Süddeutsche Zeitung

Hungersnot am Horn von Afrika:Somalia - die Not eines zerrissenen Landes

Unterdrückung, Armut und Krieg: Seit Jahrzehnten sieht die Weltgemeinschaft hilflos dabei zu. Nun soll eine Luftbrücke die Hungersnot lindern. Doch schon am Tag danach brechen in Mogadischu wieder Kämpfe aus. Die entscheidende Rolle in dem Chaos spielen die Clans - doch die Ursachen des Übels liegen in Europa.

Insgesamt zehn Tonnen der fetthaltigen Erdnussbutterlösung konnten die Vereinten Nationen bislang nach Somalia bringen: Nach langer Verzögerung landete am Mittwoch die erste Maschine mit Hilfslieferungen am Flughafen in Mogadischu. Von der Ladung hängt das Überleben Tausender ab, die Menge reicht aber gerade einmal aus, um 3500 kleine Kinder einen Monat lang zu versorgen. 70 weitere Tonnen stehen in Kenia bereit und sollen in den kommenden Tagen nach Somalia geflogen werden.

Nun wollen die Vereinten Nationen die Luftbrücke auch auf andere Landesteile ausweiten: Weitere Flugzeuge mit Hilfsgütern könnten einer Mitarbeiterin des Welternährungsprogramms zufolge schon bald in die Grenzregion Dollo geflogen werden. Von dort sollen die Nahrungsmittel in andere somalische Gebiete transportiert werden, die besonders von der Dürre betroffen sind.

3,7 Millionen Somalier sind vom Hungertod bedroht, das ist fast die Hälfte der Bevölkerung des vom Bürgerkrieg zerrütteten Landes. Die Situation der Menschen wird von Tag zu Tag dramatischer, doch selbst in diesen Zeiten brechen in Somalia wieder Kämpfe aus: Nur einen Tag nach dem Start der Luftbrücke berichten Augenzeugen aus Mogadischu von Gefechten zwischen Regierungstruppen und islamistischen Rebellen. Letztere hätten am Morgen das Feuer eröffnet, als Truppen der Afrikanischen Union (AU), die die somalische Regierung unterstützen, mit Panzern in ein Gebiet eindrangen, das bislang die Rebellen unter ihrer Kontrolle halten. Dabei seien auch mehrere Zivilisten verletzt worden, berichtet die Nachrichtenagentur AFP und beruft sich dabei auf den Chef der somalischen Notfallärzte in der Hauptstadt Mogadischu.

Die Konflikte Somalias schwelen seit dem Zusammenschluss von Italienisch- und Britisch-Somaliland im Jahr 1960: Die Engländer hatten Ende des 19. Jahrhunderts den Norden des heutigen Somalia kolonisiert, der Süden ging damals an die Italiener. Im Zweiten Weltkrieg kämpften Somalier aus Nord und Süd, oft Mitglieder desselben Clans, in feindlichen Armeen gegeneinander. 1960 wurden beide Kolonien unabhängig und zu einem Staat vereint.

Ethnologen feierten zunächst den "einzigen afrikanischen Nationalstaat", denn die Mehrheit der Somalier gehört zu ein und derselben Ethnie, teilt dieselbe Sprache, das Somali, und dieselbe Religion, den sunnitischen Islam. Allerdings ist die Gesellschaft in Clans aufgeteilt, und die Clanloyalität spielt nirgendwo in Afrika eine größere Rolle als am Horn.

Die Kolonialherren hatten es verstanden, entlang den Clanlinien zu teilen und zu herrschen, und entzogen so dem künftigen Nationalstaat von Anfang an seinen Kitt, das gemeinsame Nationalgefühl. Außerdem lebten nach 1960 weiterhin Hunderttausende ethnische Somalis in den Nachbarländern Kenia, Äthiopien und Dschibuti.

Der Diktator Siad Barre, der im Kalten Krieg mal mit Moskau und mal mit Washington paktierte, versuchte, den Staat mit eiserner Hand zusammenzuhalten. Er erklärte die Clans für abgeschafft und zettelte einen Krieg gegen Äthiopien an, um die somalisch geprägte Region Ogaden an ein Groß-Somalia anzugliedern. 1991 wurde Barre von einer Clan-Allianz aus dem Amt gejagt, die sich danach zerstritt und das Land in den verheerendsten Bürgerkrieg in der Geschichte Afrikas stürzte, der bis heute tobt.

