Süddeutsche Zeitung

Rohingya:Mit Angst zurück nach Myanmar

Zehntausende Rohingya will Myanmar aus Bangladesch zurücknehmen. Die Angehörigen der muslimischen Minderheit befürchten, erneut Opfer der Armee zu werden.

Von Arne Perras, Singapur

Wenn Bangladesch seine eigenen 160 Millionen Bewohner ernähren kann, dann wird es das Land auch schaffen, 700 000 Flüchtlinge zu versorgen: So lautete die Botschaft von Premierministerin Sheikh Hasina an ihr Land und die Welt, als der große Exodus der Rohingya in vollem Gange war.

Bangladesch hat seit Herbst 2017 ohne große Klage alle Flüchtlinge aufgenommen, die aus Myanmar über die Grenze geströmt sind. Die Welt war dankbar für so viel Offenheit und zahlt seither Hilfe, um Camps auszubauen, Nahrung und Medizin zu liefern. Dennoch wurde bald deutlich: Bangladesch will die vielen Flüchtlinge nicht lange im Land behalten und schon gar nicht einbürgern.

Und so erklärte das Außenministerium des südasiatischen Landes nun nach Beratungen mit Myanmar, dass sich beide Staaten auf ein konkretes Zeitfenster geeinigt hätten: Die Rückführung soll innerhalb von zwei Jahren abgewickelt werden, heißt es. Außenminister Shahidul Haque versicherte, dass der Nachbar Myanmar nun bereit sei, 1500 Flüchtlinge pro Woche zurückzunehmen. Rechnet man dies hoch, ergibt das eine Zahl von etwa 150 000 Menschen, die bis Ende 2019 über die Grenze geschickt werden könnten.

Bangladesch hatte ursprünglich das Zehnfache pro Woche vorgeschlagen: 15 000. Unklar bleibt, was mit all den anderen Flüchtlingen in Bangladesch geschehen soll. Sicher ist: Viele haben Angst vor einer Rückkehr. Und Flüchtlingshelfer fordern, dass niemand gezwungen werden dürfe.

Vertriebene befürchten, dass sie in ihrer Heimat Myanmar erneut in apartheid-ähnliche Verhältnisse gezwungen werden und in Ghettos leben müssen, ohne Rechte und ohne Freiheit. Die Menschen sind traumatisiert, haben Angst, dass ihnen die Armee erneut Gewalt antun könnte. Diese Sorge hatten Flüchtlinge zuletzt auch im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung geäußert.

Bei einem Besuch im Camp Kutupalong im Dezember sagte Hasina Katun, eine Mutter von vier Kindern: "Myanmar ist mein Land, ich möchte nach Hause. Aber wir brauchen internationalen Schutz. Wie sollen wir zurückkehren, wenn es keinen Frieden gibt?" Die Armee Myanmars kämpft gegen Aufständische einer selbsternannten Rohingya-Heilsarmee (Arsa), doch die Vereinten Nationen klagen, dass sich das Militär ethnischer Säuberungen schuldig gemacht habe.

Muslimische Rohingya werden in Myanmar stark diskriminiert

Papiere, die belegen könnten, dass die Mutter Katun tatsächlich aus Myanmar kommt, kann die 32-Jährige nicht vorweisen; sie sagt, sie seien auf der chaotischen Flucht verloren gegangen. Ähnliches erzählen auch viele andere Rohingya, von denen die meisten nicht als Bürger Myanmars anerkannt werden. Sie werden dort als Bengalen und illegale Einwanderer aus dem Nachbarland eingestuft, obgleich viele von ihnen schon seit Generationen im Westen Myanmars leben.

Wer nun freiwillig zurückkehren will, muss nach dem Willen Myanmars zunächst einen Überprüfungsprozess durchlaufen; dies gelte als Voraussetzung, um sich um Bürgerrechte zu "bewerben", wie ein Regierungssprecher in Naypyitaw erklärte. Keine Gruppe wird in Myanmar so stark diskriminiert wie die muslimischen Rohingya.

Die Verhandlungen fallen in eine Zeit, in der die Armee Myanmars erstmals zugegeben hat, dass ihre Soldaten an Massentötungen von Rohingya in einem Dorf beteiligt gewesen sind. Das Büro des Oberkommandierenden erklärte dazu am 10. Januar: "Einige Dorfbewohner und Sicherheitskräfte haben gestanden, zehn bengalische Terroristen getötet zu haben", sie seien am Friedhof erschossen worden. Zuvor hatte die Armee solche Vorwürfe stets abgestritten. Überlebende aus dem Dorf Inn Din gaben in Bangladesch an, die getöteten Rohingya seien keine Kämpfer gewesen, sondern Zivilisten.

Zwei Reuters-Journalisten, die über die Gewalt in Rakhine recherchiert haben sollen, stehen mittlerweile in Myanmar unter Anklage, ihnen wird "illegale Informationsbeschaffung" vorgeworfen. Den beiden Reportern drohen bei einer Verurteilung bis zu 14 Jahre Haft.

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Quelle:
SZ vom 17.01.2018/gal
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