Süddeutsche Zeitung

Präsidentschaftswahl in Kolumbien:Unzufrieden mit dem Frieden

  • Die Kolumbianer entscheiden an diesem Sonntag in einer Stichwahl über ihren nächsten Präsidenten. Vieles deutet darauf hin, dass der rechte Populist Duques den Sieg davonträgt.
  • Der scheidende Präsident Santos hinterlässt eine gespaltene Gesellschaft. Er hat den Konflikt mit der Farc-Guerilla beendet. Doch während ihn die einen dafür loben, denken die anderen, dass er dafür einen zu hohen Preis gezahlt habe.
  • Santos' Friedensprojekt ist auch deshalb so umstritten, weil sich an den Ursachen des Konflikts mit der Farc wenig geändert hat.

Von Boris Herrmann, Rio de Janeiro

Was hinterlässt der Friedensnobelpreisträger Juan Manuel Santos, wenn er demnächst als Präsident Kolumbiens abtritt? Kommt darauf an, wen man fragt. Er selbst würde sagen: "Ein Land ohne bewaffneten Konflikt mit der Farc." Der Friedensprozess mit der einstmals größten Guerilla-Gruppe Lateinamerikas sei "unumkehrbar". Das sehen aber längst nicht alle Kolumbianer so. Andrés Pastrana etwa, Staatschef von 1998 bis 2002, bezichtigt Santos, "ein Erbe von Koka und Gewalt" zu hinterlassen.

Was in jedem Fall von Santos, 66, bleibt, ist eine gespaltene Gesellschaft. Für die einen ist er der Mann, der einen 50 Jahre alten Bürgerkrieg mit über 200 000 Todesopfern beendete und der damit einen prominenten Platz in den Geschichtsbüchern verdient. Für die anderen ist er ein eitler Narr, der den Kriegern von der Farc so viele Zugeständnisse machte, dass der Vertrag am Ende das Papier nicht wert ist, auf dem er unterzeichnet wurde.

Die einen sagen, Santos habe das Land versöhnt. Die anderen schimpfen, er habe die Gerechtigkeit geopfert. Die einen bezeichnen es als historische Errungenschaft, dass die Farc künftig nur noch mit Worten kämpfen will. Die anderen sagen, diese "Narco-Terroristen" (Pastrana) gehören nicht in die Politik, sondern ins Gefängnis.

Wer es gut mit Santos meint, der erinnert dieser Tage an Simón Bolívar, den allseits verehrten Befreier Südamerikas von den spanischen Kolonialherren. Auch Bolívar war zu Lebzeiten höchst umstritten. Als Präsident von Großkolumbien richtete er sich im Jahr 1830 mit einem letzten Appell an sein Volk: "Wenn mein Tod dazu beiträgt, die Spaltung zu überwinden und die Union zu konsolidieren, dann steige ich ruhigen Gewissens ins Grab hinab."

Bei Santos geht es nicht um Leben und Tod, aber immerhin um die Einordnung seines Lebenswerks. Gewisse Parallelen zum bolivarischen Abschiedsgruß schimmern schon durch, wenn er nun sagt: "Die Veränderung Kolumbiens ist eine Errungenschaft aller Kolumbianer. Vergesst mich! Vergesst - falls einige sich damit besser fühlen -, dass dies unter meiner Regentschaft geschah."

Übrig geblieben sind die Populisten

Vor der Stichwahl um seine Nachfolge fällt es aber schwer, das alles einfach so zu vergessen. Denn das Szenario für die Abstimmung an diesem Sonntag scheint eine unmittelbare Folgeerscheinung aus acht Jahren Santos-Politik zu sein. Ausgeschieden im ersten Wahlgang sind alle Kandidaten, die mehr oder weniger für eine Kontinuität der scheidenden Regierung standen: Humberto De la Calle etwa, Santos' Mann in Havanna als Chef-Unterhändler des Friedensvertrages oder Germán Vargas Lleras, der ehemalige Vizepräsident.

Übrig geblieben sind die beiden Populisten. Zur Rechten Iván Duque, 41, der von den Santos-Vorgängern und Santos-Gegnern Pastrana und Álvaro Uribe unterstützt wird. Und zur Linken Gustavo Petro, 58, ehemaliges Mitglied der Guerilla M-19, der einen Wahlkampf gegen jenes Establishment führte, zu dem auch Juan Manuel Santos gehört - er stammt aus einer Politiker- und Verlegerdynastie. Die beiden Kandidaten repräsentieren den Riss in der Gesellschaft, wobei das Lager der Friedensgegner offenbar mehrheitsfähig ist.

Vieles deutet auf einen Sieg Duques hin. In letzten Umfragen lag er 14 Prozentpunkte vor seinem Konkurrenten Petro. Dabei ist der junge Rechtsanwalt Duque politisch bislang kaum in Erscheinung getreten. Einen Großteil seiner Karriere verbrachte er in Washington, unter anderem im Management der Interamerikanischen Entwicklungsbank.

In der konservativen Partei Centro Democrático hat er keine Hausmacht, dafür aber einen sehr prominenten Ziehvater, den Ex-Präsidenten Uribe. Auf dessen Betreiben hin haben sich die Kolumbianer im Oktober 2016 in einem Referendum gegen das Friedensabkommen mit der Farc ausgesprochen. Viele halten Duque für eine Marionette Uribes.

Dessen Amtszeit (2002 bis 2010) war eine der blutigsten Phasen des Bürgerkrieges, in der vor allem die Uribe nahestehenden Paramilitärs Massaker anrichteten. Santos führte damals als Verteidigungsminister den Kampf gegen die marxistische Farc-Guerilla an. Als er sich nach seinem Einzug in den Präsidentschaftspalast überraschend vom Falken zur Taube wandelte, kam es zum Bruch mit Uribe. Heute sind die beiden Erzfeinde. Es wäre deshalb zweifellos auch eine schwere Niederlage für Santos, wenn nun Uribes Lieblingsschüler Duque die Wahl gewänne.

An den Ursachen des Konflikts hat sich wenig geändert

Obwohl er gar nicht mehr antreten darf, tritt Santos dieser Tage wie ein Wahlkämpfer auf. Diesmal kämpft er um seinen Ruf, der im Ausland exzellent und im Inland mies ist. Selbst die Zeitung El Tiempo, seit Jahrzehnten im Besitz des Santos-Clans, hat in ihrem Editorial zur Wahl Duques aufgerufen. Santos wird als der unbeliebteste Präsident in der Geschichte Kolumbiens aus dem Amt scheiden.

Sein Friedensprojekt ist auch deshalb so umstritten, weil sich an den Ursachen des Konflikts wenig geändert hat. In Kolumbien sind Land und Reichtum immer noch so ungerecht verteilt wie in einer Feudalgesellschaft. In vielen ländlichen Gegenden ist der Staat praktisch nicht existent, dort haben jetzt andere Guerilla-Gruppen und Verbrecherbanden die Geschäfte der Farc übernommen.

Gerade aber weil es so viele Widerstände gegen diesen Frieden gibt, ist und bleibt Santos ein würdiger Nobelpreisträger. Er hat für die Aussöhnung Kolumbiens seine politische Existenz aufs Spiel gesetzt. "Mit den Jahrhunderten wird ihr Ruhm wachsen, so wie der Schatten mit der sinkenden Sonne wächst", mit diesen Worten wurde Simon Bolívar von einem Zeitgenossen getröstet. Auch Juan Manuel Santos hat guten Grund zur Annahme, dass ihm die Geschichte irgendwann Recht geben wird.

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Quelle:
SZ vom 16.06.2018/gal
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