Süddeutsche Zeitung

Schwules Paar mit Heiratsplänen:"Man muss der Politik auch verzeihen können"

Für Familienministerin Kristina Schröder sind Schwule die neuen Konservativen. Doch stimmt das tatsächlich? Klar, sagen Steffen Maisch und Norman Schock, die seit neun Jahren ein Paar sind. Ein Gespräch über Hochzeitspläne, schwules Lebensgefühl, konservative Werte - und Offenheit im Job.

Tobias Dorfer

Wer homosexuell ist, muss links sein - oder doch nicht? Auch als Schwuler kann man CDU wählen, sagen Steffen Maisch, 33, und Norman Schock, 26. Die beiden Stuttgarter sind seit neun Jahren ein Paar und wollen 2013, pünktlich zu ihrem zehnten Beziehungsjubiläum, heiraten.

Süddeutsche.de: Herr Schock, Herr Maisch, als Homosexuelle sympathisieren Sie mit der CDU. Wie passt das zusammen?

Norman Schock: Sehr gut passt das zusammen. Denn für meine Wahlentscheidung sind nicht nur die Rechte von Homosexuellen entscheidend.

Süddeutsche.de: Sondern?

Schock: Den größten gemeinsamen Nenner zu finden. Am Ende stimme ich für die Partei, mit der ich die größten Übereinstimmungen sehe.

Süddeutsche.de: Was spricht für Sie für die Union?

Steffen Maisch: Mich interessieren vor allem Wirtschaftsfragen. Da sehe ich bei der CDU die größte Kompetenz.

Süddeutsche.de: Es gibt aufgeschlossene Politiker in der CDU, das hat der Vorstoß der 13 Bundestagsabgeordneten zur steuerlichen Gleichstellung von Lebenspartnerschaften gezeigt. Es gibt aber auch Menschen wie den CSU-Politiker Norbert Geis, der noch vor wenigen Jahren im Zusammenhang mit Homosexualität von "Fehlentwicklung" sprach. Müssen Sie nicht schlucken, wenn Sie so etwas hören?

Schock: Doch, das muss ich. Ich kann Aussagen wie die von Herrn Geis nicht akzeptieren. Aber letztlich besteht die Union aus zwei großen Parteien mit mehreren hunderttausend Mitgliedern. Da wird es immer Menschen mit Meinungen geben, die mir nicht gefallen.

Maisch: Das ist doch das Schöne an einer freien Demokratie - jedes Parteimitglied hat das Recht auf eigene Positionen. Auch ich finde solche Vokabeln wie "Fehlentwicklung" unerträglich. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass es in anderen Parteien Menschen gibt, die mit Homosexuellen nicht viel anfangen können. Die sagen das nur nicht so deutlich.

Süddeutsche.de: Wann haben Sie sich als schwul geoutet?

Schock: Mit 16 bei Familie und Freunden und von Anfang an in Studium und Beruf.

Maisch: Ich war 21.

Süddeutsche.de: Wie waren die Reaktionen?

Schock: Ausschließlich positiv. Zumindest habe ich nie etwas von Diskriminierung gespürt, wofür ich sehr dankbar bin.

Maisch: Bei mir hat der eine oder andere anfangs etwas zurückhaltend reagiert. Aber das hat sich schnell gelegt. Unsere Generation hat das Glück, dass sie sich Toleranz nie wirklich erkämpfen musste. Die großen Kämpfe sind weit vor unserer Jugend ausgefochten worden - von Menschen, die heute Rentner sind. Wir haben uns ins gemachte Nest gesetzt.

Süddeutsche.de: Viele Menschen haben noch den Paragraf 175 miterlebt oder den von CSU-Mann Peter Gauweiler initiierten Anti-Aids-Maßnahmenkatalog in Bayern. Können Sie verstehen, dass die deshalb nie wieder eine konservative Partei wählen wollen?

Maisch: Natürlich verstehe ich das. Aber es gibt auch Themen, bei denen die Menschen von anderen Parteien enttäuscht sind und diese nicht mehr wählen wollen.

Schock: Bei uns in Stuttgart sagen viele Stuttgart-21-Gegner, dass CDU, SPD und FDP für sie grundsätzlich nicht wählbar sind. Und jetzt, wo die neue Landesregierung den Bahnhofsbau durchsetzen muss, fühlen sie sich auch von den Grünen verraten und wollen die ebenfalls nicht mehr wählen. Da stellt sich die Frage, wer noch übrig bleibt. Extreme Parteien? Das kann keiner wollen. Ich finde, man muss der Politik auch verzeihen und den handelnden Parteien und Personen Meinungsänderungen zugestehen können.

Schafft das Ehegattensplitting ab!

Süddeutsche.de: Nehmen Sie der Union die neue Schwulenfreundlichkeit ab?

