Großbritannien

Good bye, Ma’am

Manche trinken Pimm’s oder Bier und sind fröhlich, andere weinen. Aber alle sind sie ruhig und diszipliniert. Warum sich sogar David Beckham in die Schlange einreiht, um der Queen die letzte Ehre zu erweisen. Eine Nacht in der "Queue".

Großbritannien

Good bye, Ma’am

Manche trinken Pimm’s oder Bier und sind fröhlich, andere weinen. Aber alle sind sie ruhig und diszipliniert. Warum sich sogar David Beckham in die Schlange einreiht, um der Queen die letzte Ehre zu erweisen. Eine Nacht in der "Queue".

Von Michael Neudecker, London
16. September 2022 - 7 Min. Lesezeit

Nach allem, was man vorher gelesen und gehört hat, ist es doch so: Die Briten stellen sich acht Stunden in eine Schlange, sind fröhlich gelaunt, schließen Freundschaften, trinken Pimm’s und Bier, und am Ende verneigen sie sich vor dem Sarg der Queen. Oder?

Bitte, sagt eine Frau in ernstem Ton und mit feuchten Augen, sie möchte jetzt wirklich alleine gelassen werden und nicht mit einem Journalisten reden. Es ist Donnerstagnachmittag, halb fünf, die Schlange zum Sarg beginnt da im Stadtteil Bermondsey, an einem Pub, vor dem die Feuerwehr Wasserflaschen verteilt. Der Pub heißt „The Angel“. Die aktuelle Vorhersage im Livetracker der Regierung, nach dem zuständigen Department for Digital, Culture, Media and Sports „DCMS-Tracker“ genannt: sechs Stunden, vom Angel bis zum Sarg.

The Queue, die Schlange, Whatsapp-sprachlich „the Q, so heißt das Phänomen, das seit Mittwochabend in London alles dominiert, die Gespräche, das Fernsehprogramm, die Zeitungsseiten, Twitter sowieso. Aber die Queue ist kein Volksfest und kein Event. Die Menschen stehen an, weil die Queen tot ist.

Am Mittwochnachmittag wurde der Sarg von Queen Elizabeth II. in der Westminster Hall auf einem Podest auf einen hohen, mit lilafarbenem Stoff verkleideten Kasten gelegt, rechts und links davon schreiten seitdem die Menschen vorbei. Fast alle verneigen sich, wenn sie vor dem Sarg stehen, viele bekreuzigen sich, einige weinen. Die Atmosphäre in der Halle, einem fast tausend Jahre alten Bauwerk mit einem mächtigen Holzgewölbe, erfasst einen, wenn man drin ist, ob man will oder nicht.

Um den Sarg herum stehen Kerzen, daneben regungslose Wachen, gekleidet in prächtige Uniformen, manche tragen die berühmten Bärenfellmützen, andere Helme mit hohen Federn drauf.

Alle zwanzig Minuten, wenn zwei Klopfzeichen durch die Stille der Halle schallen, erwachen sie zum Leben. Sie heben ihre Köpfe, langsam, heben ihre Schwerter, treten vom Podest, alles geschieht in völligem Einklang.

Um den Sarg herum stehen Kerzen, daneben regungslose Wachen, gekleidet in prächtige Uniformen, manche tragen die berühmten Bärenfellmützen, andere Helme mit hohen Federn drauf.

Alle zwanzig Minuten, wenn zwei Klopfzeichen durch die Stille der Halle schallen, erwachen sie zum Leben. Sie heben ihre Köpfe, langsam, heben ihre Schwerter, treten vom Podest, alles geschieht in völligem Einklang.

Zwölf Stunden dauert eine Schicht, zwanzig Minuten stehen sie am Sarg, dann haben sie vierzig Minuten Pause. Der Dienst ist eine Ehre, einige wurden dafür vom Einsatz im Irak zurückgeholt.

Draußen, in einem für die Trauernden unzugänglichen Innenhof des Parlaments, proben sie noch mal die Schritte, vor, nach links, umdrehen, stehen, Kopf senken, die Schrittfolge variiert je nach Aufgabe. Die Wachen, die die Halle nach Schicht-Ende durch eine Tür verlassen, atmen tief aus, wenn die Menschen sie nicht mehr sehen können, sie strecken sich, manche ziehen ihre Uniformen bis auf die Strumpfhosen aus.

Das „Lying-in-state“, wie es auf Englisch heißt, ist auch eine Inszenierung, und wenn man die Halle durch einen Seiteneingang betritt, kommt es einem vor, als stünde man in einem Historienfilm.

Alles ist perfekt, die dicken Kabelschläuche für die Kameras am Rand sind in Leintüchern eingewickelt, beige, in der Farbe der Wand. Die BBC überträgt im 24-Stunden-Livestream.

Das Lying-in-state ist ein historisches Ereignis, seit dem Zweiten Weltkrieg gab es das in Großbritannien nur vier Mal: nach dem Tod von König George VI. 1952, nach dem Tod von Queen Mary 1953, nach dem Tod von Winston Churchill 1965 und nach dem Tod der „Queen Mother“ 2002. Jedes Mal stellten sich die Briten an. Auf eine Weise, wie es nur die Briten können.

