Süddeutsche Zeitung

Hippe kleine Städte-Schwestern:¿Barcelona? ¡Sevilla!

Nach Barcelona reisen? Gute Idee! Doch wer es etwas individueller und spanisch-temperamentvoll mag, der fährt nach Sevilla. Hier wurden Tapas und Flamenco erfunden, gefeiert wird bis zum Morgen - und die berühmteste Kirche der Stadt ist fertig gebaut.

Von Sarah K. Schmidt

Mit Tausenden anderen vor Museen die Füße platt stehen, völlig überteuerte Hotels und das immer gleiche Sightseeing-Programm? Das muss nicht sein, denn es gibt lohnende Alternativen zu den überlaufenen Tourismus-Hotspots in Europa. Kleine Städte-Schwestern bieten viel, zu günstigeren Preisen und ohne viel Anstehen. Für ein entspanntes verlängertes Wochenende sind sie nicht die zweite, sondern die erste Wahl. Wir stellen wöchentlich die Schönsten vor.

Sevilla statt Barcelona

Leugnen hat keinen Zweck: Barcelona ist eines der beliebtesten Ziele für Städtereisende in Europa - und das zu Recht. Kunst, Kultur, die Sagrada Família, die vielen Parks, Bummeln durch die Las Ramblas, sonnig-entspanntes Lebensgefühl - und dazu noch ein eigener Strand. Kein Wunder, dass jedes Jahr Millionen Touristen in die katalanische Metropole kommen. Es lohnt sich, viel Spaß, gute Reise!

Doch allen, die es individueller mögen (oder die schon in Barcelona waren), sei Sevilla ans Herz gelegt, die heißblütige, wunderschöne kleine Städteschwester aus Andalusien. Umweht vom Duft der Orangenblüten legt diese einen temperamentvollen Flamenco aufs Parkett. Und was kann die Gute in der Küche zaubern - ¡Caramba!

Phönizier, Römer, Mauren und spanische Conquistadores, sie alle können nicht geirrt haben, als sie das fruchtbare Fleckchen sonnenverwöhnter Erde am Guadalquivir zu einer blühenden Stadt gemacht haben.

Stichwort "sonnenverwöhnt": Sevilla gehört zu den wärmsten Städten Europas. Im Frühling und Herbst können Besucher Aprilwetter und nasskaltem Herbst in der deutschen Heimat entfliehen und das wunderbar milde Klima genießen. Im Hochsommer wird es hingegen so richtig heiß. Wer damit kein grundsätzliches Problem hat, für den sind auch Juli und August ideale Reisemonate. Unterkünfte sind günstig zu haben und nur wenige Touristen halten sich in der Stadt auf.

Viele der Sehenswürdigkeiten bieten Schatten und angenehme Kühle - schließlich haben sich auch die Sevillanos früherer Jahrhunderte beim Bau auf die klimatischen Bedingungen eingestellt. Tagsüber Kirchen und Paläste besuchen, in Parks im Schatten liegen und ausgiebig Siesta halten, abends dann in die langen, lauen Sommernächte starten, so geht Sevilla.

Anschauen: Paläste, Parks und Pilze

Was die Vielfalt an Sehenswürdigkeiten angeht, muss Sevilla sich keinesfalls hinter Barcelona verstecken. Und anders als die Sagrada Família wurde hier die Kirche nicht nur fertiggestellt, nein, sie wurde sogar mehrfach umgebaut. Und das Ergebnis, die Kathedrale Santa María de la Sede, kann sich sehen lassen. Ursprünglich eine große maurische Moschee, wurde im 15. Jahrhundert eine der größten Kirchen der Welt und ein Musterbeispiel gotischer Baukunst daraus. Das einstige Minarett, der Giralda, ist nun ein Glockenturm. Ganz religionsunabhängig ist der Blick von der Spitze aus beinahe 100 Metern Höhe grandios.

Drei Unesco-Weltkulturerbestätten finden sich in Sevilla. Neben der Kathedrale ist dies zum einen das Archivo General de Indias, das sich in der ehemaligen Börse von Sevilla befindet, und in dem die 80 Millionen wichtigsten Dokumente zur spanischen Kolonialzeit lagern. Außerdem gehört der königliche Alcázar-Palast dazu, eines der wichtigsten und schönsten Bauwerke Sevillas. 913 von den Mauren als Festung erbaut, um 1480 von König Ferdinand und seiner Frau Isabella als Residenz für würdig befunden. Auch heute noch ist der Alcázar offizieller Sitz der spanischen Königsfamilie, die hier wohnt, wenn sie mal in der Stadt ist. Das verwundert nicht, angesichts der wunderschönen Gemächer, Höfe und Gartenanlagen - prunkvolle Relikte aus den verschiedenen Epochen.

