Süddeutsche Zeitung

Brexit:"Große Schnittmenge zwischen Brexit-Fans und Trump-Fans"

Journalist Hugo Dixon ist überzeugt, dass Großbritannien in der EU bleiben sollte. Deshalb kämpft er mit "People's Vote" für ein neues Referendum - und seine Hoffnung wächst.

Hugo Dixon war schon lange vor dem Brexit-Referendum von 2016 überzeugt, dass die Austrittsfrage auf den Tisch kommen würde, deshalb schrieb er 2014 ein Buch mit dem Titel "Die Rein/Raus-Frage: Warum Großbritannien in der EU bleiben und Europa besser machen sollte." 2015 gründete der Wirtschaftsjournalist das Unternehmen "InFacts", dessen Slogan lautet: "den Brexit mit Fakten bekämpfen". Dixon ist außerdem stellvertretender Vorsitzender der Organisation "People's Vote", die sich landesweit für ein neues Referendum einsetzt.

SZ: Wie lange haben Sie nun schon für ein zweites Referendum über den Brexit gekämpft?

Dixon: Direkt nach der Entscheidung 2016, wenige Tage danach schon, gab es die erste Petition, dass die Abstimmung wiederholt werden müsse. Ich fand das damals eine schlechte Idee; es gab keine Begründung für eine Wiederholung - es sei denn, es gibt neue Informationen oder einen eindeutigen Wandel in der Stimmung der Bevölkerung.

Ich war der Meinung, ein Referendum wäre geboten, wenn wir wirklich wissen, wie der Brexit aussieht und was er bedeutet. Das wussten wir im vergangenen Jahr, als May den Deal mit Brüssel vorlegte. Es gab eine konkrete Vorlage, und die Stimmung im Land hatte sich gewandelt.

Sie waren aber nicht sehr erfolgreich. In der Bevölkerung gibt es bis heute keine überwältigende Mehrheit für ein zweites Referendum, und das Parlament hat sogar dagegen gestimmt. Warum ist das so?

Wir waren sogar sehr erfolgreich. Es gibt keine einzige Umfrage aus diesem Jahr, die besagt, dass es im Land noch eine Mehrheit für das Verlassen der EU gibt. Die Zahl der Menschen, die mittlerweile glaubt, der Brexit könnte gestoppt werden, ist gestiegen. Im vergangenen Jahr begannen wir mit der Kampagne für einen "People's Vote".

Wir haben seither die öffentliche Meinung dahingehend gedreht, dass viele Menschen sogar hoffen, der Brexit komme gar nicht mehr. Und das geht über ein zweites Referendum. Im Parlament wiederum ging die letzte Abstimmung 280 zu 292 aus. Das war knapp. Und beim nächsten Mal wäre es vermutlich anders, weil viele andere Optionen - die Zollunion, Mays Deal - weggefallen sind. Ich sage also: Wir haben nur noch nicht bewiesen, dass wir eine Mehrheit haben. Aber es gibt sie.

Was passiert, wenn ein Brexiteer wie Boris Johnson der nächste Premier wird?

Dann gibt es mutmaßlich die Optionen "No Deal" oder "Remain". Die meisten Wähler wollen das nicht, auch viele Tories wollen das nicht. Man kann das verhindern. Mit einem Referendum.

Labour hat in der EU-Wahl sehr schlecht abgeschnitten, weil die Haltung der Partei zum Brexit so unklar war. Nun bewegt sich was bei Labour, der Druck auf Jeremy Corbyn wird größer, einer neuen Volksabstimmung zuzustimmen. Wird er das tun?

Er hat es ja schon fast gesagt. Er ist fast da. Er macht zwei Schritte nach vorn und einen zurück. Aber auch er will nicht noch mehr Zustimmung, Mitglieder und Wähler verlieren.

