Süddeutsche Zeitung

Sachbuch:Ein bisschen Spaß muss sein - auch in Mathe

Warum haben so viele Schüler Probleme mit dem Fach? Ein Buch zeigt, wie sie nicht nur ihre Angst verlieren, sondern sogar Freude daran finden können.

Von Lilith Volkert

Wenn es um Brüche, Funktionen und geometrische Figuren geht, bekommen viele Schüler erst mal Angst. Schwärmt dann jemand davon, dass Mathematik "etwas sehr Schönes, Elegantes und Faszinierendes" sei und er andere unbedingt mit seiner Begeisterung anstecken möchte, ist die Gefahr groß, dass er vor allem Abwehrreflexe auslöst.

Georg Burkhardt passiert das nicht. In seinem Buch "Mathe ohne Angst" macht er zwar deutlich, für wie wichtig er ein gutes Verhältnis zur Zahlenwelt hält. Er tut das bei aller Leidenschaft aber unaufdringlich und mit viel Verständnis für alle, denen es anders geht. Wer sich die eigenen Ressourcen bewusst macht, Mathe als eine spannende Art zu Denken begreift und sich etwas Zeit fürs Üben nimmt, verliert nicht nur die Angst davor, sondern kann sogar Spaß daran finden, so der Autor.

Das Buch vereint Problemanalyse mit praktischer Nachhilfe und allgemeinen Tipps für den Schulalltag. Warum also ist Mathematik ein Problem für viele Schüler? Burkhardt vermisst bei ihrer Vermittlung in der Schule das Leichte und Spielerische, "das Fördern der Neugier, die Möglichkeit zu forschen und zu entdecken". Würden Kinder auf ähnliche Art und Weise an die Musik herangeführt - sie müssten erst Noten lesen können und Tonleitern auswendig lernen, bevor sie Musik hören oder selbst musizieren dürften, und würden dann bei jedem Fehler negativ beurteilt -, hätte auch keiner mehr Lust darauf.

"Mathe ohne Angst" richtet sich vor allem an Jugendliche. Doch auch Eltern und Lehrern sind immer wieder einzelne Abschnitte gewidmet. Dass der Leser sehr häufig direkt angesprochen und durchgehend geduzt wird, wirkt anfangs etwas befremdlich. Es schafft aber auch eine Nähe, die man bei dem Thema nicht erwartet.

Mathematik ist die Wissenschaft davon, es sich so einfach wie möglich zu machen

Dass der Autor Sozialberater und Nachhilfelehrer ist, kommt dem Buch zugute. So widmet er ein Kapitel grundlegenden psychologischen Fragen: Warum ist eine gute Beziehung zwischen Lehrer und Schüler so wichtig, welche Rolle spielt die innere Haltung der Beteiligten dabei? Warum schwingen gerade im Matheunterricht so viele unausgesprochene Ängste mit? Außerdem möchte Burkhardt Schülern, Lehrern und Eltern die Perspektive der jeweils anderen nahebringen und so für einen respektvollen Umgang miteinander sorgen. Dass er sein eigenes Schultrauma offenlegt (bei ihm waren es die Sprachen), wirkt sympathisch.

Wenn der Autor im zweiten Teil Klassiker der Schulmathematik wie Dreisatz, Kommaverschiebung und die Umwandlung von Maßeinheiten erklärt, ist zu spüren: Hier saß jemand schon oft neben Schülern, die irgendwann den Faden verloren haben. Nebenbei vermittelt Burkhardt, wie man Statistiken kritisch hinterfragt, und gibt einen Einblick in die Geschichte der Rechenmaschine Computer. Die praktischen Tipps im letzten Kapitel, etwa zu Selbstmotivation, Lernroutine und Prüfungsvorbereitung, sind hingegen sehr allgemein und dürften den meisten Schülern bereits bekannt sein.

Mathe-Missionar Burkhardt versucht, selbst die Faulen zu packen: Schließlich sei Mathematik die Wissenschaft davon, es sich so einfach wie möglich zu machen. Bleibt die Frage, ob ein 196-seitiges Buch das richtige Medium ist, um die gewünschte Zielgruppe zu erreichen - oder ob sich Jugendliche Motivation und Nachhilfe inzwischen lieber auf Youtube suchen.

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