spiel lieferten, geht fast unter.

Jonas Beckenkamp, Fürth

Aus der Dortmunder Spielerkabine dröhnte laute Partymusik, als Fürths Abwehrspieler Mergim Mavraj bedeutsame Worte sprach: "Ist doch geil, dass der deutsche Meister es nötig hat, sich so aufzuführen. Wie die Kleinkinder."

Das war sarkastisch gemeint, denn wie sich manche Dortmunder Spieler nach dem 1:0-Sieg in der Verlängerung des DFB-Pokal-Halbfinals gegen Greuther Fürth verhielten, war durchaus umstritten. Doch die ausgiebige Feierei unter der Dusche ("Heja BVB", "Ai se eu ti pego") war nur ein Nebenaspekt an diesem Abend voller Emotionen.

Vor allem erhitzte die Gemüter der Franken, wie ein bestimmter Borusse nach dem Schlusspfiff auf dem Platz herumtollte. Es war Kevin Großkreutz, der nicht nur jubelte: Gleichzeitig soll er Fürths Gerald Asamoah rassistisch beleidigt haben. Aufzeichnungen davon gibt es nicht, nur die Aussagen der Beteiligten, vornehmlich der Fürther Spieler. "Großkreutz ist ein pubertierender Junge und Gerald braucht sich von ihm keine Beschimpfung wegen seiner Hautfarbe anzuhören", sagte Mavraj, selbst Deutsch-Albaner, in ruhigem Ton, "das hat nirgends was verloren."

Doch er stand im Raum, der schwere Vorwurf gegen den Herzens-Dortmunder Großkreutz, sich gegenüber dem Herzens-Schalker (und jetzt Fürther) Asamoah abfällig geäußert zu haben. Die zwei Kultfiguren der ewigen Rivalen aus Gelsenkirchen und Dortmund waren direkt nach Abpfiff aufeinander losgegangen und mussten von ihren Kollegen zurückgezerrt werden. Was der BVB-Mann gerufen hatte, war nicht zu klären, aber Liebesschwüre werden es vermutlich nicht gewesen sein.

"Was Großkreutz macht, ist beschämend. Nur weil einer eine 18-jährige blau-weiße Vergangenheit hat. Einfach nur peinlich, dass solche Leute für Deutschland spielen," echauffierte sich Fürths Trainer Mike Büskens. Der spielte früher, pikanterweise, auch für die Schalker.

Büskens legte jedoch noch nach: "Das ist einfach traurig. Man muss auch in der Niederlage Größe zeigen, aber sollte das auch im Siegesfall machen." Asamoah hingegen, der erst in der 85. Minute eingewechselt wurde, sagte kurz und knapp: "Zu so einem Typen brauch ich nicht viel sagen, er ist es nicht wert, darüber zu reden. So ein Typ interessiert mich gar nicht."

Auf der Dortmunder Seite hörten sich die Dinge weitaus harmloser an. "Ich habe nur gejubelt," sagte Großkreutz selbst - und ließ dann verlegen durchblicken, dass in Richtung Asamoah vielleicht doch mehr vorgefallen sein könnte: "Er hat in der Vergangenheit auch schon Sprüche gemacht. Das ist so unter Fußballern, so was passiert."

Fürths großes Spiel

Wer sich diese hitzige Debatte zu Gemüte führte, musste verwundert feststellen: Hier hatte soeben die SpVgg Greuther Fürth nach großem Spiel durch ein spätes Tor von Ilkay Gündogan (120. Minute) gegen den BVB verloren. Doch eigentlich drehte sich alles um Rivalitäten zwischen Dortmundern und (Ex-)Schalkern.

Zwischen Großkreutz und Asamoah scheint es Klärungsbedarf aus vergangenen Tagen gegeben zu haben, als der BVB dem Rivalen 2007 kurz vor Saisonende mit einem Sieg die Meisterschaft vermasselt hatte. Asamoah hatte damals angekündigt, bei einem Erfolg seiner Mannschaft zu Fuß nach Hause zu laufen - was ihm aber erspart blieb, denn er verlor mit Schalke Derby und Titel.

Großkreutz, damals noch mehr Fan als Profi, hatte diese Frotzeleien nicht vergessen und zog seinen Gegner nun wohl damit auf. Aber dass es ein rassistischer Kommentar gewesen sein könnte? Eine Bezichtigung, die schwer wiegt, zumal es ähnlichen Streit schon vor Jahren zwischen Asamoah und BVB-Keeper Roman Weidenfeller gegeben hatte.

Trainer Jürgen Klopp sprang seinem Schützling bei. "Ich verbitte mir eine Einschätzung des Charakters von Kevin Großkreutz. Nach Schlusspfiff ging es emotional zu und sicher sind Worte gefallen, die nicht in Ordnung sind. Aber niemand hier kennt den Jungen," sagte Klopp, als Büskens auf der Pressekonferenz seine Vorwürfe wiederholte. Auch BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke sagte: "Ich habe nur gehört, dass es irgendwie Irritationen gab. Es ist nur auffällig, dass wenn in irgendeiner Weise so was ist, Gerald Asamoah immer dabei ist."

Mit einem Tag Abstand, am Mittwoch, sagte Klopp dann: "Ich bin felsenfest überzeugt, dass Kevin keine dieser Aussagen getätigt hat. Kevin ist hier bei uns in der Mannschaft der Auslandsbeauftragte, er ist der beste Freund von Lucas Barrios, von Shinji Kagawa. Rassistisches Denken wohnt nicht in ihm. Auch Großkreutz beteuert, dass die Beschuldigungen, er habe Asamoah rassistisch beleidigt, "schlichtweg falsch" seien: "Wer mich kennt, weiß dass ich so etwas nicht mache. Ich habe überhaupt nichts zu ihm gesagt, sondern nur mit beiden Fäusten gejubelt"

"Es hat sich angefühlt, wie acht Stunden"

Letztlich wurden dann doch noch Hände geschüttelt - denn schließlich war den Beteiligten bewusst, dass nebenbei ein mitreißendes Fußballspiel über die Bühne gegangen war. Der Tabellenführer der zweiten Liga hatte den deutschen Meister beinahe bis ins Elfmeterschießen gezwungen, und das mit einer willensstarken und fußballerisch überzeugenden Leistung. Dortmund hatte zwar dominiert und deutlich mehr Chancen, aber die Fürther grätschten, rannten und kämpften so inbrünstig, dass auch sie die Reise ins Finale von Berlin durchaus verdient gehabt hätten.

Es war ein Spiel in Wellen gewesen, in dem jedes Team seine Phasen besaß - und es gipfelte im "Sudden Death" in allerletzter Minute, als der gerade erst fürs Elfmeterschießen eingewechselte Fürther Keeper Jasmin Fejzic den letzten Schuss von Gündogan passieren lassen musste. "So soll Pokal sein. Diese Partie bot alles, was dazu gehört. Es hat sich angefühlt, wie acht Stunden," fasste BVB-Verteidiger Neven Subotic treffend zusammen. Dass es auch andersherum hätte ausgehen können, spendete Büskens zumindest ein wenig Trost: "Wir haben dem Meister Paroli geboten, haben nie nachgelassen und gezeigt, dass nur Nuancen fehlen. Das macht uns stolz."

Unterdessen zog draußen Dortmunds Stürmer Lucas Barrios mit einem Rollkoffer davon - er hatte einen dicken Ghettoblaster aufgeladen, aus dem noch immer die Dortmunder Kabinenhits tönten und diesen ereignisreichen Abend untermalten.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1314285
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
Süddeutsche.de/jbe/ebc/holz
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.