Süddeutsche Zeitung

Ukraine-Krise:Viele Tote bei Hinterhalt der Separatisten

+++ Berichte: Ukrainische Soldaten geraten nahe der MH17-Absturzstelle in Hinterhalt von Separatisten +++ Internationale Experten finden an der Unglücksstelle weitere Opfer +++ EU-Sanktionen gegen Russland treten in Kraft +++

  • In der Ostukraine werden bei einem Hinterhalt nahe des MH17-Absturzortes viele Soldaten getötet. Separatisten sollen Fahrzeuge der ukrainischen Armee attackiert haben.
  • An der Absturzstelle bergen Experten weitere Opfer des Flugzeugabsturzes.
  • Russlandbeauftragter Erler warnt vor direktem Eingreifen Moskaus.
  • Die Ukraine führt Kriegssteuer zur Finanzierung des Konflikts ein.

Hinterhalt bei Schachtarsk

In einem Hinterhalt in der Nähe der Absturzstelle von Flug MH17 sind in der Nacht zum Freitag nach Armeeangaben 14 Menschen getötet worden. Schachtarsk liegt etwa 25 Kilometer von dem Gebiet entfernt, in dem die Malaysia-Airlines-Maschine abgestürzt war.

Eine Fallschirmjäger-Einheit sei in der Nacht nahe der Stadt Schachtarsk mit Mehrfach-Raketenwerfern angegriffen worden, berichtete der Sender Kanal 112. Nach Angaben des Militärs wurde die Einheit auch mit Panzern beschossen. Unter den Toten seien mindestens zehn Regierungssoldaten, teilte ein Sprecher der Streitkräfte mit. Vier Leichen seien noch nicht identifiziert, bei ihnen könne es sich "um ukrainische Soldaten oder Terroristen" handeln, hieß es.

Ukrainische Medienberichte sprachen dagegen von mehr als 20 Toten. Ein Youtube-Video, datiert auf den 31. Juli, dessen Echtheit nicht bestätigt werden konnte, zeigte ein Panzerwrack und zahlreiche Leichen auf einer Straße in einer Stadt.

Westliche Experten an der Absturzstelle

Internationale Experten bargen nach australischen Angaben an der Absturzstelle des Malaysia-Airlines-Flugzeugs im Osten der Ukraine weitere Leichenteile. Das Team aus Niederländern und Australiern sei wohlbehalten zurückgekehrt, sagte der australische Ministerpräsident Tony Abbott am Freitag vor Reportern in Sydney. Ein größeres Team wolle innerhalb von 24 Stunden erneut zur Absturzstelle.

Die Boeing mit 298 Menschen an Bord war am 17. Juli abgestürzt. Prorussische Rebellen werden verdächtigt, sie mit einer Rakete abgeschossen zu haben. Noch immer liegen im Trümmerfeld Opfer. Am Donnerstag gelangten die Experten erstmals zur Absturzstelle. Heftige Gefechte zwischen ukrainischen Regierungseinheiten und prorussischen Kämpfern hatten dies zuvor verhindert.

Warnung vor Eingreifen Russlands

Der Russlandbeauftragte der Bundesregierung, Gernot Erler (SPD), warnt vor einer Eskalation der Krise in der Ukraine. "Der russische Präsident Wladimir Putin steht unter sehr starkem Druck, die von ihm unter Schutz genommenen russischsprachigen Bewohner der Ostukraine nicht im Stich zu lassen", sagte Erler der Neuen Osnabrücker Zeitung. "Wenn die Separatisten in die Nähe einer militärischen Niederlage kommen, dann kann niemand ein direktes Eingreifen Russlands über die Grenze hinweg ausschließen."

Angesichts von Hinweisen auf Artilleriebeschuss von russischem Gebiet aus und Berichten über neue Militärmanöver im Süden Russlands gebe es "ein Fenster zum Schlechteren", warnte Erler. "Es wäre eine schreckliche Eskalation, wenn es zu einer direkten Intervention käme."

Trilaterales Treffen in Minsk

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) begrüßt, "dass nach langem diplomatischen Ringen endlich ein direktes Treffen der trilateralen Kontaktgruppe mit den Separatisten stattgefunden hat". In der weißrussischen Hauptstadt seien am Donnerstag Absprachen über den sicheren Zugang zur Absturzstelle der Boeing mit der Flugnummer MH17 und zur sofortigen Freilassung von Geiseln getroffen worden, teilte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes mit. Den Angaben zufolge soll in der kommenden Woche ein weiteres Treffen der Kiewer Kontaktgruppe mit Separatistenvertretern stattfinden.

Sanktionen gegen Russland

Der Druck auf Moskau wächst. Die von den 28 EU-Regierungen beschlossenen Wirtschaftssanktionen treten diesenFreitag in Kraft. Fünf großen russischen Banken soll der Zugang zu den wichtigen Kapitalmärkten der EU verwehrt werden. Zu den neuen Sanktionen gehören auch ein Waffenembargo, ein Ausfuhrverbot für zivil und militärisch nutzbare Güter an das russische Militär und ein Lieferstopp für Spezialgeräte zur Ölförderung.

Damit soll Russlands Präsident Wladimir Putin dazu gebracht werden, die moskautreuen Separatisten in der Ostukraine nicht länger zu unterstützen. Zudem sieht sich Moskau nun binnen weniger Tage zum zweiten Mal im Zusammenhang mit der Zerschlagung des früheren russischen Ölkonzerns Yukos mit Schadenersatzforderungen in Milliardenhöhe konfrontiert.

Kriegssteuer für Ukrainer

Die Ukraine greift in dem Konflikt zu drastischen Maßnahmen: Die Bürger werden nun zur Kasse gebeten. Nach langem Zögern beschloss das Parlament in Kiew eine umstrittene Kriegssteuer. Mit dieser will Kiew die umstrittene "Anti-Terror-Operation" finanzieren. Die Abgabe von 1,5 Prozent auf alle steuerpflichtigen Privateinkommen im Land soll bis zum 1. Januar 2015 gelten.

Linktipps:

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2072659
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/dpa/jasch/hai
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.