Süddeutsche Zeitung

Kolumne "Ende der Reise":Mallorca ist überall

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Das RKI erklärt Großbritannien zum Virusvariantengebiet. Eigentlich kein Problem, aber was, wenn die Briten trotzdem reisen?

Glosse von Dominik Prantl

Es ist noch gar nicht lange her, da war das Robert-Koch-Institut (RKI) beim Großteil der Bevölkerung ungefähr so bekannt, wie eine biomedizinische Forschungseinrichtung der Bundesregierung vor dieser alles bestimmenden Pandemie eben bekannt war. Die Webseite des Auswärtigen Amts wiederum galt höchstens bei Entwicklungshelfern, Reisejournalisten und ähnlich schrägen Vögeln als Informationsquelle, um die verpflichtenden Gelbfieberimpfungen oder die genauen Verbreitungsgebiete der Schweinepest zu prüfen. Und bei Lauterbach dachte ein Mensch von alter Normalität vielleicht an den schauspielernden Heiner, aber sicher nicht an den prophetisch veranlagten Mediziner Karl, der anders als der Nichts-Auslasser Heiner angeblich sogar auf Salz und wer weiß auf welche ungesunden Laster der Moderne sonst noch verzichtet.

Inzwischen bilden RKI, Auswärtiges Amt und Lauterbach die Trinität der deutschen Reisefreiheit, gelegentlich flankiert vom Erzengel Spahn. Egal, wo man auch hinwill: Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht irgendeiner was erklärt oder warnt oder sogar twittert. Neulich erst: Da schien man sich von Johnson bis Draghi gerade darauf geeinigt zu haben, dass dies ein spitzenmäßiger Superduper-Sommer wird, schon grätscht der Lauterbach wie ein Schiedsrichter mit der Trillerpfeife bei einem harmlosen Trikotzupfer dazwischen und meint sinngemäß: Passt mir bloß auf diese Briten mit ihren indischen Mutanten auf! Am Sonntag zog das RKI nach und erklärte Großbritannien zum Virusvariantengebiet, was die Insel für Urlauber ungefähr so interessant macht wie einen Besuch in einem Liverpooler Fußball-Pub nach einer Niederlage des FC Liverpool - und zwar im Trikot des Erzrivalen Manchester United.

Jetzt lässt sich natürlich sagen: Was interessieren mich Großbritannien und der britische Nieselregen, ich fahre eh lieber ans Mittelmeer. Aber was macht der Brite, wenn er den britischen Nieselregen satthat? Genau, flüchtet womöglich mitsamt seiner indischen Virusvariante ans Mittelmeer und dort am liebsten nach Mallorca, das eigentlich seit Jahren zum deutschen Hoheitsgebiet zählt.

Nur haben dort Robert-Koch-Institute, Lauterbach und Auswärtiges Amt trotzdem wenig zu melden, weshalb die Briten, so ist zu lesen, angeblich weiterhin problemlos nach Spanien einreisen dürfen. Aber vielleicht sollte man zwischen all den RKIs, Lauterbachs und Auswärtigen Ämtern einfach mal ganz entspannt auf die maßgebliche Urlaubsautorität vergangener Tage achten: die Wettervorhersage. Über Italien bricht der Sommer herein, selbst in Mitteleuropa soll der Winter ein Ende haben, und in Großbritannien wird ein fast spanisches Wochenende erwartet, an dem die Flucht nach Mallorca gar nicht mehr nötig ist. Es gibt also Hoffnung.

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