Süddeutsche Zeitung

Hippe kleine Städte-Schwestern:Amsterdam? Geheimtipp Utrecht!

Die niederländische Hauptstadt Amsterdam ist ein Touristenmagnet. Super, denn so bleibt Utrecht eine Entdeckung. Durch Grachten schippern, Kultur erleben, in gemütlichen Bars sitzen und die fröhliche Lässigkeit der Holländer genießen - das geht hier mindestens genauso gut wie in Amsterdam.

Von Sarah K. Schmidt

Mit Tausenden anderen vor Museen die Füße platt stehen, völlig überteuerte Hotels und das klassische Sightseeing-Programm? Das muss nicht sein, denn es gibt lohnende Alternativen zu den überlaufenen Tourismus-Hotspots in Europa. Kleine Städte-Schwestern bieten viel, zu günstigeren Preisen und ohne Anstehen. Für ein entspanntes verlängertes Wochenende sind sie nicht die zweite, sondern die erste Wahl. Wir stellen wöchentlich die schönsten vor.

Utrecht statt Amsterdam

Durch Grachten schippern, Fahrrad leihen, Van-Gogh-Museum, Bierchen trinken: Amsterdam ist wunderbar entspannt, das steht so auch in jedem Reiseführer.

Amsterdam ist ein Besuchermagnet. Und das ist auch gut so, denn die niederländische Hauptstadt (nur der Regierungssitz ist in Den Haag) absorbiert so viele Touristen, dass es im nicht minder sehenswerten Utrecht angenehm leer ist. Der Lonely Planet führt die Stadt jedenfalls in seiner Liste der zehn am meisten unterschätzten Orte weltweit. Ein echter Geheimtipp also. Noch.

Denn Utrecht, einst aus einem Fort der alten Römer hervorgegangen, hat alles, was es für einen gelungenen Wochenendtrip braucht: eine wunderschöne Altstadt, gemütliche Cafés und Bars, Kunst, Kultur und diese fröhliche Lässigkeit, für die Holland bekannt ist.

Zu Fuß oder mit dem obligatorischen Fahrrad geht es an den Grachten entlang, durch schmale Gässchen an romanischen Hinterhöfen vorbei. Design-Läden und Boutiquen laden zum Shopping ein. Die Partyszene ist spannend und abwechslungsreich - immerhin hat Utrecht die größte Universität der Niederlande.

Anschauen: zu Land, zu Wasser und aus der Luft

Vom "Domtoren" aus können Besucher sich zunächst einen Überblick verschaffen. Über 465 Treppenstufen geht es auf den höchsten Kirchturm der Niederlande hinauf.

Von der im 14. Jahrhundert fertiggestellten Kirche hat 1674 ein Nordsee-Tornado nur den Turm und das Querschiff übrig gelassen. Aus knapp 100 Metern Höhe lässt sich eine tolle Aussicht über die Stadt und das Umland genießen. Von hier lässt sich bei klarer Sicht auch noch ein Blick nach Amsterdam hinüber werfen. Neidvoll? Kein bisschen.

Schließlich gibt es auch in Utrecht Grachten, ein Kanalsystem, das sich durch die ganze Stadt zieht. Das ist nicht nur schön, sondern auch ziemlich praktisch. Bei einer Bootstour lässt sich die Innenstadt gemächlich vom Wasser aus erkunden: beeindruckende Backstein-Stadthäuser, es geht unter kleinen Brücken hindurch, an alten Bäumen vorbei.Startpunkt kann zum Beispiel die Anlegestelle an der Oudegracht sein. Sportlicher wird es, wenn selbst in die Pedale getreten wird und man sich ein Tretboot ausleiht. Canal Bikes, Kanal-Fahrräder, nennen die sich hier. Eine Stunde kostet 8 Euro.

Skurriles, Pflanzen, Jesus und GSUS

Utrecht ist - wie viele der niederländischen Unistädte - bei deutschen Studenten beliebt. Auch in einen Kurztrip lässt sich eine ordentliche Portion Bildung integrieren. Im Universiteitsmuseum wird die Hochschulgeschichte Utrechts nachverfolgt - toll aufbereitet, mit einer Reihe skurriler Exponate aus mehreren Jahrhunderten, zum Teil interaktiv.

