Süddeutsche Zeitung

US-Militär:Pentagon widersetzt sich Trumps Transgender-Bann

  • Per Twitter kündigte US-Präsident Trump an, Transmenschen seien künftig bei der Armee unerwünscht.
  • Das Pentagon will die Anweisung per Tweet nicht befolgen, sondern auf eine offizielle Regelung warten.
  • Im Wahlkampf hatte Trump noch versprochen, die LGBT-Community zu unterstützen.

Von Beate Wild

Es waren neun bange Minuten für die Mitarbeiter des Pentagons. Neun Minuten lang ging die Angst um, US-Präsident Donald Trump würde per Twitter möglicherweise einen Militärschlag gegen Nordkorea verkünden. In einem ersten Tweet am Mittwoch hatte Trump geschrieben, er werde "nach Beratungen mit meinen Generälen und Militärexperten (...) nicht akzeptieren ..." Die Auflösung kam neun Minuten später mit dem zweiten Tweet: "... dass Transgender-Individuen in irgendeiner Form dem US-Militär dienen."

Die Nachricht, dass Nordkorea nicht angegriffen wird, löste laut Buzzfeed zwar erst einmal Erleichterung aus. Doch mit seiner getwitterten Ankündigung, Transmenschen aus den Streitkräften auszuschließen, sorgte Trump erneut für große Verwirrung. Die Ankündigung kam völlig überraschend - und war nicht mit dem Pentagon abgesprochen.

Sowohl die Pressesprecher des Verteidigungsministeriums als auch die Weiße-Haus-Sprecherin Sarah Huckabee Sanders waren von den Tweets überrascht worden und hatten am Mittwoch erst einmal keine Erklärung parat. Nach Trumps Ankündigung war die Frage offen, ob die derzeit in der Truppe aktiven Transgender-Soldaten ihren Dienst quittieren müssen oder ob der Ausschluss nur künftige Bewerber treffe.

Am Donnerstag teilte das Verteidigungsministerium schließlich mit, Transgender-Individuen seien in der Armee vorerst weiterhin willkommen. Erst wenn das Weiße Haus dem Pentagon offiziell eine Änderung der Regelungen zukommen lasse, könne es Änderungen in der Praxis geben, erklärte General Joseph Dunford, der Vorsitzende des Vereinigten Generalstabs und oberster Soldat des Landes. Das US-Militär werde alle seine Mitarbeiter mit Respekt behandeln, so Dunford weiter.

Trump: Transgender "eine Störung für das Militär"

Trumps Anordnung per Twitter sorgte auch unter republikanischen Abgeordneten für Kritik. Senator Lindsey Graham sagte, er wolle von den militärischen Führungskräften hören, welche Regelungen gelten. "Das ist keine Entscheidung, die man aufgrund eines Tweets treffen sollte", sagte Graham.

Die Ankündigung kam in Abwesenheit von Verteidigungsminister Jim Mattis, der sich gerade im Urlaub befindet. Ob sich Trump mit ihm abgesprochen hat, ist unklar.

Trump twitterte zur Begründung: "Unser Militär muss sich auf den entscheidenden und überwältigenden Sieg konzentrieren und darf nicht durch die gewaltigen medizinischen Kosten und die Störung, die Transgender für das Militär bedeuten, belastet werden."

Wenn Transmenschen ihre Geschlechtsangleichung erst im Dienst der Armee vollziehen, trägt das Verteidigungsministerium die Arztkosten. Die Republikaner argumentieren schon seit Längerem, die Behandlungskosten von Transmenschen im Militär seien zu teuer. Schätzungen der Rand Corporation zufolge kosten diese Behandlungen für Truppen-Mitglieder jährlich zwischen 2,4 und 8,4 Millionen Dollar. Im Vergleich zu den 84 Millionen Dollar, die das Militär für Viagra und andere Potenzmittel ausgibt, ist das jedoch ein verschwindend geringer Anteil.

Ein weiteres Argument der Konservativen: Die Transgender-Integration in der Armee würde die Moral der Truppe untergraben. Foreign Policy berichtet, dass Vizepräsident Mike Pence seit einiger Zeit heimlich daran arbeitet, die Transgender-Regelungen des Pentagons rückgängig zu machen. Offiziell hat das Pentagon keine Zahlen darüber veröffentlicht, wie viele Transmenschen in den aktiven Truppen dienen. Eine Studie der Rand Corporation schätzt die Zahl zwischen 1320 und 6630. Insgesamt beschäftigen die USA 1,3 Millionen aktive Soldatinnen und Soldaten.

Chelsea Manning, die wohl bekannteste Transgender-Soldatin des US-Militärs, die erst vor Kurzem aus ihrer Haft wegen der Weitergabe geheimer Informationen entlassen worden war, nannte Trumps Vorgehen eine "Feigheit". In einem Kommentar in der New York Times schrieb Manning, die plötzliche Ankündigung der Regierung, Transmenschen den Dienst beim Militär zu verbieten, sei "ein verheerender Schlag für unsere Lebensgrundlage, unsere grundlegende Menschenwürde, unser Überleben".

Im Wahlkampf gab Trump noch den LGBT-Freund

Hinter Trumps überraschender Twitter-Ankündigung könnte jedoch auch der Versuch stecken, im Haushaltsplan Budgets freizuschaufeln, um die von ihm im Wahlkampf versprochene Mauer an der Grenze zu Mexiko zu finanzieren, erzählten Kongressmitarbeiter der Nachrichtenseite Politico.

Was auch immer der Beweggrund des Präsidenten war, eines steht fest: Trump ist sicherlich nicht der loyale Freund von Schwulen, Lesben und Transmenschen, als der er sich während seines Wahlkampfes noch dargestellt hatte. Damals twitterte er, er verspreche "der LGBT-Community, für sie zu kämpfen". Late-Night-Moderator und Komiker Stephen Colbert twitterte nun, Trump meinte wohl statt "für sie kämpfen", er wolle sie "bekämpfen".

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