Süddeutsche Zeitung

Coronavirus:Serbien droht der Systemkollaps

Kaum ein Land in Europa hat so viele Einwohner geimpft wie Serbien. Doch die Zahl der Neuinfizierten ist hoch, darunter sind viele junge Menschen. Einen Lockdown aber will Präsident Vučić vermeiden.

Von Florian Hassel, Belgrad

Für Aleksandar Vučić ist es ungewohnt, dass er in Nachbarländern als Gönner auftreten kann. Am 2. März flog Serbiens Präsident nach Sarajewo - und übergab 5000 Dosen des Covid-19-Impfstoffes von Astra Zeneca. Zuvor hatte Vučić Tausende Dosen des Pfizer/Biontech-Wirkstoffes und des russischen Sputnik V an Nordmazedonien und Montenegro übergeben. Er kann sich die Impfstoffdiplomatie leisten: Außer England hat kein Land in Europa, gemessen an seiner Bevölkerung, so viele Einwohner geimpft wie Serbien. Das ist vor allem Vučićs Verdienst.

Der serbische Staatschef hält am Beitrittswillen Serbiens zur EU fest, pflegt aber auch gute Beziehungen zu Russland und China. Serbien bekam nicht nur hunderttausend Impfdosen von Biontech und Astra Zeneca, sondern auch von Sputnik V - und 1,5 Millionen Dosen des chinesischen Sinopharm-Impfstoffes. Weitere Lieferungen stehen an.

Seit dem 11. Januar können sich Serben im Internet oder telefonisch als impfwillig registrieren und wählen, welche Impfstoffe sie möchten - und welche nicht. Wer geimpft werden soll, erhält am Abend zuvor eine E-Mail oder SMS, wo und wann er anderntags zu erscheinen hat.

In den Impfzentren stehen in der Realität freilich statt der gewählten oft nur andere Impfstoffe zur Verfügung. Gleichwohl ist mehr als eine Million der 6,8 Millionen Serben geimpft worden, gut die Hälfte hat auch die zweite Dosis schon bekommen.

Doch der Impfprozess könnte bald stocken. Nur gut 200 000 Serben stehen noch auf der Warteliste. "Wir kommen langsam in die absurde Situation, dass wir Impfstoffe haben, aber keine Leute, die sie bekommen", warnte der Epidemiologe Zoran Radovanović in Politika. Die zahlreichen Impfgegner pflegen Verschwörungstheorien: etwa, dass Microsoft-Gründer Bill Gates hinter dem "Impfwahn" stehe oder Impfstoffe steril machten, so Radovanović. Selbst von Ärzten und Krankenschwestern sei nur die Hälfte geimpft.

Bisher sind 109 Ärzte gestorben. Aus Krankenhäusern kommen verzweifelte Hilferufe

Und Serbien ist nicht nur beim Impfen Spitzenreiter, sondern auch bei der Zahl Neuinfizierter. Täglich werden bis über 4000 Neuinfizierte gemeldet. In Deutschland würde dies 48 000 Neuinfizierte täglich bedeuten. Zudem liegt die echte Zahl der Infizierten deutlich höher: In Deutschland sind sechs Prozent der PCR-Tests positiv - in Serbien rund ein Viertel.

In Belgrad hat die Regierung eine Sportarena zum Covid-Krankenhaus umgewidmet. Dessen Leiter Vlado Bratnozić sieht dort immer mehr junge Serben - und ganze Familien. Die Verläufe seien zunehmend schwer, 306 seiner 386 Patienten hingen am Sauerstoff, sagte der Arzt im Fernsehsender RTS . "Es findet etwas Schreckliches statt."

Präsident Vučić verlieh Medizinern am 4. März für ihren Covid-19-Einsatz Verdienstmedaillen. Vier Ärzte wurden nur posthum geehrt - bisher sind 109 Ärzte an Covid-19 gestorben. Aus Krankenhäusern kommen verzweifelte Hilferufe. Chefepidemiologe Predrag Kon forderte einen Lockdown und ein Verbot, das Haus zu verlassen, Einkäufe und Arztbesuche ausgenommen.

Das gab es in Serbien schon einmal: Im März und April 2020 war Serbien praktisch geschlossen. Polizei und Militär patrouillierten auf leergefegten Straßen. Stolz verwies Belgrad auf niedrige Ansteckungszahlen. Doch im Frühling steuerte die Regierung vor einer Wahl um - und hob Beschränkungen auf. Fassungslos sahen Fachleute Tennisturniere und Fußballspiele mit Tausenden Zuschauern. Auch Cafés, Restaurants und Geschäfte öffneten wieder.

So stiegen die Zahlen schnell an. Mitte Oktober 2020 legten Ärzte einen detaillierten Stufenplan vor, um neue Ansteckungswellen zu vermeiden - erfolglos. Bis zum 1. Dezember explodierte die Zahl der Neuinfizierten auf 7999. Neue Einschränkungen wurden bald wieder gelockert. Bis auf halbherzige Schließungen an Wochenenden ist in Serbien alles geöffnet, sind Einkaufszentren ebenso voll wie Restaurants, Theater und Fitnessclubs.

Mitte Februar hob die Polizei in Belgrad eine "Corona-Party" mit 700 Gästen aus; in einem Restaurant in Niš waren es am 5. März 330 Gäste. Miša Relić, Vorsitzender der Bar- und Nachtclubvereinigung, sagte der Tageszeitung Danas, trotz solcher Aktionen hätten etliche Clubs weiter geöffnet - jene mit guten Beziehungen zu Stadtverwaltung oder Polizei. Auch Serbiens Wintersportorte blieben geöffnet und sorgten nach Massenandrang für besonders viele Ansteckungen.

Nur wenige Serben tragen diszipliniert die Masken. Und die noch ansteckendere englische Virusvariante B.1.1.7 sorgt in Serbien bereits für 30 Prozent der Neuinfektionen. Beim Nachbarn Nordmazedonien sind es gar schon 70 Prozent. Offiziell sind bisher 4562 Serben an Covid-19 gestorben. Doch dies ist nur ein Teil der Realität. Dem Statistikamt zufolge starben 2020 rund 14 000 mehr Serben als 2019.

Mediziner forderten im Corona-Krisenstab einen radikalen Lockdown. "Wenn wir nichts tun, steigen die Ansteckungszahlen exponentiell und das System bricht zusammen", sagte Chefepidemiologe Kon. Doch nicht die Mediziner entscheiden, sondern die Politiker. "Wir verhalten uns alle unverantwortlich, aber die Leute haben es satt. Sie müssen arbeiten, unsere Wirtschaft muss arbeiten", sagte Präsident Vučić und sprach sich gegen einen langen Lockdown aus. Zwar musste am Samstagmittag alles schließen, ausgenommen Supermärkte, Apotheken und Tankstellen. Schon an diesem Montag aber soll morgens alles wieder öffnen dürfen.

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