Durch den Hinterausgang geht es in den De Oude Hortus, den alten botanischen Garten der Stadt. Hier haben zahlreiche exotische Pflanzen ein neues Zuhause gefunden, die die Niederländer einst von ihren Fernreisen mitgebracht haben.

Es regnet? Dann ist der richtige Moment, sich im Catharijnecovent einen umfassenden Überblick über christlichen Kunst von Rembrandt bis zur GSUS-Jeans zu verschaffen. Mehr als 40 000 Bücher, Bilder und Artefakte vom frühen Mittelalter bis zum 21. Jahrhundert gehören zur Sammlung.

Alte Meister, Mode, Moderne und Architektur

Kultureller Mittelpunkt der Stadt ist das Centraal Museum - nur wenige Sammlungen sind so vielseitig. Alte Meister finden sich hier neben zeitgenössischen Künstlern, Gemälde treffen auf Installationen treffen auf Mode. Wechselnde Ausstellungen setzen kreativ bunte Themen in Szene. Noch bis Ende November 2014 kuratiert zum Beispiel Fashion-Illustrator Piet Paris die Ausstellung "Mode, de Musical", in der die Exponate als Szenen eines Musikals arrangiert sind.

Wer fürs Centraal Museum ein Ticket kauft, bekommt gleich noch das Ticket für zwei weitere lohnende Kultureinrichtungen dazu. Zum einen gibt es freien Eintritt ins Rietveld-Schröderhuis, ein architektonisches Highlight und wichtiges Bauwerk der De-Stijl-Bewegung.

1924 entworfen vom Utrechter Architekten Gerrit Rietveld und umgesetzt gemeinsam mit der Bauherrin und gelernten Innenarchitektin Truus Schröder ist ein verschachteltes, kubisches Wohnkunstwerk entstanden. Wer in dem Haus am Stadtrand vorbeischauen will, muss sich jedoch anmelden. (Wer Interesse am Werk von Gerrit Rietveld hat und Besitzer eines iPhones ist, findet in der Rietveld Architecture App Informationen und Bilder.)

Hasenmädchen und Kaufmannsladen

Außerdem geht es mit dem Centraal-Museum-Ticket kostenlos ins Dick Bruna Huis gleich gegenüber - der niederländische Autor und Künstler wurde in Utrecht geboren. Weltbekannt ist seine Schöpfung Miffy - ein Kaninchen im gelben Kleid, minimalistisch gehalten, mit Punkten als Augen und einem kleinen Kreuz als Schnäuzchen. Im niederländischen Original heißt das Hasenmädchen Nijntje. Im Dick Bruna Huis erfreuen sich kleine und große Fans an Miffy und ihren Freunden, die Ausstellung zeigt aber auch weniger bekannte Werke des Künstlers.

Zeitreise gefällig? Das Kruideniers Museum ist eigentlich ein Kaufmannsladen und liegt ein bisschen versteckt in einem wunderschönen Hinterhof. Ältere Damen in weißen Schürzen verkaufen Senf, Apfelmus und Likör, Seifen und Zigarrenschachteln, sowie Drops und Lakritz aus großen Bonbonnieren - wunderbar nostalgisch.

Anbeißen: Burger, Indonesier und Bäckerei

Bei "Meneer Smakers" gibt es großartige Burger - Premium-Hack kommt mit gegrilltem Gemüse, Büffelmozzarella oder Roter Beete zwischen die knusprigen Burgerbrötchen, dazu hausgemachte Pommes. Geordert wird an der Theke, gefuttert in lässiger Atmosphäre an pastellfarbenen Tischen. Und auch das Smartphone bekommt an Ladestationen neuen Saft.

Für ein ausgiebiges Frühstück gibt es in "De Bakkerswinkel" ein Angebot an hausgemachtem Brot, Kuchen, Marmeladen und Müslis. To go gibt es die Produkte im Vintage-Verkaufsraum, wer mehr Zeit hat, speist im gemütlichen Cafébereich an einer langen Tafel unter einer Gewölbedecke.

