US-Schulen

Das Geschäft mit der Angst boomt

Kugelsichere Tafeln, schusssichere Rucksäcke, Panikräume im Klassenzimmer: In den USA ist aus der Furcht vor Amokläufen an Schulen eine Drei-Milliarden-Dollar-Industrie entstanden.

US-Schulen

Das Geschäft mit der Angst boomt

Kugelsichere Tafeln, schusssichere Rucksäcke, Panikräume im Klassenzimmer: In den USA ist aus der Furcht vor Amokläufen an Schulen eine Drei-Milliarden-Dollar-Industrie entstanden.

19. August 2022 - 6 Min. Lesezeit

Angst und Hilflosigkeit. Das sind die zwei Gefühle, mit denen amerikanische Eltern ihre Kinder derzeit morgens aus dem Haus schicken. Das neue Schuljahr hat gerade begonnen, doch viele Eltern sind nicht erleichtert, dass drei Monate Sommerferien vorbei sind, dass es wieder einen geregelten Alltag gibt, dass das Kind was lernt und Schulkameraden trifft. Sie haben Angst, dass ihr Kind eines Nachmittags nicht nach Hause kommen wird, und die Hilflosigkeit deswegen quält sie.

Und die Angst ist begründet. Alle Eltern kennen die Zahlen: In diesem Jahr hat es an Schulen in den USA bislang 102 Vorfälle gegeben, bei denen eine Waffe abgefeuert worden ist. Die Zahl der Vorfälle ist in den vergangenen Jahren ganz erheblich gestiegen, von 315 in den Jahren 2013 bis 2017 auf 628 von 2018 bis 2022. Die Zahl der Todesopfer stieg von 141 auf 207 – wobei in den aktuellen Zeitraum die Corona-Pandemie ohne Präsenzunterricht fällt und 2022 ja noch nicht vorbei ist.

Alle Eltern kennen die Namen der Orte, an denen bei Amokläufen an Schulen mindestens zehn Kinder getötet worden sind: Wie hier in Uvalde oder in Santa Fe, Parkland, Newtown, Blacksburg, Columbine.

Alle Eltern kennen die Namen der Orte, an denen bei Amokläufen an Schulen mindestens zehn Kinder getötet worden sind: Wie hier in Uvalde oder in Santa Fe, Parkland, Newtown, Blacksburg, Columbine.

Was auch jeder weiß: dass es den nächsten Amoklauf geben wird. Was keiner weiß: wo er stattfinden wird – deshalb die Angst.

Niemand leugnet diese Zahlen. Selbst die Waffenlobby NRA, die solche Vorfälle sonst routiniert runterspielt, geht neuerdings auf ihrer Homepage sehr offensiv mit den Zahlen um. Warum das so ist, steht dort auch: „Es ist unsere Pflicht, unser Recht, unsere Verantwortung, unsere Kinder zu schützen.“

Doch wie? Die Lösungsansätze könnten unterschiedlicher kaum sein: Die einen fordern strengere Waffengesetze.

Die anderen, wie die NRA, dass Schulen zu Festungen werden, Lehrer zu Waffenträgern und Schüler zu Experten im Umgang mit Attentätern.

Die anderen, wie die NRA, dass Schulen zu Festungen werden, Lehrer zu Waffenträgern und Schüler zu Experten im Umgang mit Attentätern.

Und das führt im kapitalistischen Amerika dazu, dass sich eine 3,1-Milliarden-Dollar-Industrie entwickelt hat, die sich nach eigenem Dafürhalten um die Sicherheit an Schulen kümmert. Man könnte auch sagen: die aus der Angst ein Geschäft macht. Es sind Firmen wie Fighting Chance Solutions, School Safety Solutions, Defend our Children oder Protective Technologies. Wie ihre Namen sagen: Sie bieten Produkte, die Kindern eine Chance geben sollen, sich beim Amoklauf in der Schule zu verteidigen.

Zum Beispiel das Bulletproof Clipboard für 129 Dollar; ein kugelsicheres Klemmbrett. Oder einen Rucksack für 147 Dollar mit Ballistic Inlet, das Kugeln abwehren soll. Das Unternehmen preist an, wie diskret die Einlagen seien, es gibt sie in den Farben Schwarz, Camouflage, Adler mit US-Flagge und Grundschul-Bildern. Man wolle doch nicht, heißt es, dass im Falle eines Amoklaufs ein Mitschüler den Rucksack wegnehme – man solle das Kind deshalb instruieren, den Ballistic-Inlet-Rucksack lieber geheim zu halten. Im Ernstfall ist sich jeder selbst der Nächste.

