Süddeutsche Zeitung

Fleischindustrie:Das Wegsehen muss ein Ende haben

Wenn Made in Germany endlich auch bei Grillwürstchen und Nackensteaks für das Gegenteil von billiger Massenware steht, können die neuen strengeren Arbeitsschutzregeln zum Vorteil werden.

Kommentar von Henrike Roßbach

Wenn es um die Wurst geht in Deutschland, wird es schnell grundsätzlich. So grundsätzlich, dass der Unionsfraktionschef einst gar eine direkte Verbindung zog vom Nackensteak über den Verbrennungsmotor bis zum fleißigen Deutschen an sich. Inzwischen allerdings ist das Ansehen des Nackensteaks noch einmal deutlich gesunken. Der Grund ist die Causa Tönnies, und vielleicht wird man in ein paar Jahren tatsächlich den Umgang der Deutschen und der deutschen Politik mit dem Fleisch in vor und nach Tönnies einteilen, vor und nach jenem gravierenden Corona-Ausbruch in der Fleischfabrik in Rheda-Wiedenbrück. Zumindest den Grundstein dafür hat das Kabinett am Mittwoch gelegt.

Beschlossen wurden strengere Regeln für die Fleischindustrie und generell, für alle Branchen, mehr Arbeitsschutzkontrollen und Vorgaben für die Unterbringung von Arbeitern. Die neue Lieblingsvokabel des SPD-Bundesarbeitsministers in diesem Zusammenhang lautet "aufräumen". Das klingt nach ordnender Hand des Staates, nach Durchgreifen und Entschlossenheit - welcher Politiker gefiele sich nicht in einer derartigen Rolle?

Die demonstrative Verve, mit der sich die Regierung nun der Fleischindustrie in den Weg stellt, kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in der Vergangenheit mit dem Aufräumen nicht weit her war. Es ist lange bekannt, dass in Sachen Fleisch vieles im Argen liegt. Bislang aber haben Politik und Verbraucher in trauter Einigkeit ebenso über das Leid der Tiere hinweggesehen wie über die menschenunwürdigen Unterkünfte für Arbeiter aus dem Ausland, über die fragwürdigen Vertragskonstruktionen, überlange Arbeitszeiten und unterirdische Löhne.

Die Corona-Epidemie hat dieses Wegsehen und ungerührte Würstchengrillen nun aber unmöglich gemacht. Spätestens seit das System Fleischfabrik den Einwohnern zweier Landkreise rund um die Tönnies-Fabrik nahe Gütersloh wieder strengere Alltagsbeschränkungen beschert hat - geschlossene Kitas, Schulen und Einreiseverbote in die Ferienregion ihrer Wahl -, dürfte auch dem Letzten klar geworden sein: So kann es nicht weitergehen.

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Nachdem die bisherigen Versuche, den Tierschutz zu verbessern und die Verbraucher dazu zu bringen, weniger, dafür aber anständig produziertes Fleisch zu essen, äußerst zäh verlaufen sind, nutzt die Regierung nun einen anderen Hebel: das Arbeitsrecht. Im Zentrum steht das Verbot von Werkverträgen, für Hubertus Heil der Kern der "organisierten Verantwortungslosigkeit", die er der Fleischbranche attestiert.

In der Tat birgt die Konstruktion, dass Subsubunternehmen nur ein "Werk" abliefern, bei dem der Auftraggeber nicht verantwortlich ist für die Art und Weise, wie es zustande gekommen ist, jene Intransparenz, die in der Corona-Pandemie allen Beteiligten auf die Füße gefallen ist. Ja, Werkverträge müssen nicht zwangsläufig Teufelszeug sein. In der Fleischindustrie aber liegt der Verdacht nahe, dass die schwarzen Schafe die Herde sind und der Missbrauch des Instruments Werkvertrag die Norm.

Auch wenn manche nun das Klagelied der Wettbewerbsfähigkeit anstimmen: Neue Regeln müssen nicht das Ende der Fleischproduktion hierzulande bedeuten. Denn was zunächst wie ein Nachteil wirkt, kann zum Vorteil werden: Wenn Made in Germany auch beim Fleisch für das Gegenteil von billiger Massenware steht.

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SZ vom 30.07.2020/kit
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