Süddeutsche Zeitung

Klima-Gipfel:Schmelzende Gletscher, wachsende Papierberge

Das Ende naht: Bei der Klimakonferenz in Mexiko drängen die Entwicklungsländer zur Eile, doch die Verhandlungen werden immer mühsamer.

Hasan Mahmud hat eine gewisse Geschäftsmäßigkeit in seinem Tun entwickelt. Er hält seinen Vortrag jedem, der ihn hören will. "Wenn der Meeresspiegel steigt", sagt er trocken, "erwarten wir 30 Millionen Vertriebene." Zwei Drittel seines Landes lägen nicht höher als fünf Meter über dem Meeresspiegel, sagt Mahmud. "Bangladesch ist der verletzlichste Staat der Welt."

Hasan Mahmud ist der Umweltminister von Bangladesch, jede Klimakonferenz ist für ihn eine Art Mission, auch die im mexikanischen Cancún. Denn wohin seine 150 Millionen Einwohner auch blicken, sie bekommen es mit dem Klimawandel zu tun: Mit einem steigenden Meeresspiegel an der Küste, mit ausufernden Flüssen durch die Gletscherschmelze im Himalaya, mit Wetterkapriolen, die zunehmend die Landwirtschaft bedrohen.

"Wir haben zu viel Wasser in der Regenzeit und zu wenig außerhalb", sagt er. Schuld sei allein der Klimawandel. Experten der Universität Dhaka erwarten in den nächsten Jahren bei Reis und Weizen Ernterückgänge um acht bis 32 Prozent. "Die Sicherheit der Ernährung ist unsere größte Sorge", sagt Ainun Nishat, Vizerektor der Uni. Schon jetzt leben 40Prozent der Bangladescher von weniger als zwei Dollar am Tag. Die Erderwärmung könnte ihre Lage verschärfen.

Es ist die reale Dimension des Klimawandels, die virtuelle spielt sich in den Räumen des Moon Palace ab. Im Konferenzzentrum am Rande der Stadt gehen die Diplomaten an diesem Freitag in die entscheidende Runde der Verhandlungen. Bis zum Abend werden sie mindestens verhandeln, womöglich sogar in den Samstag hinein. Zu klären gibt es noch viele Fragen, bis hin zu jener, ob und in welcher Form es ein neues Klimaabkommen überhaupt geben wird. Davon wird abhängen, auf welche Zukunft sich die Bangladescher einstellen müssen.

Die Papierberge wachsen. Neue Verhandlungsdokumente liegen seit Mittwoch auf dem Tisch, auch zwei kleinere Gruppen von Ministern sind eingesetzt. Sie sollen nun versuchen, aus den vielen Optionen jene Kompromisse zu wählen, auf die sich die Staaten verständigen können. "Wir sind in eine Phase getreten, in der es allein um politischen Willen und um Flexibilität geht", sagt Tara Rao von der Umweltstiftung WWF.

Nicht überall ist solche Flexibilität erkennbar. So streiten die EU und Japan weiter erbittert über die Zukunft des Kyoto-Protokolls. Japan sieht keine Zukunft mehr in dem Abkommen, sofern nicht mehr Länder mitmachen, die EU hingegen will unbedingt daran festhalten - und zwar mit Japan zusammen. 2012 laufen die derzeitigen Verpflichtungen aus. Auch Russland zeigt nur mäßiges Interesse an neuen Verpflichtungen - das aber offenbar im Kampf um seine "heiße Luft".

Wie in vielen anderen osteuropäischen Staaten war der russische CO2-Ausstoß mit dem Zusammenbruch der Planwirtschaft massiv zurückgegangen. Ohne eigenes Zutun senkte Russland so seine Emissionen - und konnte die entsprechenden Emissionsrechte versilbern. Dieses Recht will Moskau gerne über 2012 hinaus retten, andere Staaten wollen das verhindern: Denn der Markt für diese internationalen Emissionsrechte würde andernfalls überschwemmt, die Anstrengungen der Industriestaaten würden unterlaufen. Streit bahnt sich an.

In anderen Fragen dagegen gibt es Fortschritte: Etwa bei der Überprüfung von Anstrengungen im Klimaschutz - sie sollen sicherstellen, dass die Staaten auch unverbindliche Zusagen einhalten. Schon in Cancún ließen sich entsprechende Regeln verankern. Auch beim Schutz tropischer Wälder ist ein Abkommen machbar, ebenso bei Hilfen für Entwicklungsländer bei Prävention und Katastrophenschutz.

Für einen Durchbruch aber reicht das nicht. Dazu müssten die Staaten ein Fernziel verabreden - die Begrenzung der Erderwärmung auf höchstens zwei Grad. Sie müssten jene Zusagen, die sie im vorigen Jahr in Kopenhagen nur unverbindlich machten, nun verbindlich abgeben und auch deren Überprüfung zulassen, inklusive einer nachträglichen Aufstockung. Denn schon jetzt ist klar, dass die Anstrengungen nicht ausreichen werden, um die Erderwärmung bei zwei Grad zu stoppen.

Werden die Zusagen nicht aufgestockt, geraten nach Berechnungen der UN-Umweltorganisation Unep immer noch fünf Milliarden Tonnen Kohlendioxid zu viel in die Atmosphäre. Diplomaten dämpfen daher die Erwartungen. "Beides ist möglich, Entscheidung oder Nicht-Entscheidung", sagt auch Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU). Vor allem Japan muss einlenken, andernfalls könnte die Konferenz komplett scheitern. Damit wäre der international verbindliche Klimaschutz erst einmal gescheitert. Gut 24Stunden bleiben, das zu verhindern.

In Bangladesch hat die Regierung mittlerweile ihre eigenen Schlüsse gezogen und eine neue Behörde gegründet: das "Ministerium für Katastrophenschutz und Ernährung".

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SZ vom 10.12.2010/liv
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