Süddeutsche Zeitung

Parteitag der Linken:Jenseits der Marmelade

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Es gibt vier ernsthafte Kandidaten für zwei Posten an der Spitze der Linkspartei - der Wahlausgang ist völlig offen.

Von Boris Herrmann, Berlin

Die Linke sucht eine neue Parteispitze, aber sie sucht nicht sehr fokussiert. Die Basisdemokratie ist in der Linkspartei ein heiliges Gut, man kann jederzeit online eintreten und schon fünf Minuten später für den Vorsitz kandidieren. Zehn Bewerberinnen und Bewerber hatten sich bis Donnerstag gemeldet, von denen aber nur vier realistische Chancen haben. Auf dem Parteitag in Erfurt steht trotzdem allen zehn dieselbe Redezeit zu. Basisdemokratie kann zeitraubend sein. Weil die Doppelspitze mit mindestens einem Frauenplatz quotiert ist, fällt die Entscheidung de facto in zwei Duellen: Janine Wissler gegen Heidi Reichinnek. Und Sören Pellmann gegen Martin Schirdewan.

Janine Wissler

Die Fakten sprechen eher gegen Wissler. Seit sie im Februar 2021 den Parteivorsitz der Linken übernahm, hat sie eine Bundestagswahl, mehrere Landtagswahlen sowie eine Co-Vorsitzende verloren. Wissler und Susanne Hennig-Wellsow sind als Duo gescheitert, weil sie nie wirklich zueinandergefunden haben. Hennig-Wellsow garnierte ihre Rücktrittserklärung mit Kritik an Wisslers Umgang mit den Sexismus-Vorwürfen in der Partei. Damit hinterließ sie der übrig gebliebenen Doppelspitzenhälfte eine schwere Hypothek.

Dennoch geht Janine Wissler, 41, als Favoritin in die Wahl am Samstagmittag. Sie gehört zweifellos zu den schlagfertigsten Rednerinnen ihrer Partei, auch wenn sie das zuletzt nicht mehr so regelmäßig unter Beweis stellte wie in ihrer Zeit als Fraktionschefin im Hessischen Landtag. Die Parteichefin Wissler formuliert vorsichtiger und diplomatischer, selbst ihre Unterstützer meinen, sie müsse endlich mal ihre innere Handbremse lösen. Wissler hat sich aufgerieben in dem Versuch, die innerparteilichen Grabenkämpfe zu befrieden und es allen ein bisschen recht zu machen. Unterm Strich machte sie es den Wählern jedenfalls nicht leichter, die Linke anzukreuzen.

Sie hat sich fest vorgenommen: Falls sie noch mal wiedergewählt wird, dann wird man eine andere Parteichefin erleben. Eine, die kämpferischer auftritt, nach außen wie nach innen.

Heidi Reichinnek

Ihren linken Arm nennt Reichinnek ihren politischen Arm. Er ist tätowiert mit einem Bildnis von Rosa Luxemburg und mit einer Uhr, die fünf vor zwölf anzeigt. War nicht so gedacht, passt aber trotzdem zum Zustand der Partei. Reichinnek fordert Wissler heraus, weil sie findet, dass die Linke dringend neue Gesichter brauche. Reichinnek begreift es als Verkaufsvorteil, dass sie erst seit September im Bundestag sitzt und mit ihren 34 Jahren das jüngste Mitglied der Linksfraktion ist. Sie trägt zerrissene Jeans nicht nur beim Rammstein-Konzert, sondern auch in ihrem Abgeordnetenbüro. Der Aufbruch, den sie verkörpern will, ist modisch erkennbar.

Hinter der jugendhaften Fassade verbirgt sich aber eine Blitzkarriere. Reichinnek trat 2015 in die Linke ein und wurde schon vier Jahre später Landesvorsitzende in Niedersachsen. Als Novizin im Bundestag stieg sie direkt zur stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden auf. Spätestens mit dem Griff zum Parteivorsitz weckte sie den Argwohn interner Kritiker. Auch wenn sie das vehement abstreitet, ist sie den Verdacht nicht losgeworden, die Fraktionsvorsitzenden Dietmar Bartsch und Amira Mohamed Ali hätten sie als ihre Gegenkandidatin zu Wissler platziert. Der aktuellen Vorsitzenden wirft sie vor, die Partei in der Fläche zu wenig zu unterstützen. "Da kommt nichts", sagt Reichinnek auch mit Blick auf die anstehende Landtagswahl in Niedersachsen.