Unbedingt sehenswert ist die Plaza de España im Maria Luisa Park. Der große Platz, umschlossen von einem halbkreisförmigen Gebäudekomplex, wurde extra für die Iberoamerikanische Ausstellung entworfen, die Sevilla 1929 veranstaltet hat. Und Architekt Aníbal González kann nun wahrlich niemand vorwerfen, er hätte sich dabei keine Gedanken gemacht.

Der umschließende Halbkreis soll für die Umarmung der südamerikanischen Kolonien durch Spanien stehen (wie weit diese Umarmung beim Empfänger tatsächlich als liebevolle Geste interpretiert werden konnte, sei dahingestellt). Ein Kanal zieht einen Kreis, überquert von vier Brücken, welche die vier alten spanischen Königreiche repräsentieren. Die Öffnung in Richtung Fluss ist ein Hinweis auf den Weg in Richtung Amerika. Highlight des Komplexes sind die 48 Bänke am Rande des Platzes, eine für jede der 48 Provinzen des Landes, kunstvoll verziert mit Azulejos, den berühmten spanischen Kachelelementen, die Wappen, Karten und typische Szenen der jeweiligen Region zeigen.

Der Platz ist nicht nur aufgeladen mit Geschichte, er ist auch beliebte Filmkulisse. Hier treffen sich Anakin Skywalker und Amidala in Star-Wars-Episode II, in "Der Diktator" von Sacha Baron Cohen taucht der Komplex ebenfalls auf, wie auch in vielen anderen Filmen.

Szene-Läden und Kunst in den Vierteln La Alameda und La Macarena

Wer noch nicht genug hat von historischen Bauten, der besucht noch den Torre del Oro, einen maurischen Festungsturm am Ufer des Guadalquivir oder die Casa de Pilatos, einen Stadtpalast mit schönem marmornem Innenhof.

Wem nach heiterer Kurzweil ist, der bummelt durch das Viertel Barrio Santa Cruz. Im ehemaligen jüdischen Viertel der Stadt reihen sich andalusisch geprägte Häuser mit prächtig bepflanzten Balkonen an kleine Plätze mit Brunnen. Das Viertel ist geprägt von Orangenbäumen, Gässchen, Läden für Kunsthandwerk und mit den typischen Kacheln verzierten Innenhöfen und Bars.

Aber auch die touristisch weniger erschlossenen Viertel La Alameda und La Macarena sind einen Besuch wert. Hier finden sich Szene-Läden, verrückte kleine Restaurants und avantgardistische Kunst. Wie auch die Setas de Sevilla - die Pilze der Stadt, sechs gigantische schwammförmige Schirme aus einer wabenförmigen Holzkonstruktion. Offizieller Titel der Installation: Metropol Parasol, entworfen hat das Ganze der deutsche Architekt Jürgen Mayer H. Unter den pilzigen Schirmen haben sich Bars, Geschäfte und ein archäologisches Museum angesiedelt, auf dem Dach liegt ein Spazierweg. Wer braucht da noch Gaudí?

Anbeißen: Tapas, Tapas, Tapas, Gebäck und Eis

Sie wurden in Sevilla erfunden, in Sevilla wurden sie perfektioniert, hier sollte man sie essen: Tapas, die vielseitigen Häppchen, Vorspeisen, Mini-Gerichte. Im Sitzen, im Stehen, in der Bar, im Restaurant, zum Bier oder zum Sherry, Fisch, Fleisch oder Gemüse. Tapear: Im Spanischen gibt es sogar ein eigenes Verb dafür, von einer Tapas-Bar zu nächsten zu ziehen. Hier kommen die Anregungen für mögliche Stationen.

