Süddeutsche Zeitung

Studie zum Wahlverhalten:Demokratie der Besserverdienenden

Wer beteiligt sich an Wahlen, wer bleibt lieber daheim? Die Bertelsmann-Stiftung legt eine Studie vor, die zeigt: Je prekärer die Lebensverhältnisse, desto eher bleibt jemand der Wahl fern. Das ist vielleicht nicht so erstaunlich - aber auf jeden Fall erschreckend.

Von Detlef Esslinger

Wer arbeitslos ist und wenig Geld hat, der bleibt bei Wahlen daheim. Die Bundesrepublik entwickelt sich zu einer Demokratie der Besserverdienenden. Arbeitslosigkeit schadet der Demokratie. Das sind Sätze, die sich nach Linkspartei oder zumindest nach Gewerkschaften anhören, nach wohlfeilen Parolen im Meinungskampf. Es sind aber die Ergebnisse einer Studie, die die Bertelsmann-Stiftung an diesem Donnerstag veröffentlicht.

Nur 71,5 Prozent der Wahlberechtigten haben sich an der Bundestagswahl im September beteiligt, das waren zwar etwas mehr als vor vier Jahren, jedoch weniger als an allen Bundestagswahlen davor. In der Frage aber, wer die Wahlverweigerer eigentlich sind, stocherte die öffentliche Debatte bisher herum: Mittelstandsbürger mit einem Hang zum Nölen? Prominente Intellektuelle, die sich aufplustern? Oder Menschen, die sich abgehängt fühlen?

Die Autoren der Studie - Jérémie Felix Gagné und Robert Vehrkamp von der Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh sowie Armin Schäfer vom Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln - sind nun zu dem Schluss gekommen, dass die beiden erstgenannten Gruppen bedeutungslos sind.

Sie haben das Wahlverhalten in 28 Großstädten (20 im Westen, acht im Osten) sowie in 640 Stimmbezirken untersucht, die repräsentativ für Deutschland sind und auch für die Prognosen am Wahltag genutzt wurden. Ihr Ergebnis: Je prekärer die Lebensverhältnisse, desto eher geht jemand nicht zur Wahl.

Je niedriger die Wahlbeteiligung ausfällt, desto ungleicher ist sie

Wahlbeteiligung von 71,5 Prozent - das ist ja nur ein Durchschnittswert, mit allen Mängeln, die Durchschnittswerte nun mal haben. Dahinter aber verbirgt sich, dass zum Beispiel im reichen Kölner Stadtteil Hahnwald die Beteiligung bei 89 Prozent, im armen Stadtteil Chorweiler jedoch bei nur 42 Prozent lag. In Chorweiler beträgt die Arbeitslosenquote 19 Prozent, in Hahnwald ein Prozent.

Dahinter verbirgt sich zudem, dass die Prozent-Abstände zwischen den Bezirken mit der niedrigsten und denen mit der höchsten Beteiligung über die Jahre immer größer werden. Und dahinter verbirgt sich, was man zum Beispiel in Hamburg feststellen kann: In den Stadtteilen mit der niedrigsten Beteiligung finden sich, gemessen an den Stadtteilen mit der höchsten Beteiligung: 36 Mal so viele Haushalte aus ökonomisch schwächeren Milieus, doppelt so viele Menschen ohne Schulabschluss, fünfmal so viele Arbeitslose.

Das sind Ergebnisse, die möglicherweise nicht wirklich erstaunlich, wohl aber erschreckend sind. Wieder einmal bestätigt sich die Regel, die der schwedische Politologe Herbert Tingsten bereits in den 1930er Jahren aufgestellt hatte: Je niedriger die Wahlbeteiligung ausfällt, desto ungleicher ist sie.

"Demokratie wird zu einer immer exklusiveren Veranstaltung"

Die drei Forscher unterteilten die Gesellschaft in zehn Milieus; je nach Einkommen, Bildung, Beruf und Lebenseinstellungen. Bei der Wahl im September zeigte sich: In den Stadtteilen mit der niedrigsten Wahlbeteiligung gehören fast zehnmal so viele Menschen prekären Milieus an wie in den Stadtteilen mit der höchsten Beteiligung. Fünfmal so viele Menschen sind arbeitslos, mehr als doppelt so viele haben keinen Schulabschluss, und ihre Kaufkraft liegt um ein Drittel niedriger. "Deutschland ist längst zu einer sozial gespaltenen Demokratie der oberen zwei Drittel unserer Gesellschaft geworden", schreiben die Forscher. "Die Demokratie wird zu einer immer exklusiveren Veranstaltung für Menschen aus den mittleren und oberen Sozialmilieus der Gesellschaft."

Ist das ein Trend, der sich auch wieder umkehren kann? Oder wird er sich eher verfestigen? Gagné, Schäfer und Vehrkamp äußern sich eher pessimistisch. Sozialdaten bestätigen ja, was in jedem Stadtviertel jeweils schon der Augenschein vermuten lässt: In München-Schwabing und im Hamburg-Eppendorf wohnen eher die "Liberal-Intellektuellen" und die "Expeditiven", wie die Forscher zwei ihrer zehn Milieus nennen. Im Hasenbergl (München) und in Wilhelmsburg (Hamburg) hingegen sind eher das "traditionelle" und das "hedonistische Milieu" daheim; letzteres in der Studie definiert als die "spaß- und erlebnisorientierte Unterschicht". Gleich und gleich gesellt sich gern, lautet das Sprichwort dazu - oder andersherum, sozusagen auf Soziologisch formuliert: "Unterschiedliche Bildungsgruppen wohnen nicht in denselben Vierteln."

Jeder Mensch orientiert sich an seinem Umfeld

Was nicht ohne Konsequenzen bleiben wird. Jeder Mensch orientiert sich an den Menschen in seinem Umfeld: Nachbarn, Freunden, Familien, Kollegen - sie alle bestimmen schon durch ihr Dasein, was jemandem wichtig ist, was man denkt, wie man sich verhält. Und so ist eine Erkenntnis der Politikwissenschaft, dass zwar der Kontakt mit anderen Wählern die eigene Wahlbereitschaft erhöht - der Kontakt mit Nichtwählern jedoch das Gegenteil bewirkt, wie die Forscher schreiben.

"Getrennte Lebenswelten können dazu führen, dass bereits vorhandene Unterschiede in der Bereitschaft, sich politisch zu betätigen, weiter zunehmen." Selbst zwischen Stadtteilen mit hoher und sehr hoher Kaufkraft gibt es Unterschiede, was die Wahlbeteiligung betrifft. Die Demokratie der Besserverdienenden eben.

Die gesamte Studie finden Sie hier.

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Quelle:
SZ vom 12.12.2013/ebri
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