Süddeutsche Zeitung

Krim-Krise:Brüder zu Gegnern

Selbst Veteranen der Sowjetarmee wollen noch einmal "dem Vaterland dienen". In der Ukraine wächst die Angst vor einem Krieg - aber auch die Bereitschaft, das Land zu verteidigen.

Von Cathrin Kahlweit, Kiew

Das Museum für den Großen Vaterländischen Krieg liegt an einer der schönsten Stellen Kiews mit Blick auf den Dnjepr; links glänzen die goldenen Kuppeln des Höhlenklosters in der Sonne. Patriotische Soldatenlieder hallen durch die Freiluftausstellung, während ein paar alte Männer gedankenverloren zwischen Panzern spazieren gehen.

Das Museum ist ein Ort der Trauer: Es erzählt die Geschichte der acht Millionen Ukrainer, die im Zweiten Weltkrieg starben, und wer hier nach dem Stolz der Sieger über die deutschen Faschisten sucht, der sucht vergeblich. Die Ausstellung zeigt Verbranntes, Zerstörtes, Verlorenes, Zerschossenes, sie zeigt Vergänglichkeit, keinen Triumph. Im letzten Saal, dem Saal der Lebenden und der Toten, steht ein meterlanger Tisch, gedeckt wie für ein Trauermahl, bedeckt mit Todesmitteilungen, nichts als Todesmitteilungen.

Das Kriegsmuseum ist ein Relikt aus vergangenen Zeiten, Schulklassen und Veteranen kommen hierher, und die Aufseherinnen wirken, als seien sie einem realsozialistischen Propagandafilm entsprungen: sehr streng, sehr blondiert. Der Niederländer Geert Mak, der für seine epochale, fast tausendseitige Reisereportage "In Europa" just an einem Feiertag für die Veteranen des Zweiten Weltkriegs hier stand, schrieb: "Die meisten dieser Menschen begreifen nicht, in welcher Gesellschaft sie gelandet sind. Sie wirken wie jemand, der ein paar Haltestellen zu spät ausgestiegen ist, sich entsetzt umschaut und feststellt, dass er nicht sein will, wo er ist."

Nun, wie groß muss ihr Entsetzen jetzt erst sein, da die neuen Zeiten auch die letzten Gewissheiten außer Kraft setzen?

Die ukrainische Armee macht mobil gegen die einstige Rote Armee, Elite- und Militäreinheiten wurden in Alarmbereitschaft versetzt. Die Völkerfreundschaft ist vorbei, Moskaus Soldaten stehen an der Ostgrenze und auf der Krim. In der Ukraine werden Reservisten und Veteranen rekrutiert, die einst an der Seite der Russen kämpften, in Afghanistan etwa.

Durchhalteparolen und patriotische Bekenntnisse

Die Angst geht um im Land vor einer Invasion russischer Truppen, und die neue Regierung in Kiew, die um ihr politisches Überleben kämpft, hat sich in Kriegsrhetorik gerettet, weil ihr sonst nicht viel bleibt. Übergangspräsident Alexander Turtschinow sagte nach dem Krim-Referendum, man werde niemals mit dem Anschluss eines Landesteils an Russland einverstanden sein. Und die ukrainischen Truppen sollten auf der Krim bleiben, denn diese bleibe ukrainisches Land. Durchhalteparolen, patriotische Bekenntnisse.

Alle ukrainischen TV-Sender zeigen ein Dauer-Signet: "Einige Ukraine". Und auf dem Maidan werden Schals und Abzeichen in den Nationalfarben verkauft, die Botschaft: Wir stehen zusammen gegen den neuen Feind.

Am Montag hat das Parlament mehr als 600 Millionen Dollar bewilligt, um die Armee besser auszurüsten, 40 000 Reservisten sollen einberufen werden, die vergangene Woche gegründete Nationalgarde soll eilig aufgebaut werden. Verteidigungsminister Igor Tenjuch ist nicht so kühn zu glauben, dass seine Armee im jetzigen Zustand etwas gegen die Russen ausrichten könnte. Maximal 130 000 ukrainische Soldaten gegenüber 800 000 russischen, 1,5 Milliarden Euro Militärbudget gegenüber 60 Milliarden, 4000 Panzer gegen 15 000. Aber Tenjuch kennt auch den Schuldigen: Ex-Präsident Viktor Janukowitsch habe die Streitkräfte systematisch ausgehungert, sagt er auf einer Pressekonferenz in Kiew, und er sei dankbar dafür, dass die neue Regierung nun so schnell zusätzliche Mittel zur Verfügung stelle.

