Süddeutsche Zeitung

Blutproben von Passagieren untersucht:Nervengift in der Kabinenluft

Piloten, Flugbegleiter und Vielflieger klagen oft über Kopfschmerzen, Übelkeit und sogar Depressionen. Liegt das an der Luft in der Kabine? Eine US-Forschergruppe hat mit einem neuen Test erstmals Spuren des giftigen TCP in Blutproben von Passagieren nachgewiesen.

Katja Schnitzler

Erstmals haben Forscher Giftstoffe im Blut von Flugpassagieren nachgewiesen, die sie wahrscheinlich an Bord über die Kabinenluft aufgenommen haben - allerdings in sehr kleinen Mengen. Diese Werte wurden nach gewöhnlichen Flügen ermittelt, auf denen es keinen sogenannten Fume Event gab, also Rauch oder Gestank in der Kabine auftrat.

Mit einem neuartigen Testverfahren fanden US-Forscher Hinweise auf das Nervengift Tricresylphosphat (TCP) in sechs von zwölf untersuchten Passagieren. Das Blut sei jeweils ein bis zwei Stunden nach dem Flugende abgenommen worden, schreiben die Forscher im Fachjournal Toxicology and Applied Pharmacology. Sie konnten TCP jedoch nicht direkt, sondern nur über ein Abbauprodukt nachweisen. Nach drei bis sieben Monaten sei die Substanz bei keinem der vier Langzeitprobanden mehr festgestellt worden, die zuvor TCP im Blut hatten. Keiner der untersuchten Passagiere klagte über körperliche Beschwerden.

Allerdings halten besonders Piloten und Flugbegleiter sowie auch Vielflieger, die unter kurzfristigen wie auch langfristigen Symptomen wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Lähmungen und Muskelzittern sowie Depressionen (Aerotoxisches Syndrom) leiden, diese giftigen Chemikalien für den Auslöser ihrer Leiden - einige wurden sogar berufsunfähig.

Kabinenluft aus Triebwerken angesaugt

In Verkehrsflugzeugen kommt die Luft für Cockpit und Kabinen nicht wie der Laie vermuten würde direkt aus der "frischen Luft", die das Flugzeug umgibt - sondern wird (außer im neuen Dreamliner 787) in den Triebwerken aus der komprimierten Luft abgezapft. Doch die sogenannte Zapfluft kann bei mangelhafter Wartung der Mechanik oder bei porösen Dichtungen im Triebwerk auch giftige Chemikalien aus erhitztem Öl enthalten.

"Wenn die Atemluft mit Rückständen von heißem Öl verunreinigt ist, geht es nicht nur um das bekanntermaßen giftige TCP. Es gelangt ein bunter Mix aus Stoffen in die Bordluft - und keiner weiß, wie sich dieser Cocktail auswirkt. Es existiert keine umfassende Untersuchung dazu", sagte Jörg Handwerg, Sprecher der Pilotenvereinigung Cokpit, in einem Interview zu sueddeutsche.de. Er forderte Warngeräte im Cockpit, solange keine Chemikalienfilter eingebaut seien. "Die Untersuchung ist überfällig, da man weiß, dass es regelmäßig zu Vorfällen kommt und allein TCP ist schon hochgiftig", kritisierte er in dem Interview.

In Australien wurden einer Flugbegleiterin bereits 97.000 Euro Schmerzensgeld gezahlt, nachdem sie 1992 Öldämpfen im Flugzeug ausgesetzt war und seitdem unter Atembeschwerden leidet.

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sueddeutsche.de/dd/kaeb/mit Material der dpa
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