Süddeutsche Zeitung

Indien:Stolz und Vorurteil

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Derzeit wird fast täglich von Morden und Anfeindungen zwischen Hindus und Muslimen berichtet. Warum kochen die Konflikte auf dem Subkontinent gerade wieder hoch?

Von David Pfeifer, Bangkok

Kali ist eine der weniger zarten Gottheiten des indischen Polytheismus. Sie gilt den Hindus als Göttin der Zerstörung, und als solche ziert sie auch die Werbung für die "gefilmte Performance" der indischen Nachwuchs-Regisseurin Leena Manimekalai, allerdings mit einer Zigarette im Mund. Am Dienstag erstattete die Polizei des größten indischen Bundesstaates Uttar Pradesh deswegen Anzeige gegen diese Werbung - wegen "respektloser Darstellung" der Hindu-Göttin.

Leena Manimekalai ist derzeit noch Filmstudentin in Toronto. Sie gehört zu einer Gruppe von 18 Kreativen, die im Rahmen eines Programms der Toronto Metropolitan University ausgewählt wurden, um Werke zum Thema Multikulturalismus zu drehen. Sogar vom indischen Hochkommissariat in Kanada kam die Warnung, dass man sich sorge, der Film könne "religiöse Gefühle verletzen".

Die Darstellung religiöser Figuren und Themen im Kino und auf Streaming-Plattformen ist in Indien ein heikles Thema geworden. Der erfolgreichste Film dieses Jahres war bisher "The Kashmir Files", eine Gewaltorgie, die die Ermordung von Pandits durch Muslime in Kaschmir in den 1990er-Jahren ausgesprochen einseitig und blutrünstig in Szene gesetzt hat. Die Stimmung ist jedoch nicht nur im Kino aufgeheizt, sondern auch in den sozialen Medien, wo ein kleiner Film wie der von Leena Manimekalai überhaupt nur ein so großes Thema werden konnte. Immer häufiger schwappt der Hass aus der virtuellen Welt dann hinüber in die reale.

Erst vergangene Woche nahm die Polizei im Bundesstaat Rajasthan zwei muslimische Männer fest, die beschuldigt wurden, einen Hindu-Schneider getötet zu haben - in einem Video erklärten sie, die Tat sei Vergeltung für seine Unterstützung der Äußerungen der Politikerin Nupur Sharma, die vor einem Monat einen internationalen Eklat ausgelöst hatte. Sharma, Sprecherin der indischen Regierungspartei "Bharatiya Janata Party" (BJP), hatte sich in einer Fernsehdebatte abfällig über den Propheten Mohammed geäußert. Daraufhin war es in muslimischen Gemeinden Indiens zu Ausschreitungen gekommen, und es gab einen internationalen Eklat.

Der Regierung wird vorgeworfen, eine hindunationalistische Stimmung anzuheizen

Indische Produkte wurden in Ländern am Persischen Golf aus den Regalen genommen, nachdem ein hochrangiger muslimischer Geistlicher zum Boykott aufgerufen hatte. Auf dem arabischsprachigen Twitter verbreiteten sich wütende Hashtags gegen Premierminister Narendra Modi. Katar, Kuwait und Iran bestellten ihre indischen Botschafter ein. Die Regierungen von Saudi-Arabien, Indonesien und Afghanistan sowie die Organisation für Islamische Zusammenarbeit verurteilten Nupur Sharma.

Dabei hat sie nur auf einer breiteren Plattform wiedergegeben, was viele Hindu-Geistliche und BJP-Politiker denken und sagen. "Überall wo Muslime sind, gibt es Ärger. Pakistan, Afghanistan, Irak, man muss sich doch nur umsehen", sagte der Hindu-Geistliche Kamal Nayan Das vor einem Jahr bereits der SZ. "Es gibt doch auch Sikhs und Christen in Indien, von denen beklagt sich niemand." Damals ging es um den Bau eines Tempels für den Hindu-Gott Rama in Uttar Pradesh, auf der Stelle, an der früher eine Moschee gestanden hat.