Das "Eslava" ist eine der beliebtesten Tapas-Bars in der Stadt. Hier gibt es gehobenes und zum Teil preisgekröntes Essen zu immer noch günstigen Preisen. Wie wäre es mit Costilla de cerdo, Rippchen in Honig-Rosmarin-Marinade, Almejas al cura, Miesmuscheln in Knoblauch und Olivenöl oder Strudel de verduras, Spinatstrudel: köstlich. Das wissen auch die Einheimischen, die hier gern essen. Es kann schon mal eng werden, doch das gehört zur Atmosphäre.

Spannende Neukreationen der Tapas-Klassiker entwickelt die "Bar Europa", dabei gibt es diese schon seit fast 90 Jahren. In den stilvoll gekachelten Räumlichkeiten gibt es dann Kabeljau an Orange, Kroketten mit iberischem Schinken oder auch einen fruchtigen Apfel-Milchreis. Die "Bodeguita Casablanca" ist für ihre sehr guten Fisch-Tapas, Whiskey-Tortillas und guten Rotwein bekannt.

Sangria und Törtchen

Richtig voll wird es regelmäßig auch in der "Bar Levíes" in der Calle San Jose 15. Hier futtern sich vor allem Studenten durch das reichhaltige Angebot. Die Stimmung ist toll, Tapas und Sangria sind günstig. Der Start in eine lange Partynacht gelingt mit Papas Fritas con Aioli.

Doch Sevilla kann nicht nur herzhaft. Schon seit 1885 verwöhnt die "Confitería La Campana" in der Calle Sierpes 1 die Leckermäulchen der Stadt mit Kuchen und Törtchen. In der alten Bäckerei mit der schönen Fassade gibt es die Spezialität Yema - eine Art kandierte Eiercreme, aber auch Natas, das sind Blätterteig-Törtchen. Wer mag kann diese gleich vor Ort oder auf der Terrasse vor dem Haus verspeisen.

Eigene Sorten für die Aromen der Stadt hat die Eisdiele "Heladería Artesana La Fiorentina" im Angebot: Crema de Flor de Azahar mit einem Hauch Orangenblüte oder Dulce de Romero mit Rosmarinaroma.

Ausgehen: Flamenco, Bar-Hopping und Studenten-Partys

Die Nächte starten spät und gehen lang in Sevilla. Vor 23 Uhr tummeln sich alle noch in den Tapas-Bars, Partys starten erst nach Mitternacht so richtig durch. Dann wird in der Uni-Stadt aber bis in die frühen Morgenstunden gefeiert.

Warum nicht traditionell mit Flamenco in den Abend starten? Neben den Tapas ist das eine weitere Spezialität Andalusiens. Im "La Carbonería", zentral im Barrio Santa Cruz auf dem Gelände einer alten Kohlenfabrik gelegen, gibt es mehrere große Bars, im Sommer wird im Innenhof gegrillt - und gegen 23 Uhr beginnen kostenlose Flamenco-Aufführungen, die durchaus sehenswert sind.

Etwas kleiner, aber dafür in schönem Ambiente und auf höchstem Niveau gibt es Flamenco in der "Casa de la Memoria de Al-Andalus". Hier lohnt es sich, vorab ein Ticket zu kaufen (18 Euro, Studenten 15 Euro).

Eine frische Brise und eine großartige Sicht bietet die Bar auf dem Dach des "Hotels Casa Romana". Wer die Setas, die gigantische Pilzskultpur noch nicht besichtigt hat, kann sie von hier aus in der nächtlichen Beleuchtung betrachten.

Nachtleben auf offener Straße

"La Marcha" (der Marsch) steht in Sevilla fürs Ausgehen, sich treiben lassen, in Santa Cruz von Bar zu Bar ziehen. Ein Großteil des Nachtlebens findet auch einfach auf offener Straße statt. Im Alameda-Viertel treten Musiker und Straßenkünstler auf, an den Terrassen am Fluss wird es im Sommer schnell angenehm kühl.

Für Drinks ist das "The Second Room" eine gute Adresse. Die Einrichtung der Bar ist elegant, geschmackvoll und ein bisschen exotisch, die Cocktails sind hervorragend.

Im "El Perro Andaluz" gibt es regelmäßig Livemusik in entspannter Atmosphäre, tritt niemand auf, läuft spanische Musik oder Rock. Touristen schlagen hier nur selten auf.

Wer mit den lokalen Stars und Sternchen feiern möchte, muss es an den Türstehern vorbei ins "Boss" schaffen. In dem Schickimicki-Club am Guadalquivir legen dann DJ's vor großen Videoleinwänden auf.

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