Süddeutsche Zeitung

NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft:Auf dass die Schlote rauchen

Erst die "Frau, die sich nicht traut", dann "Mrs. No" und nun "Kohle-Kraft". Die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen hat schon viele Stempel aufgedrückt bekommen, dabei macht Hannelore Kraft doch nur Landespolitik. Dort bewegt sie sich allerdings auf einem schmalen Grat.

Früher war das SPD-Parteibuch vor allem im Ruhrgebiet auch ein Berechtigungsschein - mit dem man Anrecht hatte auf Beschäftigung in der Verwaltung oder den öffentlichen Unternehmen. Ganz so offensichtlich geht das nicht mehr, aber auch unter Hannelore Kraft wird weiter Klientelpolitik betrieben im Arbeiter- und Kohle-Staat Nordrhein-Westfalen. Jetzt hat die Ministerpräsidentin Artenschutz für Tagebau und Stahlindustrie gefordert. Es wirkt wie eine von Hochofenromantik geprägte Politik.

Hannelore Kraft sieht das anders. Sie macht die Politik, die die Leute wollen. Nicht immer die, die angebracht wäre. Das, was sie in der nordrhein-westfälischen SPD geschafft hat, taugt aus ihrer Sicht durchaus als Modell für die bundesweite Genesung der Sozialdemokratie: näher ran an den Bürger, zuhören, verstehen, mitfühlen und danach handeln. Das wurde als weiblicher Politikansatz beschrieben, man kann es auch sozialdemokratischen Populismus nennen.

Kraft kennen die meisten Menschen seit drei Jahren, seit sie Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen geworden ist. Sie hat das Land für die Sozialdemokraten zurückgewonnen, aus einer Minderheitsregierung eine stabile Koalition mit den Grünen gemacht und es unter die beliebtesten Politiker Deutschlands geschafft. Dazu bringt sie es auf eine erstaunliche Häufung von Beinamen: Als sie bei der Minderheitsregierung zauderte, wurde sie: "Die Frau, die sich nicht traut"; als sie sich dann doch traute und mit dem Regieren anfing: "die Schuldenkönigin"; als Teil des ersten weiblichen Regierungsduos zu "Hanni und Nanni"; schließlich zur "Landesmutti".

Als sie sich gegen eine große Koalition wandte, machte man sie zur "Mrs. No", als man merkte, dass das nichts wird, zur "Umfallerin" und in der vergangenen Woche schließlich zur "Kohle-Kraft". Und so weiter. Die Frage ist, über wen solche Titel mehr aussagen. Über die Qualität der Wortspiele? Oder über Hannelore Kraft?

Die einen halten sie für naiv, weil sie Sachen sagt wie: Ich möchte die Welt besser machen. Ihre Welt beginne in Mülheim an der Ruhr und ende in Lüdenscheid, ätzen dann die Kritiker. Als Kraft mit dem Regieren begann, wurde ihr vorgeworfen, sich nur um ihren Sprengel zu kümmern, nicht um die Bundespolitik. Als sie sich in die Bundespolitik einmischte, wurde ihr vorgeworfen, in Berlin eine zu große Klappe und zu schlechte Laune zu haben. Außerdem sei es unerhört, dass sie hier in der Hauptstadt als Zugereiste ein Wörtchen mitreden wolle, sich aber weigere, Kanzlerkandidatin oder Parteivorsitzende werden zu wollen und es endlich auch zuzugeben. Es war ein lustiges Spielchen.

Die Landesmutter kümmert sich

Manchmal schien es so zu sein, als polarisiere Hannelore Kraft. Obwohl sie doch so gar nichts Polarisierendes hat. Ihre exzentrischste Eigenschaft ist, dass sie jeden Sommer ihr Sportabzeichen macht und mit ihren Freunden gerne Karten spielt. Man muss aber kein Mitleid haben mit Hannelore Kraft, ihr mangelt es ja auch nicht an Selbstbewusstsein. Programmatisch hat Kraft nicht viel verändert in der Herzkammer der SPD, sie hat der Partei jedoch ein neues Gefühl gegeben: Die Landesmutter kümmert sich.

Aber abseits aller Etiketten, die Kraft bisher angeheftet wurden, steht ihr die entscheidende politische Prüfung noch bevor: Sie will verhindern, dass ihr Name mit dem endgültigen Aus der Stahlproduktion und Braunkohleförderung verbunden wird. Also fordert Kraft weniger Energiewende und mehr Kohle für den Pott - auf dass die Schlote rauchen.

Umweltpolitiker in ihrer Partei halten das für einen Weg ins dunkelste Kohlendioxid-Mittelalter. Kraft fragt, was soll ich den Kumpeln und Stahlkochern sagen, dass sie Auslaufmodelle sind, dass sie doch bitte schön zu Hause bleiben sollen? Im Revier ist der Strukturwandel zwar kein Synonym mehr für Hoffnungslosigkeit, sondern gewinnt an Kontur, die IT-Branche ersetzt die Zechen. Ein Ende von Braunkohle und Stahl würde aber die ganze Region zurückwerfen, sagt Kraft.

Es ist ein schmaler Grat, auf dem sie sich bewegt, denn auf der anderen Seite hat das Land unter den regierenden Sozialdemokraten viel zu lange am Bergbau festgehalten, hat die Grubenromantik den Wagnissen des Fortschritts vorgezogen. Der Kohlepfennig versickerte unter Tage. Die Grünen, ihr Koalitionspartner in Düsseldorf, wollten das Land nun zum Vorzeigeobjekt der Energiewende machen, sehen sich nun aber mit der Politik der alten Ruhr-SPD konfrontiert. Kraft sagt, sie könne beides, Stahl und Eisen, Wind und Sonne.

Das ist letztlich auch das Thema, das sie mehr interessiert als irgendwelche Kanzlerkandidaturen oder Etiketten. Die werden aber schnell entworfen sein, sollte Kraft scheitern.

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SZ vom 29.10.2013/dmo
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