Zuvor hatte Premierminister Arsenij Jazenjuk in dramatischen Worten bezeugt, dass man kampfbereit sei: Die Ukraine werde bei einer weiteren Eskalation durch Russland militärisch reagieren. "Wir sprechen über Krieg", hatte Jazenjuk auf dem EU-Gipfel in Brüssel gesagt. "Wir werden unser Land schützen."

Zwar betont Russlands Präsident Wladimir Putin, man habe nicht vor, im Osten der Ukraine einzumarschieren - es sei denn, russisches Leben sei in Gefahr. Aber in Kiew ist man nach der Erfahrung auf der Krim mehr als skeptisch: Putin schicke Provokateure in den Osten, um die Menge aufzuwiegeln, daher sei mit dem Schlimmsten zu rechnen. Die jungen und alten Männer, die sich bei der Nationalgarde beworben haben, sind schon einen Schritt weiter.

"Wir werden unsere Familien beschützen, aber nicht dieses Land"

Es herrsche doch schon längst Krieg, ein unerklärter Krieg von russischer Seite, sagt Rodeon, der in den vergangenen Monaten bei den Selbstverteidigungstruppen des Maidan mitgemacht hat. Gemeinsam mit zwei Freunden hat er sich auf den Bewerberlisten eingeschrieben, nun warten sie ab und patrouillieren solange auf Kiews Straßen. Die Garde nimmt nicht jeden. Alle drei sind ehemalige Soldaten, "wir müssen nicht ausgebildet, sondern höchstens aufgewärmt werden", sagt Rodeon. Ein alter Herr mischt sich in das Gespräch; er sei zwar schon 80, habe aber Erfahrung mit Flugzeugen und könne allemal helfen, beim Reparieren oder Auftanken. "Ich will noch einmal dem Vaterland dienen", sagt er, und schiebt ein Streichholz von einer Seite des zahnlosen Mundes zur anderen.

Yarema Dukh, Sprecher der Maidan-Selbstverteidigung und irgendwie auch der Nationalgarde, besteht darauf, dass hier eine Profitruppe, eine Eliteeinheit gebildet werde. 5000 hätten sich schon beworben, die ersten 500 würden gerade auf einer Militärbasis nahe Kiew ausgebildet. Sie werden Verträge und Gehälter bekommen, und sie sollen beim Peacekeeping, bei friedenserhaltenden Einsätzen, bei der Grenzsicherung, am Zoll mithelfen.

Noch stecke das Projekt in den Kinderschuhen, sagt Dukh, aber das liege an der Krise und dem Zeitdruck. Trotzdem würden alle Bewerber überprüft: "Wir nehmen keine Rechtsradikalen." Die Mitglieder der aufgelösten Sondereinheit Berkut, die mitmachen wollten, müssten nachweisen, dass sie nicht an den Ausschreitungen auf dem Maidan beteiligt waren. Erste Bilder der neuen Einheit im Training, draußen vor der Stadt in Novij Petriwzy, zeigen Männer in Camouflage-Uniformen, manche tragen Helme, andere Kopftücher, wieder andere Mützen gegen die Kälte. Einer berichtet, seine Familie sei dagegen, dass er ins Feld ziehe. Er sieht so jung aus, als sei er heimlich davongelaufen von daheim.

Aber es gibt auch viele Ukrainer, die nicht an die gemeinsame Sache glauben und sparsam sind mit ihren Loyalitäten. Andrej sagt, er sei ein "echter Soldat" , seine ganze Familie hat beim Militär gearbeitet, der Papa, mittlerweile verstorben, war Russe und Offizier, die Mama ist Ukrainerin und arbeitet auf einem Stützpunkt. Andrej verkauft mittlerweile Kinderspielzeug; mit den schlecht ausgerüsteten ukrainischen Streitkräften will er nichts mehr zu tun haben. Er ist für Frieden, doch auch für Ruhe und Ordnung. Für beides sollen andere sorgen, er mag nicht in den Kampf ziehen für eine Regierung, die "nichts auf die Reihe kriege und die im Land nicht wirklich ernst genommen wird". Er wünscht sich eine starke Hand, einen wie Putin, aber gleichzeitig Freiheit, wie im Westen. Was er dafür tut? "Meine Freunde und ich haben uns Waffen gekauft. Für den Eigenbedarf. Wir werden unsere Familien beschützen, aber nicht dieses Land."

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SZ vom 19.03.2014/fran
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