Den schnellen Koffein-Schub für Zwischendurch liefert das "30 ml" - genau die Menge eines Espresso. In der kleinen Kaffeebar im Shabby-Chic sind Profis am Werk. Bohnen aus eigener Röstung perfektionieren den Wachmacher.

Für Asia-Fans und Filmliebhaber

Aufgrund der kolonialen Vergangenheit gibt es vergleichsweise viele indonesische Restaurants in Utrecht. Besonders lecker kommt das Essen aus Fernost im Blauw auf die Teller. Genauer gesagt: Erst kommen Currys, marinierte Gemüse, Fleischgerichte und Reis in zahlreichen Porzellanschiffchen auf den Tisch und von dort auf den Teller. Rijsttafel, also Reistafel, nennt sich diese Art des variantenreichen Schlemmens.

Auch asiatisch, aber moderner gemixt mit regionalen Zutaten und einem stylishen Interieur ist das "Opium". Trotz des Namens keine Spur von Drogenspelunke, stattdessen ist das Restaurant sehr modern und mit Blick fürs Detail gestaltet. Wie wäre es mit einem orientalischen Gazpacho, Lammrücken an Frühlingsrolle und Chili-Trüffel-Soße und zum Nachtisch einer Crème brûlée mit Vanille- und Kokosaromen?

Im "Springhaver-Café" können sich Filmliebhaber vor der Vorstellung kulinarisch stärken: Das Restaurant gehört zu einem schönen Art-Deco-Programmkino. Auch wer nicht ins Kino gehen will, ist hier gut aufgehoben. Im Springhaver gibt es gute regionale, saisonal wechselnde Küche. Bio, hausgemacht und kein bisschen dröge: Vegetarier und Fleischliebhaber kommen hier gleichermaßen - und zu fairen Preisen - auf ihre Kosten.

Ausgehen: Trinken bei den Schwestern, Party im Tivoli

Als große Wein-Nation sind die Niederlande nicht bekannt. Doch in der Weinbar "Vin Vin", der ersten überhaupt in Utrecht, kommen auch Kenner auf ihre Kosten. Eine abwechslungsreiche Karte, hochwertiges Fingerfood und ein stilvolles, cleanes Ambiente in zentraler Lage sind gute Voraussetzungen für den Start in den Abend.

Befürworter von alkoholhaltigem Gerstengebräu werden hingegen im "Kafé België" glücklich. Die Bar führt mehr als 200 internationale und nationale Biersorten, die auf einer Tafel notiert sind. Zentral am Kanal gelegen, lassen sich diese (zumindest eine Auswahl) bei gutem Wetter an einem der Tische draußen genießen.

"Zussen", zu Deutsch "Schwestern", heißt eine nette Cocktail-Bar. Gediegen, aber nicht abgehoben, lassen sich hier auf Barocksesseln zwischen alten Gemälden und moderner Kunst ein paar Drinks genießen, bevor donnerstags, freitags und samstags im Anschluss Soul und House-Musik gespielt wird.

Hausbesetzer und Historie

Das Veranstaltungszentrum "ACU" ist eine feste Institution in Utrecht. In der alternativen Szene-Location, die ursprünglich von Hausbesetzern in einer Autowerkstatt ins Leben gerufen wurde, finden regelmäßig Partys, Lesungen und Konzerte statt. Ein Blick ins Programm lohnt sich. Wer auf gut Glück vorbeischaut, findet auf jeden Fall veganes Essen und eine Bar.

Utrechts musikaffine Partyszene pilgert außerdem regelmäßig ins "Tivoli". Hier finden in zwei Locations Partys und hochkarätige Konzerte statt: Pop, Rock, Jazz und Klassik. Im 19. Jahrhundert als ein Park mit Vergnügungsangebot konzipiert, wurde die Marke Tivoli unter dem Utrechter Unternehmer AJ Abspoel weiter ausgebaut und um eine Konzerthalle erweitert. Wie so vieles in Utrecht ist auch dies ein Ort mit Geschichte.

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