Die meisten der Firmen, die solche Produkte für den Einzelnen anbieten, sind spezialisiert auf das Geschäft mit der Angst. Sie sind der Prepper-Bewegung entsprungen. Prepper nennen sich Leute, die auf jede Art von Ernstfall vorbereitet sind – Naturkatastrophen, Amokläufe, Kriege. Wer Rucksäcke fürs Überleben nach einem Erdbeben feilbietet, kann Plastikeimer mit ähnlichem Inhalt als Classroom Lockdown Kit verkaufen.

Angst ist nicht neu in den USA. Der Soziologe Barry Glassner hat bereits 1999 das Buch „The Culture of Fear“ über die Ängste der Amerikaner geschrieben. Er hat das Buch zweimal aktualisiert, nach den beiden traumatischen Ereignissen in diesem Land – den Terroranschlägen am 11. September 2001 und der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten. Ein Satz steht da aber seit mehr als 20 Jahren: „Die Antwort darauf, warum Amerikaner so viele Ängste hegen: Es warten immens viel Macht und Geld auf die, die Unsicherheiten abklopfen und uns mit symbolischen Heilmitteln versorgen.“

Das große Geschäft beginnt bei der Ausstattung und Sicherung der Schulen.

Beim Amoklauf in Uvalde im Mai funktionierte offenbar die Tür eines Klassenzimmers nicht.

Beim Amoklauf in Uvalde im Mai funktionierte offenbar die Tür eines Klassenzimmers nicht.

Die Firma Fighting Chance Solutions bietet deshalb ein System an, mit dem sich eine Tür auch ohne Schloss ver- und entriegeln lässt. Der Schütze in Uvalde gelangte problemlos aufs Gelände, also rüsten Schulen auf mit 2,50 hohen Zäunen und einem Panic Gate, durch das man schwer reinkommt in die Schule, bei Massenpanik aber rasch raus.

Es gibt Metalldetektoren, wie man sie von Flughäfen kennt. Im Klassenzimmer dann: schusssichere Türen für 5700 Dollar das Stück.

Oder ein Panikraum für 1000 Dollar pro Person im Klassenzimmer, der laut Hersteller „jeder Waffe, die jemals bei einem Amoklauf an einer Schule verwendet wurde, standhält – und noch ein paar anderen Dingen dazu“.

Es gibt Metalldetektoren, wie man sie von Flughäfen kennt. Im Klassenzimmer dann: schusssichere Türen für 5700 Dollar das Stück.

Oder ein Panikraum für 1000 Dollar pro Person im Klassenzimmer, der laut Hersteller „jeder Waffe, die jemals bei einem Amoklauf an einer Schule verwendet wurde, standhält – und noch ein paar anderen Dingen dazu“.

Es gibt eine kugelsichere Tafel für 5495 Dollar, die im Ernstfall vor die Tür gerollt werden kann. Oder einen Tisch, den die Firma Defend Our Children als „Last Line of Defense“ bezeichnet, als letzte Abwehrfront. Schüler können unter diesen Tisch flüchten und ihn verschließen, laut Hersteller ist er sicher gegen Bedrohungen des Levels IIIa; also Kugeln der Kaliber neun Millimeter aus einer Maschinenpistole sowie .44 Magnum aus Revolvern. Kosten inklusive Installation: mindestens 7000 Dollar das Stück.

Klingt viel, auf vielen Hersteller-Webseiten heißt es aber, dass es das wert sei. Zum Beispiel auf der Homepage von Protective Technologies International: „Wir müssen alles unternehmen, um unsere Kinder zu schützen.“ Wer würde da widersprechen wollen?

