Süddeutsche Zeitung

Entschädigungszahlungen:Was ist VW eine Entschuldigung wert?

Für das Management der Volkswagen AG war es sicherlich ein großer Schritt, Mitarbeiter zu entschädigen, die während der Zeit der brasilianischen Militärdiktatur gefoltert wurden. Eine mündliche Bitte um Vergebung steht noch aus.

Von Stefanie Dodt und Boris Herrmann, Wolfsburg

Was ist eine Entschuldigung? Die Frage klingt banal. Aber die Antwort darauf kann sehr kompliziert sein. Für das Management der Volkswagen AG war es sicherlich ein großer Schritt, öffentlich einzuräumen, dass es während der Zeit der brasilianischen Militärdiktatur zu "Verstößen gegen die Menschlichkeit auf dem Werksgelände" der Konzerntochter VW do Brasil kam, und an die betroffenen Mitarbeiter von damals nun Entschädigungen in Millionenhöhe zu zahlen.

Aus dem Blickwinkel eines ehemaligen Werkzeugmachers allerdings, der im Juli 1972 auf dem Firmengelände in São Bernardo do Campo, einem Vorort von São Paulo, wegen "gewerkschaftlicher Umtriebe" verhaftet worden war, der vom sogenannten Werkschutz an die Politische Polizei ausgeliefert wurde, im Folterkeller landete, insgesamt zwei Jahre in Haft verbrachte, dem sie Hände und Füße zusammenbanden, um ihn an einem Eisenrohr aufzuhängen, dem sie Zigarren auf der Haut ausdrückten, ihn mit Wasser übergossen, um die Elektroschocks effektiver zu machen, dem sie stromleitende Drähte in Ohr und Harnröhre einführten sowie drei Zähne mit einer Zange zogen, aus diesem Blickwinkel stellt man höhere Ansprüche an eine Entschuldigung.

Lúcio Bellentani hieß der Mann, der im September 1964 als 19-Jähriger seinen Job als Werkzeugmacher in São Bernardo do Campo antrat, ein halbes Jahr nachdem sich die Generäle in Brasilien an die Macht geputscht hatten. Und der später über seinen Arbeitgeber einmal sagte: "Sie haben mir meine besten Jahre gestohlen."

Der Werkzeugmacher Bellentani wurde vom Werkschutz an die Politische Polizei übergeben

Bellentani war einer der wichtigsten Kronzeugen einer vor fünf Jahren eingereichten Sammelklage ehemaliger Arbeiter von VW do Brasil. Er hatte sich geschworen, keine Ruhe zu geben, bis Volkswagen endlich für seine Verantwortung von damals geradestehen würde. Zu dem am Mittwoch unterzeichneten Vergleich in diesem Verfahren zwischen VW und mehreren brasilianischen Justizbehörden wäre es ohne seine Hartnäckigkeit vermutlich nie gekommen. Für Bellentani selbst kommt diese Vereinbarung, 35 Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur, aber zu spät. Er ist im Juni 2019 gestorben.

Auf dem Gelände der Konzernzentrale in Wolfsburg ringt am Mittwoch dieser Woche der VW-Chefhistoriker Dieter Landenberger mit seinen Worten. Man nimmt ihm ab, dass ihn der Fall Bellentani tief berührt: "Das ist eine bittere Note. Ich habe ihn bewundert für sein Engagement", sagt Landenberger. Es sei menschlich tragisch, dass er dem Vergleich nicht mehr persönlich beiwohnen könne.

Entschädigt werden jetzt immerhin Bellentanis Angehörige. Seine Witwe, die damals nach seiner Verhaftung am Arbeitsplatz 47 Tage lang überhaupt nicht wusste, wo er steckt. Und die ihn am 48. Tag erstmals mit den drei kleinen Kindern im Gefängnis besuchen durfte. Als der dreijährige Sohn seinen Vater erblickte, 30 Kilo abgemagert und von Folterverletzungen gezeichnet, habe er ihn angeschaut, als ob er fragen wollte: Papa, was passiert hier? So erzählte es Bellentani später. Und es sei vor allem dieser Szene gewesen, die ihn zeitlebens nachts aus dem Schlaf riss.

