Süddeutsche Zeitung

Großbritannien:Brexit Turkey

Warum britische Familien dieses Jahr um ihren Truthahn zu Weihnachten fürchten müssen.

Von Alexander Mühlauer, London

Es sind zwar noch vier Monate bis Weihnachten, aber in Großbritannien sorgt sich so mancher schon jetzt, ob das Fest in diesem Jahr wie gewohnt stattfinden kann. Schließlich geht es darum, was beim feierlichen Dinner auf den Tisch kommt. Bei vielen britischen Familien ist das ein Truthahn, eine Tradition, die auf König Heinrich VIII. zurückgeht, der im 16. Jahrhundert seine Vorliebe für das Geflügeltier entdeckt hatte. Seitdem ist der christmas turkey für viele im Vereinigten Königreich zu Weihnachten nicht mehr wegzudenken.

Doch ob es in diesem Jahr wieder genug für alle gibt, ist durchaus fraglich. Der British Poultry Council, der Verband der geflügelverarbeitenden Industrie, hat nämlich davor gewarnt, dass es zu Engpässen bei Truthähnen kommen könnte. Der Grund: Es fehlen Arbeitskräfte, die bisher aus der EU kamen. Anders gesagt: Schuld an der Misere ist vor allem der Brexit.

Der Verband hat deshalb einen Brief an die britische Innenministerin Priti Patel geschrieben. Darin heißt es, dass viele Unternehmen aufgrund von Personalmangel gezwungen seien, die wöchentliche Produktion um bis zu zehn Prozent zu kürzen. Der Verband geht davon aus, dass die Versorgung mit Truthähnen zu Weihnachten um ein Fünftel einbrechen könnte.

Wörtlich heißt es in dem Schreiben: "Wir sehen uns mit einem ernsthaften Mangel an Produktions- und Verarbeitungspersonal konfrontiert, das im Sinne des Innenministeriums als gering qualifizierte Arbeitskräfte eingestuft wird, aber eine unglaublich wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung der Lebensmittelversorgung und der Ernährung der Nation spielt." Der Verband fordert deshalb Änderungen bei den Einwanderungsregeln.

Seit dem Brexit gibt es ein neues, auf Punkten basierendes System, das hochqualifizierte Arbeitskräfte bevorzugt. Der British Poultry Council dringt nun darauf, dass Geflügelarbeiter als "skilled worker" gelten, damit sie einen Anspruch auf Facharbeiter-Visa haben. So könnten sie etwa in ein Programm für saisonale Arbeitskräfte aufgenommen werden, das für Erntehelfer im Obst- und Gemüseanbau vorgesehen ist.

In der geflügelverarbeitenden Industrie kommen etwa 60 Prozent der 40 000 Arbeitskräfte aus der EU, die meisten aus Osteuropa. Auch in anderen Branchen fehlen sie, die Corona-Krise hat die sogenannte staff crisis noch verstärkt. So klagen etwa britische Spediteure über zu wenig Lkw-Fahrer; und viele Pubs tun sich schwer, Servicepersonal zu finden.

Die Probleme der Geflügelindustrie bringen bereits erste Restaurants in Not. So musste die Fast-Food-Kette Nando's in der vergangenen Woche ganze 45 Standorte in Großbritannien schließen. Das Unternehmen will nun einen Teil seiner Angestellten zu Lieferanten schicken, um beim Verpacken von Hühnchen zu helfen. Auch die Fast-Food-Kette Kentucky Fried Chicken hat Lieferprobleme. Laut Financial Times seien einige Restaurants mit Engpässen konfrontiert, sodass sie "möglicherweise vorübergehende Änderungen an ihrer Speisekarte vornehmen müssen".

Wenn es so weiter geht, dürfte das auch für manche Menüpläne zu Weihnachten gelten.

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