Süddeutsche Zeitung

Reisebuch zu den Alpen:Das Almgefühl

In den Alpen wird besonders deutlich, wie der Mensch sich die Natur aneignet. Fotograf Walter Niedermayr zeigt: Gerade hier hängt ihre Zukunft davon ab, dass sie sich zusammentun.

Was macht den Ort Lech am Arlberg aus? Ist es das Ortsbild, sind es seine Bewohner oder sind es stattdessen die Urlaubsgäste mitsamt der touristischen Infrastruktur? Der in Südtirol lebende Fotograf Walter Niedermayr jedenfalls hat in den vergangenen beiden Jahren eine Fotoserie produziert über Lech, die ganz ohne Lech auskommt, ohne die Architektur des Ortes.

Niedermayr hat den alpinen Raum um das Dorf herum fotografiert, mitsamt den Menschen, die ihn bespielen, und den Einbauten, die sie vorgenommen haben. Wege sind zu sehen, technische Anlagen insbesondere für den Wintersport - und oft winzig kleine Menschen in Funktionskleidung. Niedermayr wartet für seine Aufnahmen auf ein Licht, das kaum Schatten wirft.

Die Farben des Geländes werden dadurch entsättigt, die Bergflanken reduziert auf Oberflächen oder Untergründe, auf denen die künstlich hergestellten Farben der Anoraks und der Lacke auf den Liftmasten umso deutlicher hervorstechen. Indem Niedermayr stets mehrere Aufnahmen zu einem Motiv gruppiert, distanziert er sich von einem Fotorealismus, der den Moment festhält. Es gibt demnach auch keine Zentralperspektive.

"In Niedermayrs Serien scheinen die unterschiedlichen Elemente nicht zu kommunizieren, nicht aus der selben Raum-Zeit zu stammen", schreibt Catherine Grout in einem Essay für den Bildband "Raumaneignungen - Lech 2015 / 2016". Die Geologie der Berge, die Bauten und die aktuell in der Szenerie befindlichen Personen existieren eher neben- als miteinander. Walter Niedermayr selbst sagt: "Es gibt in den meisten meiner Fotografien eine bestimmte Gleichwertigkeit zwischen Landschaft, Menschen und Infrastruktur."

Der Bildband und die zugehörige Ausstellung in Lech sind entstanden im Auftrag der Allmeinde Commongrounds. Die private Kulturinitiative aus Lech beruft sich auf die Tradition der Allmeinde oder auch Allmende, des Allgemeinguts. Darunter fällt zum Beispiel die im Dorfverbund organisierte gemeinschaftliche Viehhaltung auf den Almen. Walter Niedermayrs Fotoarbeiten finden in ihrem artifiziellen Ansatz zu einem sehr klaren Ausdruck dafür, wie die Menschen - Reisende wie Bereiste - den alpinen Raum gestalten. Und zwar gemeinschaftlich. Es mag einen wundern, dass in einem derart kapitalisierten und globalisierten Touristenort wie Lech eine Bewegung existiert (und unter anderem von Hoteliers getragen wird), deren Mitglieder sich einer nachhaltigen und gemeinschaftlichen Gestaltung ihres Lebensraums verschrieben haben.

Die These sowohl von Niedermayr als auch von Allmeinde Commongrounds lautet: Die Zukunft der Menschen in den Alpen hängt seit jeher davon ab, dass sie sich zusammenzutun. Sei es früher in der Landwirtschaft oder heute im Tourismus. Wildwüchse eingerechnet.

Walter Niedermayr: Raumaneignungen - Lech 2015 / 2016. Hatje Cantz Verlag, Berlin 2017. 144 Seiten, 39,80 Euro. Die Bilder sind überdies bis 17. April in der Allmeinde Commongrounds in Lech ausgestellt, Tannberg 394. Öffnungszeiten Mittwoch bis Sonntag, 15 bis 18 Uhr. www.allmeinde.org

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SZ vom 02.03.2017/ihe
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