Die Familie Bellentani wird nun nicht direkt entschädigt, sondern über eine Pauschalzahlung an einen Opferverband von ehemaligen VW-Mitarbeitern und deren Hinterbliebenen, in dem gut 60 Betroffene organisiert sind. Zur Zahlung von insgesamt 36 Millionen Real (etwa 5,5 Millionen Euro) hat sich VW do Brasil in dem Vergleich vom Mittwoch verpflichtet. Etwa die Hälfte geht an den Opferband, der Rest fließt in Form von Spenden an zivilgesellschaftliche Organisationen in Brasilien.

Es fällt auf, dass der VW-Historiker Landenberger im Gespräch mit NDR, SWR und SZ immer wieder den Spendencharakter dieser Zahlungen betont. Die Wörter "Entschädigung", "Schuld" und "Entschuldigung" scheint er bewusst zu vermeiden. Stattdessen spricht er von den "Verstößen der Vergangenheit" und der "Anerkennung des Leids" der Betroffenen. Das hat offenbar juristische Gründe, zumal es wohl wenig Komplizierteres auf der Welt gibt als das brasilianische Rechtswesen. Zunächst soll ein Kontrollausschuss der beteiligten Staatsanwaltschaften den Vergleich prüfen, bevor er gültig wird. Das dürfte dem Vernehmen nach bis Ende des Jahres dauern. Erst dann kann Volkswagen frei sprechen. Und es bleibt spannend, ob sie dann einfach mal laut und deutlich "perdão" sagen. Entschuldigung.

Die Übereinkunft scheiterte mehrmals, weil VW keine Schuld einräumen will. Bisher

Kann das denn so schwer sein? Scheinbar schon. Dabei hatten Lúcio Bellentani und seine Mitstreiter vom Opferverband stets betont, dass es ihnen nicht in erster Linie um eine finanzielle Entschädigung gehe, sondern um eine moralische. Um ein Schuldbekenntnis. Um eine Geste der Versöhnung. In den langjährigen Verhandlungen wurde deshalb mindestens so erbittert um die Wortwahl gestritten wie um die Überweisungsbeträge. Nach Informationen von NDR, SWR und SZ sind mehrere Vergleiche im letzten Moment am symbolischen Teil gescheitert. VW do Brasil habe sich da gesträubt, heißt es. Auch die jetzt unterzeichnete Vereinbarung beinhaltet aus Sicht der Staatsanwälte keine klare Entschuldigung, sondern einen Kompromiss.

Volkswagen hatte vor drei Jahren den Bielefelder Historiker Christopher Kopper damit beauftragt, dieses Kapitel der Firmengeschichte aufzuarbeiten. Koppers Studie wurde Ende 2017 in einer Pressekonferenz von VW vorgestellt, da war von Einzelfällen die Rede. Kopper stellte auf Anfrage in dieser Woche aber noch einmal seine "Position richtig", wie er sagte: Dass es nämlich "eine systematische Zusammenarbeit zwischen dem Werkschutz und der Politischen Polizei gab, die dem Vorstand von VW do Brasil auf jeden Fall bekannt gewesen sein musste." Es ist auch dokumentiert, dass der Vorstandschef in Wolfsburg im Jahr 1979 persönlich über die Verhaftungen informiert wurde. Passiert ist nichts.

Heute verweist der Konzern darauf, dass er unter den deutschen Unternehmen, die zu Diktaturzeiten (1964 bis 1985) in Brasilien gute Geschäfte machten, am transparentesten mit seiner Geschichte umgehe. Es wäre in der Tat naiv, diesen Umgang für selbstverständlich zu halten. Brasilien ist ein Land ohne Erinnerungskultur, es hat keinen seiner großen Gewaltkomplexe aufgearbeitet, weder die Marginalisierung der Indigenen, noch die Sklaverei oder die Diktatur. Und es war wohl nie so schwer, daran etwas zu ändern, wie in der Gegenwart, in der das Land von Jair Bolsonaro regiert wird, der nicht nur die Militärdiktatur, sondern auch die Folter verherrlicht.

So verspätet und lückenhaft der VW-Vergleich mit den Klägern sein mag, der Historiker Kopper hält ihn für "bislang einmalig". Er sagt: "Hoffentlich ist es auch ein Präzedenzfall, der Nachahmer findet."

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Quelle:
SZ vom 25.09.2020
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