Süddeutsche Zeitung

Kuba im Umbruch:Castros kapitalistische Brise

Kuba will den Sozialismus mit mehr Marktwirtschaft retten. Symbolisch tritt Fidel Castro als Parteichef ab, auf ihn folgt sein pragmatischer Bruder. Raúl Castro hat es verdient, wie sein Kollege in Peking behandelt zu werden - auch von Barack Obama.

Peter Burghardt

Seit mehr als einem halben Jahrhundert staunt die Welt nun schon über diese Insel im Süden der USA. Auch nach dem Mauerfall blieb Kuba auf sozialistischem Kurs, obwohl es seinen Hauptsponsor Sowjetunion verlor und Pleite war.

90 Meilen vor Florida widerstand das Eiland der Großmacht, trotz des ewigen Embargos aus Washington. Die Wortführer in Havanna sind seit der Revolution von 1959 die Brüder Castro, Relikte aus der Ära von Adenauer, Chruschtschow und Kennedy. Angela Merkel war fünf Jahre alt, als die Castros Havanna eroberten.

Doch 50 Jahre nach der Ausrufung des Sozialismus und des Triumphs in der Schweinebucht gibt es eine Wende zu besichtigen. Denn Kuba braucht dringend eine neue Revolution.

Fidel Castro tritt nun auch als KP-Vorsitzender ab, die Kommunistische Partei tagte erstmals ohne ihn. Er hat keinen Posten mehr, ist nur noch der bewunderte bis gefürchtete Übervater. Der Comandante war schwer krank, hat sich erstaunlich erholt und ist dennoch zu schwach, sein Zustand steht symbolisch für den der Republik.

Das Kommando führt ab sofort auf allen Ebenen sein Bruder Raúl, mit fast 80 Jahren ebenfalls ein Veteran. Der General ist angesichts der festgefahrenen Machtverhältnisse der einzige Kader, der Reformen durchsetzen kann.

Castro II. leitet die kubanische Version von Perestroika und Glasnost. 25 Jahre nach Gorbatschow, der den Castros so suspekt war, soll der Kapitalismus Kubas Sozialismus retten.

Autoritärer Wohlfahrtsstaat à la DDR

Der autoritäre Wohlfahrtsstaat à la DDR funktioniert schon lange nicht mehr, dafür ist Kuba viel zu unproduktiv. Die sture Planwirtschaft hat versagt. Vor allem die Landwirtschaft wurde sträflich vernachlässigt, teure Lebensmittel müssen importiert werden. Unter den Engpässen leiden auch Kubas Erziehungs- und Gesundheitssystem, die für Entwicklungsländer einst vorbildlich waren.

Mangels Perspektiven verlassen viele junge und gut ausgebildete Kubaner ihre Heimat. Als Mäzen konnte Venezuela die UdSSR nur teilweise ersetzen. Mit privaten Initiativen will Raúl Castro jetzt das starre Kuba Fidels lockern. Staatsangestellte werden in Massen entlassen und dürfen sich als Kleinunternehmer versuchen. Autos und Häuser dürfen verkauft werden.

In Ansätzen erinnert das Experiment an China und Vietnam. Beim Thema Menschenrechte ist Kuba allerdings etwas fortschrittlicher, viele Regimekritiker wurden aus der Haft entlassen. Noch immer klammern sich greise Revolutionäre aus der Armee an die Macht, die wünschenswerte Demokratisierung scheint fern zu sein. Doch der Pragmatiker Raúl Castro hat zumindest verdient, wie sein Kollege in Peking behandelt zu werden, auch von Barack Obama.

Bislang war es einfach, Kuba zu kritisieren und mit China Geschäfte zu machen. Kuba braucht außer Kritik auch Investitionen. Das könnte einen Wandel erheblich beschleunigen. Und ein dramatisches Finale dieser Revolution verhindern.

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SZ vom 20.04.2011/odg
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