Schock: Die Position einer Partei bildet sich immer aus den Einzelmeinungen ihrer Mitglieder. So wandelt sich die CDU ebenso wie die Gesellschaft. Es gab ja schon immer schwule Abgeordnete in der Union oder liberale Köpfe wie etwa Rita Süßmuth. Die konnten sich früher damit vielleicht nicht durchsetzen. Jetzt ist das anders.

Maisch: Vor zehn Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass der Bundesaußenminister auf einer Reise von seinem Freund begleitet wird. Oder dass ein Bundestagsabgeordneter der CDU offen schwul lebt und auf Twitter schreibt, dass er mit seinem Freund in Urlaub fährt.

Süddeutsche.de: Dass sich die Gesellschaft geöffnet hat, ist weniger Verdienst der Union. Das Lebenspartnerschaftsgesetz hat die rot-grüne Bundesregierung unter Gerhard Schröder durchgesetzt.

Maisch: Es ist ja auch nicht alles schlecht, nur weil es von anderen Parteien kommt. Wir Schwule und Lesben müssen Rot-Grün dankbar für dieses Gesetz sein.

Süddeutsche.de: Familienministerin Kristina Schröder unterstützt den Vorstoß der 13 CDU-Parlamentarier mit der Begründung, in schwulen und lesbischen Lebenspartnerschaften würden "konservative Werte" gelebt, weil die Partner füreinander Verantwortung übernehmen. Fühlen Sie sich davon angesprochen?

Maisch: Ich finde Frau Schröders Interpretation gut. Norman und ich treten beide füreinander ein, in guten und in schlechten Zeiten. Das ist genau das, was sich Mann und Frau vor dem Traualtar versprechen. In dem Sinne leben wir also konservative Werte. Im kommenden Jahr wollen wir auch heiraten

Süddeutsche.de: Warum haben Sie sich dazu entschlossen?

Maisch: Wir sind dann zehn Jahre lang zusammen, wir lieben uns und das wollen wir für uns selbst besiegeln und auch der Außenwelt zeigen. Ich sehe diese Hochzeit außerdem als öffentliches Signal: Homosexuelle Beziehungen können genauso langlebig und wertvoll sein wie heterosexuelle.

Schock: Es geht aber auch um praktische Dinge: das Besuchsrecht, wenn einer von uns ins Krankenhaus muss. Oder: Wie ist mein Freund abgesichert, wenn ich ein Pflegefall werden sollte? Und wenn wir irgendwann vielleicht auch noch steuerliche Vorteile bekommen, nehmen wir die auch gerne mit. Das ist aber nicht ausschlaggebend - genauso wenig, wie es bei einem Heteropaar ausschlaggebend sein sollte.

Süddeutsche.de: Unterscheiden Sie sich in Ihrem Zusammenleben von Heteropaaren?

Schock (lacht): Wir sitzen wie unsere Heterofreunde sonntagabends vor dem Fernseher und schauen "Tatort". Im Ernst: Jedes Paar ist anders. Das ist aber nicht von der Sexualität abhängig. Trotz alledem haben Schwule und Lesben sicherlich in manchen Punkten andere Lebenswirklichkeiten und Vorstellungen von ihrem Leben, aber gerade das bereichert eine Gesellschaft doch.

Süddeutsche.de: Herr Schock, Sie arbeiten bei einer Versicherung, Sie, Herr Maisch, bei einem Automobilhersteller - beides eher traditionelle Branchen. Gehen Sie dort offen mit Ihrer Sexualität um?

Schock: Bei mir wissen es die meisten. Auf meinem Schreibtisch steht ein Bild von Steffen und als ich von unseren Hochzeitsplänen erzählt habe, haben meine Kollegen alle gratuliert. Ich könnte mich nie verstellen der Karriere wegen. 50 Prozent meines Tages bin ich in der Firma. In dieser Zeit möchte ich nicht mein halbes Leben ausblenden müssen.

Maisch: Auch bei mir ist das eigentlich kein Problem. Ich erzähle nicht jedem, dass ich schwul bin. Aber wer mich fragt, bekommt eine ehrliche Antwort und ich verstecke mich auch nicht, wenn ich im Büro mit meinem Freund telefoniere. Ich habe allerdings auch schwule Kollegen, die sich nicht zu outen trauen.

Süddeutsche.de: Erfolg im Job, Hochzeit und "Tatort"-Abende - fehlt jetzt zum traditionellen Familienglück noch ein Kind?

Maisch: Ich fände es in der Tat gut, wenn Adoptionen für homosexuelle Paare möglich wären. Für uns ist das aber kein Thema. Ich freue mich allerdings über jedes Kind in diesem Land, schließlich will ich in keiner eintönigen und überalterten Gesellschaft leben.

Schock: Deshalb fände ich es auch gut, das Ehegattensplitting, sowohl für Hetero- als auch Homosexuelle, abzuschaffen und dafür Kinder finanziell zu unterstützen. Das wäre sicherlich ein sinnvoller Ansatz. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob das gesellschaftlich durchsetzbar ist. Schade eigentlich.

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