Süddeutsche Zeitung

Türkisch-israelischer Streit über Gaza-Hilfsflotte:Erdogan zündelt

Israel verweigert der Türkei im Streit um den Militäreinsatz gegen die Gaza-Hilfsflotte eine Entschuldigung. Der türkische Premier Erdogan verschärft den Konflikt noch zusätzlich und bestärkt damit die Antisemiten in seinem Land. Ein deprimierendes Beispiel von Macho-Politik - auf beiden Seiten.

Kai Strittmatter

Da wird etwas Einmaliges mutwillig zerstört: die Allianz zwischen dem jüdischen Staat Israel und der muslimischen Türkei. Am Ende werden beide als Verlierer dastehen. Und warum? Wegen der Ehre hier. Wegen des Stolzes dort. Es ist im Nahen Osten gerade ein besonders deprimierendes Beispiel von Macho-Politik auf beiden Seiten zu bestaunen.

Die Türkei hat Israel nach der Erschießung von neun türkischen Aktivisten mehrere Forderungen gestellt. In Wahrheit will Ankara nur eines: eine Entschuldigung. Zu Recht. Die Entschuldigung kam nicht, die Türken froren die Beziehungen ein.

So weit so gut. Aber jetzt? Der türkische Premier Tayyip Erdogan äußerte sich jetzt erstmals öffentlich - und tat, was er so gut kann: Er goss Öl ins Feuer. Erdogan sprach von "ungezogenen Kindern", er kündigte an, die türkische Flotte öfter ins östliche Mittelmeer zu schicken und vielleicht bald selbst Gaza zu besuchen. Jeder dieser Schritte birgt die Gefahr einer neuen Eskalation.

Für Erdogan ist diese Krise Innenpolitik: Die Beziehung zur eigenen Öffentlichkeit ist ihm wichtiger als die zu Israel. Wenn aber Emotionen und Ideologie die Außenpolitik übernehmen, dann wird das so schnell nichts mit der Regionalmacht Türkei.

Erdogan sollte sich zügeln, auch weil seine Attacken die Antisemiten im Land bestärken. Es liegt in der türkischen Reaktion aber auch eine Lektion für Israel: Die These vom frommen Erdogan, den sein Islamismus zum Israelhass treibe, ist nichts als Propaganda - sowohl die säkulare als auch die nationalistische Opposition haben Erdogan im letzten Jahr als zu weich gegenüber Israel kritisiert. Für Israel würde nichts besser, wenn Erdogan weg wäre. Ein Grund mehr für eine Entschuldigung.

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Quelle:
SZ vom 07.09.2011/aho
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