Aber gerade in ihrem Heimatverband hat sie Irritationen ausgelöst, weil sie ihre Kandidatur zum Parteivorsitz über die Hauptstadtpresse verkündete. Drei Tage zuvor beim Landesparteitag in Hannover, findet so manche Genossin, wäre dafür auch eine gute Gelegenheit gewesen.

Sören Pellmann

Es gibt in der Linkspartei nicht mehr viele Siegertypen, aber Pellmann kann mit gewissem Recht behaupten, einer zu sein. Hätte er bei der Bundestagswahl 2021 nicht in Leipzig eines von drei Direktmandaten der Linken gewonnen, säße die Partei heute nicht mehr im Bundestag. In der Rolle des Lebensretters scheint er sich zu gefallen. Jedenfalls leitet er daraus seinen Anspruch ab, nun auch gleich noch den Parteivorsitz zu übernehmen.

Der Grundschullehrer Pellmann, 45, gilt als ein besonders bürgernaher Politiker, an seinen Wahlkampfständen verteilt er gerne handgefertigte Seife und selbstgemachte Marmelade. In seinem Wahlkreis, zu dem auch der linksalternative Stadtteil Connewitz gehört, kommt das scheinbar gut an. Schon 2017 hatte Pellmann dort die meisten Erststimmen erhalten. In der Bundestagsfraktion ist er in den vergangenen viereinhalb Jahren aber jenseits der Marmeladenproduktion nicht unbedingt als Leistungsträger aufgefallen.

Seine Bewerbung zum Parteichef hat Pellmann mit einem Zehn-Punkte-Programm untermauert, in dem er die "Integration aller Promis" forderte. Er musste nicht dazusagen, dass er damit Sahra Wagenknecht meinte, die mit ihrer innerparteilichen Oppositionsrolle bei vielen Genossen in Ungnade gefallen ist. Wagenknecht hat ihre Unterstützung für Pellmann erklärt, aber der scheint inzwischen gemerkt zu haben, dass sich damit nicht unbedingt seine Wahlchancen erhöhen. Für seine Unterschrift auf einem Papier des Wagenknecht-Lagers, in dem der Nato die Mitschuld am Kriegsausbruch in der Ukraine gegeben wurde, hat sich Pellmann inzwischen entschuldigt. Vor dem Parteitag verkündet er nun "das Ende der Ich-AGs" in der Linken. Auch da darf sich seine prominente Unterstützerin angesprochen fühlen. Krankheitsbedingt wird Sahra Wagenknecht allerdings nicht beim Parteitag dabei sein.

Martin Schirdewan

In Schirdewans Stammbaum steckt die ganze bewegte Geschichte einer Partei, die sich mehrfach gehäutet hat. Sein Opa Karl Schirdewan war KPD-Politiker, KZ-Häftling und hochrangiger SED-Funktionär, der wegen seiner kritischen Haltung zum Stalinismus aber in Ungnade fiel. Der Enkel Martin Schirdewan, 46, vertritt die Nachfolgepartei von KPD, SED und PDS heute als Co-Fraktionsvorsitzender im Europaparlament. Sein Mandat in Brüssel will er auch dann behalten, wenn er am Wochenende zum Chef der Berliner Parteizentrale gewählt wird.

Sein Gegenkandidat Pellmann stänkerte deshalb schon: "Europa ist weit weg." Aber Schirdewan ist der Meinung, dass sich Pellmann mit dieser Aussage keinen Gefallen getan hat. Man solle doch mal einen thüringischen Bauern, der Fördergelder brauche, fragen, wie weit weg Europa für ihn sei. Seine Erfahrung in Brüssel sieht Schirdewan jedenfalls als "Riesenbonus" für die Europawahl 2024, bei der die von allerlei Wahlschlappen geplagte Linke die große Trendwende schaffen will. Kritiker weisen dagegen darauf hin, dass Schirdewan schon Spitzenkandidat bei der Europawahl 2019 war, mit der die Niederlagenserie seiner Partei begann.

Hinter seiner Bewerbung zum Parteichef steht der mächtige thüringische Landesverband und damit auch der einzige Ministerpräsident der Linken, Bodo Ramelow. Schirdewan hat auf dem Erfurter Parteitag also Heimvorteil. Nach dem Rückzug der Thüringerin Hennig-Wellsow aus der Parteispitze, soll er nun das thüringische Erfolgsmodell nach Berlin tragen.

Schirdewans Verhältnis zu Wissler ist gut, das zu Reichinnek bislang nicht existent. Obwohl formell am Samstag über lauter Einzelbewerbungen abgestimmt wird, ist es kein Geheimnis, dass Wissler und Schirdewan sich als inoffizielle Teamlösung begreifen.

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