Ist dieses sogenannte „School Hardening“ klug – oder ist es, wie Glassner schreibt, nur symbolisches Heilmittel? Es gibt, wie immer in den USA derzeit, zwei Antworten auf so eine gesellschaftspolitische Frage, und die Lager stehen einander unversöhnlich gegenüber. Es gibt Lehrer, die mit Freude eine Waffe tragen wollen, so wie es Eltern gibt, die Schulen wie Festungen haben wollen. Auf der anderen Seite gibt es Lehrer, die sagen, dass eine Waffe aber so was von gar nichts mit Bildung und Erziehung zu tun habe. Und Eltern, denen es beim Anblick einer Schule, die aussieht wie ein Gefängnis, eiskalt den Rücken runterläuft. Die treffendste und traurigste Reaktion stammt meist von den Kindern – ob man sie selbst fragt oder ihre Antwort im Fernsehen sieht, sie ist immer gleich: Schulterzucken, ist halt so.

Dass mehr Technik nicht immer auch mehr hilft, zeigt ein Beispiel:

Laut National Center for Education Statistics sind inzwischen an 86 Prozent aller US-Schulen Sicherheitskameras installiert, 1999 (dem Jahr des Columbine-Amoklaufs) waren es nur 20 Prozent.

Laut National Center for Education Statistics sind inzwischen an 86 Prozent aller US-Schulen Sicherheitskameras installiert, 1999 (dem Jahr des Columbine-Amoklaufs) waren es nur 20 Prozent.

„Es gibt Schulen, in denen sie installiert sind – aber nicht funktionieren“, sagt Ken Trump, Präsident von National School Safety and Security Services, einer Firma, die Schulen in Sachen Sicherheit berät: „Diese Schulen haben Förderungen gekriegt, dann aber kein Geld, die Geräte instand zu halten. Es ist Fassade, die letztlich nichts bringt.“

Bräuchten Schulen also noch mehr Geld für Geräte? Im Bundesstaat Indiana gibt es die Southwestern High School, die sich seit Jahren damit rühmt, die sicherste Schule der USA zu sein: Es gibt zig Kameras, die live an die Polizei senden, schusssichere Türen und Rauchbomben in der Decke. Lehrer tragen sogenannte Panic Buttons um den Hals, mit denen sie sofort Alarm auslösen können. Geschätzte Kosten bei der Installation im Jahr 2015: 400 000 Dollar. In den USA gibt es aber mehr als 130 000 Schulen. Es wäre also viel mehr Geld nötig. Entsprechend soll die 3,1-Milliarden-Security-Branche Prognosen zufolge um durchschnittlich acht Prozent jährlich wachsen.

Und dann gibt es noch eine andere Industrie: die Ausbildung der Kinder. Die Biden-Regierung verabschiedete kürzlich eine Reform zum Umgang mit Waffengewalt. Darin enthalten sind eine Milliarde Dollar, um „ein sicheres Umfeld zu schaffen“, davon 300 Millionen Dollar für das Training von Schülern und Lehrern, „das sie brauchen, um Gewalt zu verhindern oder darauf zu reagieren“.

Active Shooter Drills werden mittlerweile an 95 Prozent aller US-Schulen mindestens ein Mal pro Jahr abgehalten.

Schüler lernen dort, wie sie sich im Ernstfall verhalten müssen. Die drei Grundregeln: Weglaufen, Verstecken, Kämpfen.

Schüler lernen dort, wie sie sich im Ernstfall verhalten müssen. Die drei Grundregeln: Weglaufen, Verstecken, Kämpfen.

Auch daran verdienen Leute sehr viel Geld, ein Tagesseminar kostet etwa 400 Dollar pro Teilnehmer. Aber: Bringt man in solchen Schulungen künftigen Tätern nicht die Verteidigungsstrategie bei? Schließlich wird knapp die Hälfte aller Schul-Amokläufe von aktuellen oder ehemaligen Schülern verübt. Alice, die bekannteste Firma, die diese Trainings anbietet, schreibt dazu auf der Webseite: „Der Schütze kann nicht vorhersehen, was Attackierte tatsächlich tun werden.“

Beruhigend ist das nicht gerade. Ebenso wenig wie die Statistiken, die die Waffenlobby NRA gern über Gewalt an Schulen und die Ängste der Eltern veröffentlicht. Wie Glassner schon 1999 schrieb: „Es warten immens viel Macht und Geld. Hersteller von Alarmanlagen werden niemals Statistiken veröffentlichen, dass die Zahl der Einbrüche gesunken sei.“

Team
Text Jürgen Schmieder
Digitales Storytelling Fabian Riedel
Bildredaktion Fabian Riedel