Man kann den Eindruck haben, dass das zweite Referendum immer nun dann aus dem Hut gezogen wird, wenn es ein politisches Patt gibt und niemand mehr weiterweiß. Als sei der "People's Vote" die am wenigsten schlechte unter lauter ganz schlechten Optionen. Aber sollte es nicht mehr sein als ein Rettungsanker?

Genau das, ein Rettungsanker, soll es natürlich nicht sein. Das demokratische Argument für eine Abstimmung jetzt ist, dass der Brexit, den die Leave-Kampagne 2016 versprach, in nichts dem gleicht, was jetzt auf dem Tisch liegt. Es gab damals nur einen Fantasie-Brexit, der nicht an die Realität von heute erinnert.

Das ist alles schwer zu verstehen. Was liegt denn jetzt auf dem Tisch?

Es geht jetzt darum, dass die wahrscheinlichste Form des EU-Austritts ein "No Deal" sein wird. Davon hat 2016 niemand gesprochen, es hieß immer, als würde ganz leicht und friedvoll.

Was würde denn nun auf Ihrem Stimmzettel stehen?

Remain, also der Verbleib in der EU - und ein lieferbarer, spezifischer, realistischer Vorschlag. Im schlimmsten Fall gibt es aber die Frage: Ja oder nein, also drinnen bleiben oder raus ohne Vertrag und mit einem Knall. Mit einem radikalen Tory-Premier, der bei neuen Verhandlungen scheitert, oder gar nicht erst verhandelt, oder gestürzt wird und von jemandem noch radikaleren ersetzt wird - mit jedem Schritt wird "No Deal" wahrscheinlicher. Und das geht gar nicht, ohne das Volk zu fragen.

Seit einigen Tagen ist bekannt, dass sich Johnson wegen seiner Lügen in der Brexit-Kampagne von 2016 vor Gericht verantworten muss. Wird ihm das schaden?

Ja, aber nicht sehr. Es ist wie bei Donald Trump. Er kann Lügen erzählen, und seine begeisterten Fans stört das nicht. Sie rufen fake news, fake news, und wollen das nicht wissen. Es ist wie bei meiner Tochter, die sich, als sie klein war, die Hände über die Ohren hielt und rief: Ich kann Dich nicht hören.

An diesem Montag beginnt der Staatsbesuch von Donald Trump. Wird der Protest so laut und groß sein wie bei seinem letzten Besuch vor einem Jahr? Oder haben die Briten andere Sorgen?

Es gibt eine große Schnittmenge zwischen Brexit-Fans und Trump-Fans. Sowohl Johnson als auch Nigel Farage (der Chef der Brexit-Partei, d. Red.), sind Fans von Trump. Ich sage: Der wichtigste Grund dafür, in der EU zu bleiben ist, dass wir dann mehr Einfluss auf der internationalen Bühne haben.

Wir haben so viele gemeinsamen Werte mit Deutschland oder Frankreich und brauchen diese gemeinsame Stärke, um uns gegen eine Welt von Bullies zu wehren. Und Donald Trump ist ein Bully. Wer glaubt, uns schütze die "special relationship" mit den USA, der täuscht sich. Das wird Trump nicht daran hindern, uns Chlorhühner aufzuzwingen oder unser Gesundheitswesen für Konkurrenz aus den USA zu öffnen. Der Iran-Deal, die Gegenwehr gegen Wladimir Putin, der Umgang mit Israel, wir finden uns in allen Punkten immer auf der anderen Seite. Das ist gefährlich.

Was folgt daraus?

Wir reden zurzeit vor allem über ein "People's Referendum". Wir müssen aber von jetzt an viel mehr darüber reden, dass wir in der EU bleiben wollen. Das Referendum ist der Weg, um einen "No Deal" zu verhindern, aber wir müssen die Menschen überzeugen, dass wir die 27 Partner in Europa brauchen. Wir hätten mehr Geld, unsere Politiker könnten sich endlich um die wahren Probleme des Landes kümmern. Und wir müssten nie wieder über den Brexit nachdenken.

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