Süddeutsche Zeitung

US-Wahl 2020:Biden greift Trump aus dem Rostgürtel an

  • Der Demokrat Joe Biden eröffnet seinen Wahlkampf vor Gewerkschaftern in Pittsburgh, Pennsylvania.
  • Trump hatte den US-Bundesstaat 2016 überraschend gewonnen. Jetzt wird dort klar: Viele Demokraten trauen vor allem Biden zu, Trump 2020 zu schlagen.
  • "Wenn ich Trump schlagen will, dann muss es hier geschehen", sagt Biden.

Von Alan Cassidy, Pittsburgh

Ein Satz, ein Ort, eine Botschaft: "Wenn ich Trump schlagen will, dann muss es hier geschehen", ruft Joe Biden von der Bühne des Gewerkschaftslokals. Hier, das ist Pittsburgh im Westen Pennsylvanias, das Herz des Rostgürtels, der Donald Trump vor drei Jahren den Sieg in der Präsidentschaftswahl ermöglichte. Von hier aus startet Biden seine Wahlkampagne, die ihn ins Weiße Haus führen soll, vorbei an all den anderen Demokraten, die sich um die Nominierung der Partei bewerben. Viele dieser Konkurrenten mögen jünger, frischer, unverbrauchter sein als der 76-jährige frühere Vizepräsident - doch sein erster Auftritt zeigt, warum er zum jetzigen Zeitpunkt gut positioniert ist, um für die Partei gegen Trump anzutreten.

Da sind, natürlich, die Gewerkschafter, die an diesem Montag gekommen sind, um Biden zu sehen: Feuerwehrleute, Lehrerinnen, Stahlarbeiter - Leute wie John Larocco aus Pittsburgh, der in Jeans und grauem Hemd ansteht, um in das Lokal gelassen zu werden. Er war mehr als 40 Jahre lang Lastwagenfahrer, nun ist er in Rente. Larocco wählt meist die Demokraten, aber Hillary Clinton unterstützte er 2016 nicht: "Ich blieb am Wahltag zu Hause." Für Biden werde er dagegen an die Urne gehen. "Er ist ein starker, erfahrener Kandidat", sagt er. "Er weiß, was die arbeitenden Menschen in diesem Land bewegt und was sie brauchen. Und er ist ein anständiger Mensch von Charakter."

Da sind aber auch die anderen Unterstützer, die keiner Gewerkschaft angehören - Leute wie Sally Stein, die sich vor dem Eingang für 20 Dollar ein Biden-T-Shirt gekauft hat, das sie sich jetzt über die weiße Bluse zieht. Stein lebt im Pittsburgher Stadtviertel Squirrel Hill, in dem ein Rechtsextremer vor einem halben Jahr eine Synagoge stürmte und elf Menschen erschoss. Sie sei selbst jüdisch, und sie sei froh über die deutlichen Worte, mit denen Biden über rechtsextreme Gewalt in den USA sprach, als er vergangene Woche in einem Video seine Präsidentschaftskandidatur ankündigte. "In Zeiten wie diesen brauchen wir jemanden wie Biden, der diese Dinge klar verurteilt. Der Hass, den wir erleben, ist wirklich schlimm."

Auf der Bühne, vor einem mehrheitlich älteren, weißen Publikum, spricht Biden denn auch über beides: über den "Kampf um die Seele Amerikas", den er führen wolle. "Wir brauchen Einheit statt Spaltung, Wahrheit statt Lüge", sagt er unter großem Applaus. Und er spricht über die Arbeiterschicht, die er stärken wolle. Ja, die Wirtschaftsdaten seien gut, aber für die Menschen in Pennsylvania habe sich die Lage nicht verbessert. "Der Aktienmarkt boomt, aber ihr merkt davon nichts! Es gab eine Steuersenkung von zwei Milliarden im vergangenen Jahr, aber ihr merkt davon nichts! Habt ihr davon profitiert? Natürlich nicht", sagt Biden.

