Süddeutsche Zeitung

Türkei und Kurden im Irak:Feinde, die zu Rettern werden

Die kurdische Arbeiterpartei PKK galt in der Türkei lange als Terrororganisation. Jetzt hilft Ankara den nordirakischen Kurden, denn ihre Kämpfer sind das letzte Bollwerk gegen die islamistischen IS-Milizen. Womöglich werden die Kurden für ihren Feuerwehreinsatz später etwas verlangen, das heute noch undenkbar scheint.

Kommentar von Christiane Schlötzer

Denkmäler errichtet die Türkei gewöhnlich nur ihrem Staatsgründer Kemal Atatürk. Sie sind übers ganze Land verteilt. Jetzt gibt es auch ein Monument für Mahsum Korkmaz. Der Kurde war Kommandant der verbotenen PKK. Sein Bildnis steht in der Nähe von Diyarbakır, der größten kurdischen Stadt der Türkei; mit einer Hand stützt sich der Held auf eine Kalaschnikow.

Noch vor gar nicht langer Zeit wäre die türkische Armee mit Panzern angerückt, hätten die Kurden es gewagt, einen ihrer Kämpfer auf ein Podest zu heben. Nun passierte: erst mal nichts.

Die Kurden und die Türkei - das ist eine Geschichte voll Schmerz, Tod und Verleugnung. Am 15. August vor 30 Jahren waren erstmals PKK-Kämpfer über die irakische Grenze in die Türkei eingesickert, sie überfielen ein Offizierskasino und zwei Posten der Gendarmerie.

Sprachverbote sind abgeschafft

Korkmaz, der nun öffentlich Geehrte, war damals dabei. Die Attacke war der Beginn des blutigen Kriegs zwischen militanten Kurden und türkischer Armee. Seither gab es 40 000 Tote, Hunderttausende Verletzte und noch mehr Traumatisierte. Es brauchte wohl einen starken Mann in Ankara, um den kurdischen Knoten zu durchschlagen.

Recep Tayyip Erdoğan war dieser Mann. Er schaffte Sprachverbote ab, gab Kurden-Politikern die Hand und lässt seinen Geheimdienstchef auf der Gefängnisinsel Imrali mit dem PKK-Gründer Abdullah Öcalan über eine Entwaffnung der Guerilla verhandeln. Was Erdogan damit erreichen will? Frieden, Wählerstimmen, einen Wirtschaftsboom auch im Südosten des Landes. Was er und die meisten Türken aber nicht wollen: einen Kurdenstaat auf ihrem Territorium.

Das Korkmaz-Denkmal bei Diyarbakır zeigt, dass die Kurden alten Akzeptanz-Träumen näher sind denn je, auch wenn die nationalistische Opposition in Ankara schäumt, gegen die PKK und Erdoğan gleichermaßen. Und noch mehr als das martialische Monument war der erste kurdische Kandidat bei der jüngsten türkischen Präsidentenwahl ein Beleg für den Wandel. Mit 9,8 Prozent der Stimmen erreichte Selahattin Demirtaş fast die magische Zehn-Prozent-Hürde, die nach dem Militärputsch von 1980 eingeführt wurde, um alle Kurdenparteien aus dem Parlament fernzuhalten. Auch Erdoğan hat diese Mauer bislang nicht beseitigt, allen Versprechen zum Trotz.

Die Geschichte schlägt Volten

Nicht nur Kurden haben für den Kurden gestimmt, Demirtaş war auch für Türken wählbar. Das ist ebenfalls eine Premiere. Es läuft also gut für die Kurden - und dies nicht nur in der Türkei. In Syrien haben sich dortige Kurden mit PKK-Sympathien und entsprechender Unterstützung ein eigenes Territorium freigekämpft.

Nun trainieren sie dort Freiwillige aus der Volksgruppe der Jesiden, damit diese ihre irakische Heimat gegen die Dschihadisten des Islamischen Staats (IS) verteidigen können. Es waren auch die in 30 Jahren Guerilla-Krieg erprobten PKK-Verbände, die Tausende Jesiden jüngst vom Todesberg Sindschar retteten.

Unter der Bedrohung durch die IS-Kämpfer haben sich sonst tief zerstrittene irakisch-kurdische Peschmerga und PKK-Kommandanten gar vor Kameras versöhnt. Ob die Allianzen halten werden, weiß keiner, denn die politische Landschaft bleibt unübersichtlich.

Eigentlich sollen PKK-Kämpfer Verstecke verlassen

In Syrien haben Kurden auch schon gegen die Freie Syrische Armee gekämpft, die den Diktator Baschar al-Assad beseitigen will. Die Türkei will dies auch, deshalb hat sie eine Zeit lang radikalen Islamisten einen Rückzugsraum geboten. Nun haben Kurden und Türken einen gemeinsamen Feind: die IS-Terroristen. Die vernebeln auch manchem jungen Türken den Kopf und haben Istanbul mit Anschlägen gedroht.

Auch im Nordirak möchte die Türkei lieber keinen Kurdenstaat. Da ist sich die Regierung in Ankara mit dem deutschen Außenminister einig. Dennoch hilft die Türkei den nordirakischen Kurden nun dabei, Öl zu exportieren - gegen den Willen Bagdads. Nach dem Motto: Es ist besser, sich mit den Nachbarn gut zu stellen, als überall Feinde zu suchen. Bis zu dieser Erkenntnis hat es lange gedauert in der Türkei, und sie ist noch längst nicht an allen Grenzen umgesetzt.

Eigentlich sollten die PKK-Kämpfer von September an ihre Verstecke in den türkischen Bergen und im Irak verlassen. Ankara lockt mit Amnestien und Arbeitsplätzen. Ihre Waffen sollten die Kämpfer auch abgeben. Nur: Die einstigen kurdischen Störenfriede werden gerade als Rettungstruppe jenseits der türkischen Grenzen gebraucht. Womöglich werden sie für ihren Feuerwehreinsatz später etwas heute Undenkbares verlangen: Freiheit für Öcalan. Die Geschichte schlägt Volten, und wer nicht aufpasst, hat die nächste Wende schon verpasst.

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SZ vom 19.08.2014/anri
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