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Pilotenvereinigung Cockpit:"Unsichtbares Gift betäubt Piloten"

Flugpersonal und Passagiere klagen mitunter über Zittern, Kopfschmerzen und Lähmungen. Schuld könnte Gift in der Kabinenluft sein, sagt ein Pilot.

In Verkehrsflugzeugen kommt die Luft für Cockpit und Kabinen nicht wie der Laie vermuten würde direkt aus der "frischen Luft", die das Flugzeug umgibt - sondern wird in den Triebwerken aus der komprimierten Luft abgezapft. Doch die sogenannte Zapfluft kann bei mangelhafter Wartung der Mechanik oder bei Leckagen der Dichtungen im Triebwerk auch giftige Chemikalien aus erhitztem Öl enthalten. Das Problem wird bislang von Herstellern ignoriert, wie nicht nur Betroffene klagen, die zum Teil unter Kopfschmerzen, Lähmungserscheinungen und Muskelzittern leiden: dem "aerotoxischen Syndrom". Einige wurden sogar berufsunfähig.

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Daher fordern die Gewerkschaften Verdi, die Pilotenvereinigung Cockpit und die Unabhängige Flugbegleiter Organisation (Ufo) nun nicht nur eine umfassende Untersuchung der Kontamination in den Kabinen, sondern auch Gegenmaßnahmen mit Filtern und Warngeräten. Denn während der neue Dreamliner 787 von Boeing die Luft nicht mehr aus den Triebwerken gewinnen wird, fliegen die anderen Passagierflieger weiter mit "Zapfluft".

sueddeutsche.de sprach mit Jörg Handwerg von der Vereinigung Cockpit, der selbst Pilot ist, über die Gifte im Flugzeug.

sueddeutsche.de: Herr Handwerg, kann Ölgestank ein Risiko für die Sicherheit an Bord sein?

Jörg Handwerg: Es gab Vorfälle, bei denen Kollegen bis hin zur Handlungsunfähigkeit durch unsichtbare Gase betäubt wurden. Sie konnten sich nicht mehr konzentrieren, ihre Muskeln nicht mehr kontrollieren, es kam zu Lähmungen.

sueddeutsche.de: Wie konnten die Piloten trotz Lähmungen weiterfliegen?

Handwerg: Als die Piloten bemerkten, dass ihnen "komisch" zumute wurde, setzten sie die Sauerstoffmasken auf, wodurch sich nach einiger Zeit ihr Zustand wieder besserte. Durch die Masken im Cockpit gibt es im Gegensatz zu den Passagiermasken eine hundertprozentige Sauerstoffversorgung ohne Beimischung von Kabinenluft. Zum Glück ist bisher alles gut ausgegangen, es kam nicht zu Abstürzen. Aber brenzlig waren die Situationen aus unserer Sicht schon.

sueddeutsche.de: Schuld an den Lähmungen war das Nervengift Tricresylphosphat (TCP), das im Öl enthalten ist?

Handwerg: Wenn die Atemluft mit Rückständen von heißem Öl verunreinigt ist, geht es nicht nur um das bekanntermaßen giftige TCP. Es gelangt ein bunter Mix aus Stoffen in die Bordluft - und keiner weiß, wie sich dieser Cocktail auswirkt. Es existiert keine umfassende Untersuchung dazu. Solange also keine Filter eingebaut sind, sollte es zumindest Warngeräte im Cockpit geben. Die Untersuchung ist überfällig, da man weiß, dass es regelmäßig zu Vorfällen kommt und allein TCP ist schon hochgiftig.

sueddeutsche.de: Eigentlich gibt es ja schon Filter für die Luft an Bord?

Handwerg: Aber die holen nur Viren und Bakterien heraus, nicht die anorganischen Giftstoffe und sie filtern nur die Umluft, aber nicht gezielt die Luft, die aus den Triebwerken hinzukommt.

sueddeutsche.de: Sind denn spezielle Giftfilter bereits entwickelt?

Handwerg: Ja, und wohl auch schon getestet. Nur wollte sie bisher kein Flugzeughersteller haben. Denn dabei ginge es nicht nur um eine einmalige Anschaffung etwa eines Aktivkohlefilters, sondern auch um einen regelmäßigen Austausch. Und der kostet Geld.