Süddeutsche Zeitung

Reisebranche:"Der Urlaub in diesem Jahr ist anders"

Der Präsident des Deutschen Reiseverbandes, Norbert Fiebig, kämpft um das Vertrauen der Kunden - will sie aber auch mehr in die Pflicht nehmen.

Interview von Jochen Temsch

Die Tourismusbranche gehört zu den Wirtschaftszweigen, die am härtesten von der Corona-Krise getroffen wurden. Nach Monaten der Reisewarnungen, Einreisestopps und Schließungen kommt das Geschäft mit dem Urlaub nur langsam wieder in Gang. Der Deutsche Reiseverband (DRV) ist die führende Interessenvertretung der Tourismusindustrie hierzulande, in ihr sind fast sämtliche Reisebüros und Reiseveranstalter organisiert. Norbert Fiebig ist ihr Präsident.

SZ: Seit einem Monat ist die globale Reisewarnung für 31 europäische Länder aufgehoben, aber die Urlauber bleiben lieber in Deutschland - woran liegt das?

Norbert Fiebig: Die gute Nachricht lautet: Urlaub ist wieder möglich. Derzeit sind die Kunden aber zum Teil noch unsicher, ob er sich unter den aktuellen Hygiene- und Sicherheitsbedingungen auch genießen lässt. Aber das geht gut. Ich war mit rund hundert Reisebüromitarbeitern auf dem Eröffnungsflug der Condor nach Palma und positiv überrascht. Vorsichtsmaßnahmen wie Abstand halten und Maske tragen gehören auch in Deutschland zum Alltag, daran haben wir uns bereits gewöhnt. Im Ausland ist das nicht anders. Wer damit zurecht kommt, kann einen schönen Urlaub haben. Seit Kurzem sehen wir auch wieder einen Anstieg der Buchungen ans Mittelmeer. Das freut uns sehr.

Andere tragen lieber keine Masken und feiern, als gäbe es Corona nicht, wie sich am vergangenen Wochenende auf Mallorca gezeigt hat. Gefährden die Urlauber ihre eigenen Freiheiten? Was können Reiseveranstalter gegen solche Exzesse tun?

Es ist wichtig, dass sich alle - auch im Urlaub - an bestimmte Regeln halten, wie zu Hause auch. Was wir schlichtweg nicht brauchen, ist eine zweite Corona-Welle. Und ja - mit der Nichtbeachtung der Regeln riskieren diejenigen nicht nur ihre eigene Gesundheit und die ihrer Mitmenschen, sondern auch die Freiheit, reisen zu können. Ein solches Verhalten ist in keinster Weise akzeptabel. Die Reiseveranstalter haben schon sehr früh gemeinsam mit Airlines, Hotels und den Zielgebieten Maßnahmen zusammengestellt, um das Ansteckungsrisiko auf ein Minimum zu reduzieren. Letztlich bedarf es aber immer auch des konsequenten Mitwirkens der Reisenden.

Optimismus zu verbreiten, gehört zu Ihrem Kerngeschäft. Wie wollen Sie das Vertrauen der Urlauber zurückgewinnen?

Hier kommt den Reisebüros eine besondere Rolle zu, denn Beratung ist aktuell noch wichtiger als sonst. Die Experten im Reisebüro können den Kunden sagen, was sie erwartet - je genauer die Beschreibung, desto geringer sind anschließend etwaige Enttäuschungen darüber, dass bestimmte Leistungen möglicherweise nicht erbracht werden können. Es gilt, falsche Erwartungen zu vermeiden. Der Urlaub in diesem Jahr ist anders als wir ihn kennen. Das ist auch eine Gratwanderung: auf der einen Seite ein Höchstmaß an Sicherheit gewährleisten, auf der andern den Spaß am Urlaub nicht verderben.

Noch fruchtet das nicht. Im Schnitt gibt es nur eine Buchung pro Reisebüro und Tag.

Ja, das Geschäft der Reisebüros bewegt sich derzeit leider noch auf sehr niedrigem Niveau. Deutschland läuft zurzeit voll, selbst Campingplätze sind schwer zu kriegen. Aber dieses Geschäft geht weitestgehend an Reisebüros und -veranstaltern vorbei, sie leben vor allem von Auslandsreisen. Im Juni hatten wir im Vergleich zum Vorjahr 80 Prozent weniger Umsatz. Allein für die Zeit von Mitte März bis Ende August rechnen wir mit 20 Milliarden Euro Umsatzeinbußen. Wenn die noch für 160 Länder geltende Reisewarnung Ende August nicht aufgehoben wird, drohen noch höhere Einbußen. Die Reisewarnung betrifft derzeit Fernziele, aber auch zum Beispiel die Türkei, Ägypten und Tunesien.

Wie sehen Sie die Chancen, dass Urlauber dieses Jahr noch dorthin reisen können?

Das ist abhängig von der Situation an den Urlaubsorten und der Einschätzung des Auswärtigen Amts. Solange eine Reisewarnung besteht, bieten die Veranstalter keine Reisen dorthin an, und kostenlose Stornos oder Umbuchungen sind möglich. Deshalb fordern wir, dass es wieder zu differenzierten Bewertungen kommt, die die individuellen Fakten in den jeweiligen Ländern berücksichtigen. Pauschal vor Reisen in 160 Länder zu warnen, ist nicht zielführend. Wenn die Verhältnisse so sind wie in Deutschland oder sogar besser, was den Stand der Pandemie angeht, die Sicherheits- und Hygienemaßnahmen und die Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems, spricht aus unserer Sicht nichts dagegen, dorthin zu reisen. Falls dem nicht so ist, sind wir gottfroh, wenn es eine Reisewarnung gibt. Die Gesundheit unserer Gäste und Mitarbeiter hat oberste Priorität. Und die Fachleute im Auswärtigen Amt sind sehr wohl in der Lage, die Zielgebiete individuell zu bewerten.