"Ich bin immer noch pleite", ruft ein Mann im Saal dazwischen. Um den Mittelstand zu erneuern, brauche es ein Umdenken darüber, was eine erfolgreiche Wirtschaft ausmache, sagt Biden. Um einen nationalen Mindestlohn von 15 Dollar pro Stunde komme man nicht mehr herum.

Es ist keine neue Forderung, die er da aufstellt. Aber Biden ist ja auch seit fünf Jahrzehnten in der Politik, er hat schon zweimal für die Präsidentschaft kandidiert, er war acht Jahre lang Vizepräsident unter Barack Obama. Wenn es etwas gibt, für das Biden definitiv nicht steht, dann ist es das Neue. Manche bei den Demokraten wollen das aber auch gar nicht. "Wir können 2020 keinen Kandidaten brauchen, der zu links ist, der hochfliegende Ideen hat", sagte Harold Schaitberger, der Chef der größten Gewerkschaft der Feuerwehrleute, bevor der Kandidat die Bühne betrat. "Wir brauchen jemanden, der siegen kann."

Gewerkschaften sind wichtig. Aber wichtig genug, um Biden ins Weiße Haus zu bringen?

Auch wenn ihr Einfluss in den vergangenen Jahren geschrumpft ist: Die Gewerkschaften spielen in der Demokratischen Partei immer noch eine wichtige Rolle. Dass sich die Feuerwehrleute schon früh hinter Biden gestellt haben, kommt ihm sehr gelegen.

Siegen soll Biden also - gerade im Rostgürtel. Wollen die Demokraten das Weiße Haus zurückerobern, müssen sie eine Mehrheit in mindestens einigen Industriegegenden holen, die Trump 2016 zum Sieg verhalfen: Ohio, Michigan, Wisconsin und Pennsylvania. In diesen Bundesstaaten leben besonders viele jener Wähler, die ein Leben lang für demokratische Kandidaten gestimmt hatten, auch für Barack Obama - und sich dann 2016 dem Republikaner Trump zuwandten.

In Pennsylvania waren es dabei lediglich 44 000 Stimmen, die den Ausschlag gaben. Die Demokraten glauben, dass ihre Chancen hier gut stehen, auch, weil sie hier in den Zwischenwahlen 2018 gut abschnitten. Im Fall Bidens kommt hinzu, dass er in dem Bundesstaat geboren und aufgewachsen ist, in der Arbeiterstadt Scranton.

Doch bevor der 76-Jährige gegen Trump antreten kann, muss er zuerst ein Heer an demokratischen Mitbewerbern besiegen. Mit der Unterstützung von Gewerkschaftern alleine wird das nicht gelingen, schon gar nicht in einer Partei, die immer jünger und weiblicher wird. Vielleicht ist Bidens Basis allerdings auch breiter, als es in der medialen Berichterstattung manchmal den Anschein macht.

In der Schlange vor dem Gewerkschaftslokal stehen auch vier Studentinnen einer örtlichen Universität. Biden sei nicht ihr absoluter Lieblingskandidat, sagt Stephanie Rigot. Sie mag die Senatorin Elizabeth Warren, die sich unter anderem dafür ausgesprochen hat, Studenten ihre oft horrenden Schulden zu erlassen. "Für Biden spricht aber, dass er gegen Trump wohl die besseren Chancen hätte."

Ob die Parteibasis dann tatsächlich so strategisch wählt, ist offen - vor allem, wenn sich Biden im Verlauf des Wahlkampfs als schlechter Kandidat erweisen sollte. Bereits jetzt ist seine Liste mit Vorgeschichten lang. Erst vor Kurzem war der frühere Vizepräsident tagelang in den Schlagzeilen, weil er über die Jahre immer wieder Frauen zu nahe kam, mit Küssen und Umarmungen etwa, die diese als unangebracht empfanden.

Doch unter den weiblichen Besucherinnen in Pittsburgh gibt es einige, die Biden in dieser Sache unaufgefordert verteidigen. "Schauen Sie, ich traf Joe vor zehn Jahren", sagt Mary Turak (59) und zeigt auf ihrem Handy ein Bild, auf dem sie neben Biden steht. "Er küsste auch mich schon auf den Kopf. Und es war mir eine Ehre."

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