Drei Gründe, warum Somalia internationale Gremien beschäftigt

Die Welt hätte sich wohl damit abgefunden, dass Somalia ein zerfallener Staat ist. Schließlich konnten 1993 nicht einmal die Sondereinheiten der US-Armee die entfesselten Milizen befrieden. Damals schleifte ein Mob in Mogadischu die verkohlten Leichen zweier Scharfschützen der Delta Force durch die Straßen, eine im Fernsehen übertragene Demütigung des frisch gewählten Präsidenten Bill Clinton. Im Jahr darauf sah die Welt schon dem Genozid in Ruanda zu, und der somalische Bürgerkrieg wurde verdrängt.

Es gibt drei Gründe, warum Somalia seit einiger Zeit wieder internationale Gremien beschäftigt. Vor fünf Jahren fielen große Teile des Landes an Islamisten, deren stärkste Miliz, al-Shabaab, aus ihren Kontakten zu al-Qaida kein Hehl macht. Ende 2006 marschierte die Armee des christlichen Nachbarlandes Äthiopien in Somalia ein, laut Wikileaks-Depeschen sollen die USA, der größte Geber Äthiopiens, das Regime in Addis Abeba zur Invasion gedrängt haben. Nach zwei Jahren mussten die Soldaten abziehen, sie hinterließen geplünderte Dörfer.

Der zweite Grund sind die somalischen Piraten, die mit steigender Professionalität internationale Handelsschiffe kapern und millionenschwere Lösegelder erpressen. Das Aufblühen der Piraterie hängt in einem Land, dessen Bevölkerung von jeher vor allem von der Landwirtschaft lebt, direkt mit dem Bürgerkrieg zusammen. Entwurzelte Nomaden und Fischer, deren Gewässer von ausländischen Trawlern leergefischt wurden, lassen sich von Piraterie-Bossen anheuern, von denen viele in Dubai wohnen oder in Nairobi. Die Angeheuerten sind meistens Menschen, die nicht ins Ausland fliehen wollen.

Viele Somalier, die in den neunziger Jahren ins Nachbarland Kenia auswanderten, wurden dort erfolgreiche Unternehmer. Vor allem in Eastleigh, Nairobis Einwandererviertel, sind einige sehr reich geworden. Eine Studie der britischen Denkfabrik Chatham House spricht von einer "erstaunlich belastbaren" Unternehmenskultur, die aus einem zerfallenen Staat importiert wurde.

Da weder der UN-Sicherheitsrat noch die Afrikanische Union zu wissen scheinen, wie man den Bürgerkrieg in Somalia beenden könnte, konzentriert sich die Weltgemeinschaft darauf, die Hungerkatastrophe in dem Land zu mildern. Der Klimawandel, der immer häufiger Dürren am Horn von Afrika verursacht, ist der dritte Grund, warum man auf Somalia blickt. Al-Shabaab behindert, so wie auch andere Milizen Anfang der neunziger Jahre, erwartungsgemäß die Arbeit der Hilfswerke.

Die Hilfsorganisationen geben sich dennoch zuversichtlich: Unter den radikalislamischen Milizen gebe es "Fraktionen", die heute schon der UN Zugang zu den Hungernden gewährten, erklärte der deutsche Vertreter des UN-Welternährungsprogramms, Ralf Südhoff. Allerdings gestalteten sich die Verhandlungen mit den Rebellen als schwierig, da sie Garantien wollten, dass die humanitäre Hilfe "mit politischen Fragen nichts zu tun" habe.

Die international anerkannte Regierung hat sich im Regierungsviertel von Mogadischu verschanzt und wäre ohne ein Schutzkontingent der Afrikanischen Union längst gestürzt. Allerdings wird diesmal wohl niemand auf die Idee kommen, Sondereinheiten nach Mogadischu zu schicken, damit Lebensmittel die Hungernden erreichen. Man versucht es mit einer Luftbrücke.

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