Wieso ist die wirtschaftliche Lage der Reisebranche eigentlich derart dramatisch? Vor Corona vermeldete sie nur Rekorde.

Aktuell sehen sich 85 Prozent unserer Unternehmen von der Insolvenz bedroht. In allen anderen Branchen sind es laut Ifo-Institut nur etwa 20 Prozent. Ja, wir waren in den vergangenen Jahren Umsatz- aber nie Ertragsweltmeister. Wir haben ein ausgesprochen margenschwaches Geschäft, einen hohen Wettbewerb, der sich über immensen Preisdruck abbildet. Die Rendite liegt in der Regel im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Einige Unternehmen haben viel Kapital in Hotels, Fluggesellschaften oder Kreuzfahrtschiffen gebunden - das bedeutet hohe Kosten, auch bei null Auslastung und null Geschäft. Dazu kommt eine weitere Besonderheit unserer Branche: die Rückabwicklung bereits abgeschlossener Geschäfte. Das heißt, verkaufte Reisen müssen storniert und entsprechend rückabgewickelt werden.

Die Summe, die Reiseveranstalter ihren Kunden zurückzahlen müssen, beläuft sich auf etwa sechs Milliarden Euro.

Ja, und sie kann noch steigen, je länger die Reisewarnung gilt. Die Saison war sehr gut vorgebucht. Nach europäischem Reiserecht müssen die Zahlungen von Kunden innerhalb von 14 Tagen nach Stornierung einer Reise zurückgezahlt werden. Dafür fehlt den Unternehmen die Liquidität. Die Gesetze sind nicht für eine weltumspannende Krise wie diese gemacht.

Sie wollten den Kunden verpflichtende Gutscheine statt ihr Geld zurück geben. Das hat die EU untersagt. Was haben Sie jetzt noch an Lösungsvorschlägen?

Zwölf europäische Länder haben dennoch Gutscheine eingeführt und sich damit über europäisches Recht hinweggesetzt. Aber wenn der eine Weg nicht geht, muss der andere gehen: über staatliche Kredite, die wir von Anfang an alternativ gefordert hatten.

Wie soll ein Urlauber, der sein Geld nicht zurückbekommt, verstehen, dass Konzerne wie die Tui oder die Lufthansa Milliardenhilfen vom Staat erhalten und trotzdem Mitarbeiter entlassen?

Die Unternehmen müssen ihre Strukturen den veränderten Rahmenbedingungen anpassen, um das Geschäft in Zukunft wieder erfolgreich führen zu können. Nur so werden sie auch in der Lage sein, staatlich garantierte Kredite zurückzuzahlen. Das liegt im Übrigen auch sehr stark im Interesse der Steuerzahler.

Können Sie den Ärger der Urlauber nachvollziehen, wenn sie auf ihr Geld warten müssen?

Natürlich. Veranstalter und Airlines hassen es, den Kunden ihr Geld nicht pünktlich zurückzahlen zu können. Die Kunden sind unzufrieden, wollen niemals mehr bei ihrem Veranstalter buchen, nehmen sich Anwälte - das will doch niemand. Die Reiseveranstalter möchten zufriedene Kunden, aber es fehlt ihnen aktuell an der erforderlichen Liquidität. Durch die bestehenden Gesetze wird einseitig die Wirtschaft belastet. Irgendwie müssen wir die Lasten einer solchen Pandemie auf breitere Schultern verteilen.

Sie meinen, auch auf den Rücken der Urlauber?

Der Verbraucherschutz steht bei Politikern häufig im Vordergrund. Das halte ich auch für gut und richtig. Aber wir reden hier über Ausnahme- und Krisensituationen. Und da werden gerade die Lasten einseitig auf die Industrie verteilt. Wenn dies zu Insolvenzen führt, ist niemandem geholfen.

Massentourismus - allein das Wort macht klar, wie schwer Urlaub unter Corona-Bedingungen machbar ist. Zieht die Branche Lehren daraus? Gibt es neue Ideen, etwa zu mehr Nachhaltigkeit, oder soll alles möglichst schnell wieder so werden wie es vorher war?

Das Thema Nachhaltigkeit hat deutlich Fahrt aufgenommen. Wir sehen eine hohe Sensibilität der Kunden - nicht nur für die Umweltverträglichkeit ihres Urlaubs, sondern auch, was die soziale Verantwortung angeht. Der Wettbewerb der Zukunft wird ein Wettbewerb um das Vertrauen der Kunden sein. Am Urlaubsverlangen und an den Urlaubsformen wird sich nicht so wahnsinnig viel ändern. Die Menschen werden, wenn es möglich ist, wieder die Welt erkunden, den kulturellen Austausch suchen, die Strände des Mittelmeers genießen, das schöne Restaurant, den leckeren Wein. Dabei sehe ich einen natürlichen Regelungsmechanismus, eine Tendenz weg von den Ausprägungen des Massentourismus hin zum Gefühl von Individualität. Wir verkaufen zwar ein Massenprodukt, dieses wird aber immer individueller und kleinteiliger und damit auch ursprünglicher.

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Quelle:
SZ vom 16.07.2020/edi
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