Süddeutsche Zeitung

Südsudan:Versunken in unaussprechlicher Gewalt

  • Vor vier Jahren wurde der Südsudan gegründet, heute wütet in dem Land ein grausamer Bürgerkrieg.
  • Die Volksgruppen der Dinka und Nuer tragen einen blutigen Konflikt aus.
  • Die UN und Menschrechtsaktivisten berichten von brutalen Übergriffen auf Frauen und Kinder.
  • Die Abspaltung vom Norden 2011 war von den USA und Menschenrechtsgruppen als großer Erfolg gefeiert worden.

Von Tobias Zick, Kapstadt

Am kommenden Donnerstag wird die jüngste Nation der Welt vier Jahre alt, doch zu feiern gibt es wenig bis nichts. Der Bürgerkrieg, der seit Dezember 2013 im Südsudan wütet, geht nach Erkenntnissen der dortigen Blauhelm-Mission Unmiss in eine neue Eskalationsstufe: Das jüngste Ausmaß an Grausamkeit, heißt es in einem gerade veröffentlichten Bericht, deute auf "eine Tiefe der Feindseligkeit" hin, die "über politische Differenzen weit hinausgeht."

Das ist, angesichts der konkreten Vorwürfe, eine vergleichsweise milde Formulierung. Laut Zeugen, mit denen die UN-Berichterstatter sprachen, sind bei einer Offensive der Regierungsarmee gegen Rebellen im Bundesstaat Unity mindestens 172 Frauen und Mädchen entführt worden; mindestens 79 weitere wurden Opfer sexueller Gewalt wie Gruppenvergewaltigungen. Eine Überlebende berichtete, sie sei von Regierungssoldaten aus ihrer Hütte gezerrt und vor den Augen ihres dreijährigen Kindes vergewaltigt worden. Eine andere Zeugin schilderte, wie Soldaten einer stillenden Mutter ihr Baby entrissen und sie dann vergewaltigten. In mindestens neun voneinander unabhängigen Fällen wurden Mädchen und Frauen nach der Vergewaltigung in ihren Hütten lebendig verbrannt.

Die Untersuchungen wurden durch die Regierung behindert

Das sind nur Beispiele; das tatsächliche Ausmaß an Gewalt gegen Zivilisten dürfte wesentlich größer sein, wie die Berichterstatter einräumen: Man habe nur Fälle in den Report aufgenommen, bei denen man eindeutig die Namen der Opfer ermitteln konnte. Die Untersuchungen wurden demnach durch die Regierung massiv behindert; die Armee verweigerte UN-Mitarbeitern systematisch den Zugang zu Gebieten, aus denen Zeugen von besonders schwerer Gewalt berichteten. Ein Sprecher von Präsident Salva Kiir kündigte an, man werde den Vorwürfen nachgehen.

Auch aus anderen Quellen häufen sich Schilderungen von Grausamkeiten. Der Direktor des Kinderhilfswerks Unicef, Anthony Lake, sagte kürzlich, die Details der "immer schlimmeren Gewalt gegen Kinder" im Südsudan seien "unaussprechlich - doch wir müssen von ihr sprechen": Jungen, die kastriert wurden und dann verblutet sind; achtjährige Mädchen, die mehrmals vergewaltigt und dann getötet wurden; Gruppen von Kindern, die aneinander gefesselt und dann per Kehlenschnitt ermordet wurden. Etwa 13 000 Minderjährige seien zudem von beiden Seiten zum Kämpfen gezwungen worden.

Vom Enthusiasmus, mit dem die internationale Gemeinschaft vor vier Jahren die neue Nation aus der Taufe hob, ist inzwischen auch der letzte Funke verglüht. Es war ein Herzensprojekt für evangelikal-christliche Lobbyisten in Washington wie auch für skandinavische Menschenrechts-Aktivisten gewesen: die mehrheitlich christlichen und animistischen schwarzen Afrikaner im Süden des Sudan aus der Gefangenschaft der noch aus Kolonialzeiten stammenden Grenzen zu befreien, die sie in ein gemeinsames Staatsgebilde mit den muslimisch-arabischen Bewohnern des nördlichen Sudan zwangen.

Es war eine Zwangsgemeinschaft, die vor allem Hass und Blutvergießen hervorbrachte. Etwa zwei Millionen Menschen waren in einem jahrzehntelangen Bürgerkrieg gestorben; er endete 2005 mit einem Friedensabkommen, das eine spätere Unabhängigkeit des Südens vorsah. Aus Sicht des damaligen US-Präsidenten George W. Bush war die geglückte Vermittlungsarbeit eine Sternstunde seiner Außenpolitik; den schwarzen Cowboyhut, den er dem damaligen Rebellenführer und späteren Präsidenten Salva Kiir schenkte, trägt der noch heute gern.

