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Personalwechsel bei den Grünen:Grüne Gegnerinnen

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Die Grünen wollen zwei hohe Posten neu besetzen und suchen dafür Frauen - nun gibt es gleich vier Anwärterinnen: Viele sehen Katrin Göring-Eckardt im Vorteil, Kerstin Andreae gilt für die Linken in der Fraktion als Reizfigur, Simone Peter klingt auf Nachfrage noch vorsichtig, und Steffi Lemke lotet noch aus.

Von Christoph Hickmann, Berlin

Kerstin Andreae, 44, ist ein bisschen unter Zeitdruck an diesem Donnerstag. Die Grünen-Abgeordnete will in die Heimat, nach Freiburg, dafür muss sie den Flug mit der Nummer EZY4635 nach Basel erwischen, planmäßiger Start 14.40 Uhr, doch bevor sie losfliegt, hat die bisherige stellvertretende Chefin der Grünen-Bundestagsfraktion noch etwas zu erledigen: Sie erklärt ihre Kandidatur für den Vorsitz der Grünen-Bundestagsfraktion - gegen Katrin Göring-Eckardt, 47, bis Sonntag Spitzenkandidatin ihrer Partei.

Und noch bevor am Flughafen Schönefeld das Boarding der Maschine nach Basel beginnt, macht bei den Grünen eine weitere Meldung die Runde: Simone Peter, 47, erklärt sich "offen für eine Kandidatur" als Parteichefin. Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke, 45, hingegen hält sich bedeckt: Ob sie für dieses Amt kandidiert, will sie in den nächsten Tagen entscheiden.

Der Donnerstag ist der Tag der Frauen bei den Grünen. Zwar ist noch nicht endgültig klar und besiegelt, wer den männlichen Teil der neuen Führung stellt, aber da hat sich in den Tagen zuvor einiges getan: Anton Hofreiter will Fraktionschef werden, bislang hat niemand eine Gegenkandidatur angekündigt. Und Cem Özdemir will, Neuanfang nach der Wahlniederlage hin oder her, wieder Parteichef werden.

Da es bei den Grünen in Partei und Fraktion Doppelspitzen gibt, sind noch zwei Frauenplätze zu besetzen - streng nach Flügelproporz wird in der Fraktion eine Frau aus dem Realo-Lager gesucht und für die Parteispitze eine Linke. Was die Fraktion angeht, hat sich bis zum Donnerstag nur Göring-Eckardt erklärt, während Andreae zunächst angekündigt hat, sie wolle den Länderrat am Samstag abwarten. Für den Parteivorsitz hat sich noch gar keine Kandidatin aus der Deckung gewagt. Bis am Donnerstag Simone Peter und Steffi Lemke miteinander telefonieren.

Gegen 13 Uhr beginnt das Gespräch, in dem sich die beiden Frauen gegenseitig erklären, was sie vorhaben. Direkt nach dem Telefonat macht Peter ihre Ambitionen öffentlich: "Mit grünen Leitthemen Zukunft gestalten - mein Angebot an die Partei", so überschreibt sie die auf ihrer Netzseite veröffentlichte Bewerbung. In den Tagen zuvor hat sie aus dem linken Flügel viel Unterstützung bekommen - und gleich nachdem ihre Bewerbung draußen ist, lobt etwa der Berliner Landeschef Daniel Wesener die Kandidatin: Peter "verkörpert als Umweltpolitikerin das grüne Kernanliegen", stehe aber auch "für das Zusammendenken von Klimaschutz, Gerechtigkeit und emanzipatorischer Politik".

"Die Zeit möchte ich mir nehmen"

Allerdings klingt Peter auf Nachfrage dann doch noch etwas vorsichtiger: Mit der Formulierung, sie sei "offen für eine Kandidatur", sei noch nicht endgültig gesagt, dass sie auch antrete. Sie stehe bereit, sagt sie, wenn die Partei sie wolle, und werbe nun um weitere Unterstützung. Eins nach dem anderen, also.

Sie hat es mit einer in diesen Dingen hochprofessionellen Gegnerin zu tun: Lemke. Die hat als Managerin des Wahlkampfs seit Sonntagabend einen äußerst schweren Stand, aber aufgegeben hat sie nicht. Sie lotet aus, ob es nicht doch eine Chance gibt - und formuliert öffentlich so: Es gebe am Wochenende "wichtige Treffen mit der Partei und in den Gremien". Die Debatten seien ihr "sehr wichtig", erklärt sie. "Die Zeit möchte ich mir nehmen."

Nichts ist also entschieden - und in der Fraktion? Da sehen viele Göring-Eckardt im Vorteil, weil sie zwar offiziell zum Realo-Lager gehört, sich mittlerweile aber deutlich nach links bewegt hat. Sie geht auch bereits aufs Ganze und gibt ebenfalls am Donnerstag bekannt, dass sie ihr Amt als Synodenpräses der Evangelischen Kirsche in Deutschland niederlegt. Allerdings gibt es auch Vorbehalte gegen sie - schließlich sei sie Spitzenkandidatin gewesen und damit Teil jener Riege, die Konsequenzen aus dem Wahlergebnis ziehen sollte.

Intern wird damit gerechnet, dass sie sich dazu an diesem Freitag noch einiges anhören muss. Nach Sitzungen der Parteigremien mit Beteiligung der Landesverbände treffen sich die Realos am Vorabend des Länderrats in Berlin-Mitte, um ihre Positionen zu klären (während die Linken in Kreuzberg zusammen kommen). Unter anderem aus Baden-Württemberg, wo Andreae starken Rückhalt hat, wird Gegenwind für Göring-Eckardt erwartet.

Andreae hingegen hat das Problem, dass sie für die Linken in der Fraktion eine Reizfigur ist. Viel zu wirtschaftsliberal, heißt es über sie, und hämisch wird dieser Tage ein Zitat von ihr aus der Sitzung am Dienstag kolportiert: Sie sei nicht bei der CDU, sie sei nicht bei der FDP, sondern bei den Grünen, soll sie dort gesagt haben - was nun gegen sie verwendet wird: Wenn man es nötig habe, das noch zu betonen, könne doch etwas nicht stimmen. Den Flug nach Basel hat sie übrigens erwischt.

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Quelle:
SZ vom 27.09.2013/fran
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