„Ich weiß nicht, warum das so ist, ich kann das nicht erklären“, sagt Camilla Baird, sie zuckt mit den Schultern. „Das ist einfach in uns drin.“

Es ist kurz nach Mitternacht, Camilla Baird, 63, und ihr Mann James, 67, haben gerade die Queue betreten. Inzwischen ist sie bis zu ihrem offiziellen Startpunkt gewachsen, den Absperrgittern im Southwark Park, die einen Zickzack-Kurs abstecken.

Zickzack-Schlangen treten im Verlauf der Queue öfter auf, sie sind die Hölle, es ist, als würde man endlose Serpentinen einen Berg hinauffahren, immer in der Hoffnung, dass nach der nächsten Kurve der Gipfel kommt. Aber er kommt nicht. Blick auf den DCMS-Tracker: neun Stunden.

Es ist kurz nach Mitternacht, Camilla Baird, 63, und ihr Mann James, 67, haben gerade die Queue betreten. Inzwischen ist sie bis zu ihrem offiziellen Startpunkt gewachsen, den Absperrgittern im Southwark Park, die einen Zickzack-Kurs abstecken.

Zickzack-Schlangen treten im Verlauf der Queue öfter auf, sie sind die Hölle, es ist, als würde man endlose Serpentinen einen Berg hinauffahren, immer in der Hoffnung, dass nach der nächsten Kurve der Gipfel kommt. Aber er kommt nicht. Blick auf den DCMS-Tracker: neun Stunden.

„Unter König George VI. haben die Briten das Anstellen gelernt“, schrieb das Time Magazine im Februar 1952, kurz nach dessen Tod. Nach dem Krieg mussten sie anstehen für Essen, Kleidung und anderes, „vergangene Woche haben sie sich für ihn angestellt“. Der Sarg von George VI., dem Vater von Elizabeth II., wurde auch in der Westminster Hall aufgebahrt, danach war jahrelang von „The Great Queue“ die Rede, der großen Schlange.

The Great Queue, 2022 ist das auch:

Die großartige Schlange.

The Great Queue, 2022 ist das auch:

Die großartige Schlange.

„Schauen Sie sich die Leute an“, sagt ein Stewart, der wie so viele freiwillige Helfer hier Beamter im Civil Service ist, er arbeitet für das Innenministerium. Er zeigt hinüber zur Schlange: „Die Stimmung ist so wundervoll.“ Die Menschen sind ruhig, aber fröhlich, und, ja: Freundschaften werden geschlossen, manche trinken Pimm’s und manche Bier, aber nichts läuft aus dem Ruder. Der Beamte steht mit seiner Kollegin vom Kulturministerium, beide bekleidet mit der hellblauen Helferweste, auf der Belvedere Road, von der Kreuzung aus sieht man den Elizabeth Tower, in dem Big Ben hängt, die berühmte Glocke. Der Turm ist nicht beleuchtet, so ist das mit vielen öffentlichen Gebäuden in diesen zehn Tagen der Staatstrauer, auch das London Eye, das sonst bunt die Nacht erhellt, ist dunkel.

Die Menschen, die hier vorbeigehen, haben schon gut vier Stunden hinter sich. Und noch geschätzt drei vor sich.

Die Menschen, die hier vorbeigehen, haben schon gut vier Stunden hinter sich. Und noch geschätzt drei vor sich.

Niemand macht den Eindruck, als sei das ein Problem. Er gebe gerne Auskunft, wie lange es noch dauert, wenn mal einer fragt, sagt der Mann vom Innenministerium.

„Man weiß ja, worauf man sich einlässt“, sagt Camilla Baird im Zickzack im Southwark Park, es ist inzwischen schon halb zwei. Das Gespräch hat sich vom Zustand der Monarchie (unsicher), dem Zustand der Politik in Brexit-Britain (peinlich) und von Europa im Allgemeinen (besorgniserregend) weiterentwickelt zu Roger Federer. „Feds“, wie Camilla Baird ihn nennt, hat am Donnerstag seine Karriere beendet, so traurig. Ob sie auch schon mal in Wimbledon angestanden sind, der berühmtesten aller Schlangen? „Natürlich“, sagt James Baird, „mehrmals.“

Er erzählt dann von ihrer Reise in die Schweiz, zum Kernforschungszentrum Cern, toll sei das gewesen, aber die Organisation der Schlange? Unterirdisch. James Baird meint das nicht despektierlich, und er hat ja recht: Briten, die Schlange stehen, sind ein Vorbild für die gesamte Menschheit. Sie sind immer höflich, nie mürrisch, jeder respektiert den Platz des anderen, weshalb niemand hektisch wird, niemals. Die Bairds haben eine Flasche Wasser dabei, „James hat außerdem zwei Kitkat gekauft“, sagt Camilla: that’s it. Der deutsche Reporter schleppt eine viel zu schwere Tasche mit zusätzlichen Jacken, Regenschirm und sonstigem Unsinn durch die Nacht, James Baird sagt lapidar: „Die Wetter-App sagt, kein Regen, und wenn, ach“, er zupft an seiner Kapuze, „ich hab’ doch eine Jacke.“ In Wimbledon waren sie mit ihren beiden inzwischen erwachsenen Töchtern in der Schlange, da sind sie auch ein paarmal nass geworden, na und? Ach so: 2002, bei der Schlange zum Sarg der Queen Mum, da waren die Bairds natürlich auch.

