Süddeutsche Zeitung

Waldbrände im Amazonas:Ein Klima für Brandstifter

Argumente für den Umweltschutz werden Brasiliens Präsidenten Bolsonaro nicht überzeugen. Der Westen muss klarmachen, dass die Feuer nicht nur schlecht für die Umwelt und das Klima sind, sondern auch für die eigenen Geschäfte.

Kommentar von Christoph Gurk, Buenos Aires

In den letzten Tagen ging die Zerstörung weiter: 1663 neue Feuer hat das brasilianische Institut für Satellitenforschung INPE allein zwischen Donnerstag und Freitag gezählt. Damit steigt die Zahl der Brände in diesem Jahr auf knapp 80 000, über 80 Prozent mehr als noch im Vorjahr.

Die Lage am Amazonas ist dramatisch. Sie hat auf der ganzen Welt zu Empörung geführt, und immerhin: Nach wochenlanger Untätigkeit schickt die Regierung in Brasília nun Soldaten, die helfen sollen, die Flammen zu stoppen. Allein: Sind die Brände einmal gelegt, ist es schwer, sie zu löschen. Wer den Amazonas wirklich retten will, muss den Brandstiftern das Handwerk legen. Und damit sind nicht nur die Viehzüchter und Holzfäller im Amazonasbecken gemeint, sondern auch die Politiker in Brasília, Präsident Bolsonaro inklusive. Sie zu einem Umdenken zu bewegen, wird nicht leicht. Um so wichtiger ist darum Druck von außen. Und dabei spielt die EU eine Schlüsselrolle.

Bolsonaro stammt aus einer Welt, die den Amazonas vor allem als ungehobenen Schatz sieht, der in Besitz genommen und ausgebeutet werden muss. Das Militär, in dem Bolsonaro nach der Schule eine Karriere als Fallschirmjäger begann, propagiert seit Jahrzehnten den Bau von Straßen und eine Besiedlung der Region, immer in der Angst, fremde Kräfte könnten sich ihrer sonst bemächtigen. Hier verbrachte Bolsonaro 15 Jahre seines Lebens, bevor er 1988 in die Politik ging. Dass er dort vom Hinterbänkler zum Präsidenten aufgestiegen ist, verdankt er maßgeblich der Unterstützung der Agrarlobby.

Seit der Regierungschef im Januar das Amt übernommen hat, prägen diese beiden Welten die Politik. Im Kabinett von Brasiliens Präsidenten sitzen gleich mehrere Generäle, und Brasiliens Landwirtschaftsministerin gehört zur Bancada rural, jener einflussreichen Fraktion der Großgrundbesitzer im brasilianischen Parlament.

So ist in dem Land ein Klima entstanden, in dem sich Brandstifter nicht nur von der Politik beschützt, sondern auch unterstützt fühlen. Ricardo Salles, Brasiliens Umweltminister, lobt die "hart arbeitenden" Holzfäller, seine Behörde hat dieses Jahr so wenige Strafen wegen Umweltvergehen verhängt wie seit einer Dekade nicht mehr. Bolsonaro leugnet alarmierende Satellitendaten und relativiert die Zahl der Feuer.

Europa ist zweitwichtigster Handelspartner von Brasilien

Mit Umweltschutzargumenten wird man diese Politik nicht ändern können. Wohl aber mit wirtschaftlichem Druck. In der brasilianischen Agrarindustrie fürchtet man mittlerweile um den Ruf der heimischen Produkte. Europa ist zweitwichtigster Handelspartner von Brasilien, es hat aus dem Land allein vergangenes Jahr 120 000 Tonnen Rindfleisch importiert. In Zukunft sollen diese Zahlen noch steigen, dank dem geplanten Handelsabkommen zwischen EU und Mercosur. Das bedeutet: noch bessere Geschäfte für die Rinderbarone, aber auch noch mehr Flächenfraß und Feuer im Amazonas.

Dass in Europa nun offen darüber diskutiert wird, ob man den Wirtschaftsdeal unter diesen Voraussetzungen wirklich abschließen kann, ist nicht nur richtig, sondern wichtig. Denn den Amazonas kann man nur retten, wenn man den Brandstiftern dort und auch in Brasília klarmacht, dass ihre Feuer nicht nur schlecht für die Umwelt und das Klima sind, sondern auch für die eigenen Geschäfte.

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SZ vom 26.08.2019/ick
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