Es war daher ungewöhnlich, dass die BJP ihre Sprecherin Nupur Sharma zurückpfiff und einen weiteren Sprecher, Naveen Jindal, aus der Partei ausschloss, der Sharmas Ansichten aufgegriffen und auf Twitter behauptet hatte, der Prophet Mohammed habe seine Frauen geheiratet, als sie minderjährig waren. Die Parteiführung sagte danach offiziell, dass man Beleidigungen gegen Religionen oder religiöse Persönlichkeiten "scharf verurteile".

Es kann gut sein, dass diese scharfen Reaktionen daher rühren, dass Narendra Modi derzeit eine wichtigere Rolle in der internationalen Politik anstrebt. Und da könnte es ein Nachteil sein, wenn man sich mit muslimischen Ländern erst mal über den Umgang mit der Minderheit im eigenen Land auseinandersetzen muss - denn nach Indonesien und vor Pakistan ist Indien aufgrund seiner schieren Größe immer noch die Heimat der zweitgrößten muslimischen Gemeinschaft der Welt, obwohl sie nur etwa 15 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht.

Seit Jahren wird der BJP-Regierung vorgeworfen, Stimmenfang mit dem gezielten Anheizen einer hindunationalistischen Stimmung zu betreiben und religiöse Gewalt gegen Muslime weitgehend zu ignorieren. In Delhi wurden vor drei Wochen einige Häuser muslimischer Familien niedergerissen, nachdem es zu Zusammenstößen von Muslimen und Hindus beim Fest zu Ehren des Affengottes Hanuman gekommen war. Das oberste Gericht verurteilte die Strafaktionen im Nachhinein, da war die Zerstörung allerdings schon angerichtet.

"Indien ist von Massenmorden bedroht" titelte vergangenen Freitag die "Hindustan Times"

Sogar führende Vertreter der "Rashtriya Swayamsevak Sangh" (RSS), der eng mit der BJP verbundenen hindunationalistischen Organisation, sprachen von der Notwendigkeit, die Konflikte nicht weiter anzuheizen. Mehrere hochrangige Funktionäre der RSS haben ihre Mitglieder und Partner aufgefordert, gegen Hassreden - einschließlich Aufrufen zur Tötung von Muslimen - vorzugehen und Ausgrabungen an Moscheen zu stoppen, die meistens die Vorstufe zu späteren Abrissen sind.

"Indien ist von Massenmorden bedroht" titelte vergangenen Freitag die Hindustan Times und zitierte damit die Warnung des US-Botschafters für internationale Religionsfreiheit, Rashad Hussain. Dieser zitierte "offene Aufrufe zum Völkermord" und führte weiter aus: "Wir beobachten Angriffe auf Moscheen, Zerstörungen von Häusern, das Verbot des Hijab. Eine Rhetorik, die so sehr entmenschlicht, dass ein Minister Muslime als Termiten bezeichnete".

Die Rechte aller Menschen müssten gesichert werden, sagte Hussain über Indiens Gesellschaft. "Die größte Demokratie der Welt ist ein Land, in dem wir, genau wie in den USA, darauf drängen und sicherstellen wollen, dass wir unseren Werten gerecht werden, damit wir unser Potenzial ausschöpfen können. Das kann nur geschehen, wenn wir die volle und gleichberechtigte Beteiligung aller Menschen haben."

Rashad Hussain war von US-Außenminister Antony Blinken beauftragt worden, einen Bericht über die Religionsfreiheit vorzubereiten, und zeigte sich besorgt über "zunehmende Angriffe auf Menschen und Kultstätten in Indien". Hussain verwies dabei auch auf seine eigenen indischen Wurzeln: "Mein Vater kam 1969 aus Indien in die USA. Dieses Land hat ihm alles gegeben, aber er liebt Indien und verfolgt, was dort jeden Tag passiert. Meine Eltern und wir unterhalten uns darüber, so wie viele von Ihnen, die sich an uns wenden und sich ansehen, was in Indien geschieht, und die das Land lieben und sehen wollen, dass es seinen Werten gerecht wird." Hussain verteidigte auch den Anspruch der USA, sich für die Religionsfreiheit in anderen Ländern einzusetzen. Dabei ahnte er wahrscheinlich schon, dass er sich damit in Indien keine Freunde machen würde. Die indische Regierung hat seinen Bericht umgehend zurückgewiesen und die Kommentare Hussains als "schlecht informiert" bezeichnet.

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