Am London Eye lässt sich irgendwann in dieser Nacht eine Frau auf einer der Bänke nieder, sie ist 77, sie hat 21 Jahre lang in Soho gelebt, erzählt sie. Inzwischen lebt sie in Tooting im Londoner Süden, heute war sie mal wieder in Soho, zum Mittagessen, das war schön. Danach ist sie einfach in die Queue gegangen, „das musste ich“, sagt sie, „wenn die Queen nach 70 Jahren stirbt, kann man diese paar Stunden schon in seinem Leben unterbringen“, so einfach ist das. Sie war auch bei Winston Churchill in der Schlange, das, sagt sie, „ist eben unsere Art, unseren Respekt zu zeigen“. Mit Vornamen heiße sie übrigens Elizabeth, nach der Queen. Ungläubiger Blick. Wieso nicht, sagt sie. „Es gibt Leute, die taufen ihr Baby Elvis.“

Elizabeth geht weiter, die Bairds schaffen es gegen zwei Uhr endlich raus aus dem Zickzack, dann bekommen sie ihre Armbänder, dank derer sie die Schlange auch mal verlassen können, wenn es nötig ist. Die Armbänder sind grün, mit einer Zahl drauf.

Camilla Baird hat Nummer 60464, als Zehnjährige hat sie der Queen Blumen überreicht, ihr Großvater, der ein paar Jahre älter wurde als die Queen, war als Kind bei Konzerten, bei denen auch die damals für die Thronfolge ja noch weitgehend irrelevante Elizabeth war. Die Verbindung hielt, wenn man das so sagen kann, auch dann, als sie Königin wurde, und deshalb war die Queen unter den Gästen, als ihr Großvater seinen 90. Geburtstag feierte, so erzählt es Camilla Baird.

Halb drei, der DCMS-Tracker steht bei 14 Stunden.

Über Nacht und in den Morgenstunden wird die Queue derart anwachsen, dass die Regierung am Vormittag beschließt, die Queue für mehrere Stunden zu schließen, wegen Überfüllung. Bald darauf gibt es, was sonst, eine zweite Schlange, die zur Schlange führt. Als die Queue später wieder geöffnet wird, warnt die Regierung, die Anstehzeit könnte jetzt 24 Stunden betragen, oder mehr.

Am frühen Freitagnachmittag entdeckt ein Nachrichtensender David Beckham in der Queue und spricht ihn an, zwölf Stunden, sagt der Ex-Fußballer, sei er schon in der Schlange.

Halb drei, der DCMS-Tracker steht bei 14 Stunden.

Über Nacht und in den Morgenstunden wird die Queue derart anwachsen, dass die Regierung am Vormittag beschließt, die Queue für mehrere Stunden zu schließen, wegen Überfüllung. Bald darauf gibt es, was sonst, eine zweite Schlange, die zur Schlange führt. Als die Queue später wieder geöffnet wird, warnt die Regierung, die Anstehzeit könnte jetzt 24 Stunden betragen, oder mehr.

Am frühen Freitagnachmittag entdeckt ein Nachrichtensender David Beckham in der Queue und spricht ihn an, zwölf Stunden, sagt der Ex-Fußballer, sei er schon in der Schlange.

Die Umstehenden berichten, zwischendurch habe er so viele Selfies machen müssen, dass die sich sonst fast immer bewegende Schlange ein wenig ins Stocken geriet. Ungefähr zur selben Zeit klingelt das Telefon, Camilla Baird ruft an.

„Wir waren gerade drin“, sagt sie, man hört ihrer Stimme an, wie ergriffen sie ist. „Es war noch bewegender, als ich gedacht hätte“, sagt sie. Ihr Mann ergänzt: „Es war überwältigend.“

Fast 13 Stunden waren sie in der Queue – und jetzt? „Wir fahren nach Hause nach Guildford“, sagt Camilla Baird, „trinken eine Tasse Tee, und dann geht James in die Arbeit.“ Und bevor man frage: Ja, selbstverständlich würden sie das wieder machen.

Es gab nur einen Moment, in dem sie kurz ein wenig frustriert gewesen seien, gegen drei Uhr morgens, als sie am National Theatre waren, da mussten sie zwei Stunden warten, weil für das Staatsbegräbnis geprobt wurde. Aber dann ging die Sonne auf, außerdem: Das, sagt James Baird, mache ihre Geschichte nur noch besser.

Team
Text Michael Neudecker
Bildredaktion Lorenz Mehrlich
Digitales Storytelling Lorenz Mehrlich, Christian Helten
Infografik Sarah Unterhitzenberger