Süddeutsche Zeitung

Kuba:88? 89? 90? - Wie alt ist Castro wirklich?

Lesezeit: 3 min

Heute feiert Kuba den 90. Geburtstag des Comandante. Doch ein Brief des jungen Fidel Castro in brüchigem Englisch sät Zweifel an seinem offiziellen Alter.

Von Benedikt Peters

Am 25. November 1940 erreicht ein handgeschriebener Brief das Weiße Haus in Washington. "Mein guter Freund Roosvelt", beginnt der Verfasser in noch nicht ganz sicherer Rechtschreibung, "ich kann nicht sehr Englisch, aber ich kann genug, um Ihnen zu schreiben."

Der Absender ist ein kubanischer Junge. Er erzählt, dass er gern Radio höre und sich über die Nachricht gefreut habe, dass sein Adressat Franklin D. Roosevelt als US-Präsident wiedergewählt worden sei. Am Ende des Briefs äußert er noch eine persönliche Bitte: "Wenn Sie mögen, schicken Sie mir eine grüne amerikanische Zehn-Dollar-Note, denn ich habe noch nie eine grüne amerikanische Zehn-Dollar-Note gesehen und würde gerne eine davon haben wollen."

Der Junge, der sich damals so vertrauensvoll an den US-Präsidenten wandte, ist Fidel Castro, der kubanische Revolutionsführer, der an diesem 13. August offiziell seinen 90. Geburtstag feiert. Seit Wochen fiebern Medien auf der sozialistischen Insel dem großen Tag entgegen. Die Staatszeitung Granma zum Beispiel verweist auf die zahlreichen Veranstaltungen, die zu Castros Ehren stattfinden - Theaterstücke, Fotoausstellungen oder auch der Wettbewerb "Kinder malen Fidel".

Wenn Castro die Wahrheit schreibt, wird er erst 88

Über den Brief aber berichten sie nicht, und das dürfte nicht nur an der kompromittierenden Sehnsucht des jungen Castro nach amerikanischen Dollars liegen. Der Brief enthält auch ein pikantes Detail, das Zweifel daran sät, dass Castro am Samstag tatsächlich einen runden Geburtstag feiert.

In großer, ordentlicher Handschrift behauptet der junge Castro in dem Brief, zwölf Jahre alt zu sein. Im November 1940 geht das Schreiben im US State Department ein, wie ein Stempel am oberen rechten Rand besagt. Das Problem: Wenn Castro damals tatsächlich zwölf Jahre alt war, dann wird er am Samstag nicht 90, sondern 88 Jahre alt.

Das US-Nationalarchiv in Washington und mehrere Biografen Castros, darunter auch der Deutsche Volker Skierka, halten das Dokument für echt. Gleichwohl könnte Castro geflunkert haben - einem Kind von zwölf schenkt der US-Präsident vielleicht eher eine Zehn-Dollar-Note als einem 14-Jährigen.

Castro selbst hat zu dem Brief nie Stellung genommen. Etwas anders liegt der Fall bei der Vermutung, dass der Revolutionsführer nicht zwei, sondern ein Jahr jünger sein könnte. Auch darüber gibt es seit Jahrzehnten Spekulationen, und seit der Veröffentlichung eines Buchs der brasilianischen Historikerin Claudia Furiati von 2002 spricht vieles dafür, dass sie stimmen.

Castros Vater soll seinen Sohn ein Jahr jünger gemacht haben

Furiati schreibt, Castros Vater Angel habe im Jahre 1941 einen Gerichtsbeamten mit 100 Pesos bestochen, damit dieser seinen Sohn offiziell ein Jahr älter mache. Das sei erforderlich gewesen, damit Castro sich am Jesuitenkolleg Belén in Havanna habe bewerben können, das damals als beste Schule des Landes galt. Im Oktober 1941 besteht Castro die Aufnahmeprüfung und zieht in die kubanische Hauptstadt.

Die Historikerin Furiati war die erste, die für ihr Buch umfassenden Zugang zu Castros Privatarchiv erhielt. Sie sprach mehrmals mit dem Revolutionsführer und schrieb das Buch nach eigenen Angaben in Abstimmung mit ihm.

Im brasilianischen Original trägt es den Titel "Uma biografia consentida" - übersetzt so viel wie "Eine genehmigte Biografie". Castro hat die Darstellung, derzufolge er heute erst 89 ist, also zumindest gebilligt.

Das Geburtsjahr 1926 passt einfach besser

Offiziell zugestimmt hat er ihr allerdings auch nie - und zwar aus gutem Grund. Castros offizielles Geburtsjahr 1926 enthält eine symbolträchtige Zahl, die auf Kuba jeder kennt. Am 26. Juli 1953 überfiel der junge Castro mit einigen Getreuen die Moncada-Kaserne, es war der Beginn einer langen Rebellion, die schließlich in der kubanischen Revolution und der Vertreibung des Diktators Fulgencio Batista Anfang 1959 mündete.

Seine Rebellengruppe taufte Castro "Bewegung 26. Juli" - und bis heute feiern die Kubaner an diesem Datum ihren Nationalfeiertag. Das vermeintliche Geburtsjahr 1926 passt da einfach besser.

Die Bitte des jungen Castro, US-Präsident Roosevelt möge ihm eine Zehn-Dollar-Note schicken, blieb übrigens unerfüllt. Er erhielt zwar ein Antwortschreiben des State Departments, das sich höflich für die Zuschrift bedankte. Ein grüner Geldschein aber war nicht dabei.

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