"Jeder wird ihnen sagen, dass er zutiefst enttäuscht ist"

Am 9. Juli 2011 schließlich beging die von der internationalen Gemeinschaft frisch geschaffene Nation mit Trommeln, Tänzen und Gebeten ihre Unabhängigkeit. Die Aufgabe, auf dem von jahrzehntelangen Kämpfen verheerten, aber äußerst Ölreichen Terrain die Grundmauern eines Staatswesens zu errichten, übernahmen die Vereinten Nationen; ihre Mission Unmiss bekam ein Mandat, das neben Friedenstruppen auch den Aufbau von Justiz und öffentlicher Verwaltung umfasste.

Ihre Chefin wurde Hilde Johnson, ehemals norwegische Entwicklungsministerin, die schon an den Friedensverhandlungen vor dem Abkommen von 2005 maßgeblich beteiligt war. Es war ein Traumjob für die Tochter norwegischer Missionsschullehrer, geboren in Tansania, die einmal gesagt hat, sie habe sich schon in ihrer Kindheit als "Afrikanerin" gefühlt.

Als 2014 ihr dreijähriges Mandat im Südsudan endete, sagte Hilde Johnson im Gespräch mit der SZ: "Fragen Sie irgendwen, der auf irgendeine Weise etwas mit dem Südsudan zu tun hat, und jeder wird ihnen sagen, dass er zutiefst enttäuscht ist." Zu dem Zeitpunkt versank die junge Nation bereits im Krieg: Im Dezember 2013 waren in der Hauptstadt Juba Kämpfe aufgeflammt, nachdem Präsident Kiir seinen früheren Vize Riek Machar, den er Monate zuvor entlassen hatte, eines Putschversuchs bezichtigt hatte.

Spätestens da wurde klar, dass die internationalen Geburtshelfer der neuen Nation Rivalitäten und Misstrauen zwischen den Volksgruppen unterschätzt hatten. Schon während des gemeinsamen Befreiungskrieges gegen den Norden hatten Dinka (zu ihnen gehört Präsident Kiir) und Nuer (die Ethnie des Rebellenführers Riek Machar) immer wieder im blutigen Konflikt miteinander gelegen.

Seither kämpfen die beiden Fraktionen der entlang der alten ethnischen Konfliktlinien zerfallenen Armee erbittert um die Kontrolle der Ölgebiete, vor allem im Norden. Malakal, Hauptstadt des Bundesstaats Upper Nile etwa, ist seit Ende 2013 achtmal erobert und zurückerobert worden. Die Bewohner sind fast alle geflohen; in entlegene Sumpfgebiete, in Dörfer - oder in das nahe Camp der UN-Blauhelme: Zwischen dessen Mauern drängen sich inzwischen mehr als 30 000 Flüchtlinge.

Fast acht Millionen Menschen im Land sind von Hunger bedroht, der Krieg hat mehr als 2,1 Millionen Menschen vertrieben, und die internationalen Hilfsorganisationen können viele von ihnen - wenn überhaupt - nur aus der Luft mit Lebensmitteln versorgen und werden selbst immer wieder Opfer gewaltsamer Übergriffe. Die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" etwa musste kürzlich ihre Arbeit in der umkämpften Stadt Melut für 16 Tage unterbrechen, und als die Helfer in ihr Camp zurückkehrten, fanden sie es geplündert vor, die Trinkwassertanks für die Versorgung von 20 000 Menschen waren zerschossen.

Jedes von bislang acht Waffenstillstands-Abkommen wurde gebrochen

Für 2015 werden, um die Menschen mit dem Überlebensnotwendigen zu versorgen, nach UN-Schätzungen fast 1,5 Milliarden Euro gebraucht. Unterdessen wird das Klima zwischen den Machthabern der jungen Nation und ihren einstigen Geburtshelfern immer feindseliger: Anfang Juni wies die Regierung in Juba den Koordinator der humanitären Hilfe der UN, Toby Lanzer, aus dem Land, zunächst ohne Begründung. Später erklärte ein Sprecher von Präsident Kiir, Lanzer habe mit seinen Aussagen "den Menschen des Südsudan keine Hoffnung gemacht." In den Wochen zuvor hatte Lanzer gewarnt, dem Land stehe neben der menschlichen Katastrophe, angesichts einbrechender Öleinnahmen, auch ein "ökonomischer Kollaps" bevor.

So unerbittlich, wie ihre Kämpfer einander und zunehmend auch Zivilisten der jeweils anderen Seite bekriegen, so regelmäßig treffen sich Kiir und Machar zu Waffenstillstands-Verhandlungen - doch jedes der bis dato acht unterzeichneten Abkommen wurde nach kürzester Zeit gebrochen. Jetzt hat der UN-Sicherheitsrat gegen je drei Generäle beider Seiten, die für schwere Menschenrechtsverletzungen verantwortlich sein sollen, Sanktionen verhängt - nach Einschätzung von Beobachtern ein Warnsignal an Kiir und Machar, dass sie die nächsten sein könnten, deren Konten eingefroren und die mit Reiseverboten belegt werden könnten.

Doch die Maßnahme könnte sich als kontraproduktiv erweisen: Die International Crisis Group etwa warnt, die Sanktionen könnten neuen Unmut gegenüber der internationalen Gemeinschaft schüren und so die Basis für Friedensverhandlungen weiter untergraben.

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SZ vom 06.07.2015/sks
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