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Soziales Netzwerk Gab:Wo der Hass im Netz hofiert wird

Im Internet sammeln sich Rechte und Antisemiten in sozialen Netzwerken, in denen sie ungehindert ihrer Weltanschauung frönen können. Der Attentäter von Pittsburgh war offenbar einer von ihnen.

Wer denkt, es gebe schon auf Facebook oder Twitter die schlimmsten Ausfälle und Beispiele für Hass im Netz zu lesen, war noch nie an jenen anderen Orten im Netz. Jenseits der großen sozialen Netzwerke gibt es Plattformen und Anbieter, die sich explizit an jene User richten, die sich auf den etablierten Plattformen nicht mehr zu Hause fühlen. Sie finden rasch ein anderes Becken, in dem Gleichgesinnte warten. Während sich in der Debatte um Netzkultur noch viel um Filterblasen innerhalb der Mainstream-Netzwerke dreht, ist das Problem längst gravierender: Altright-Aktivisten, Antisemiten und Neurechte schaffen sich ihre eigenen Plattformen, in denen sie fernab von anderen Weltanschauungen unter Gleichgesinnten bleiben können. Das ist die Filterblase 4.0: Sie ist selbstgemacht und undurchlässiger als je zuvor.

Einer der größten Anbieter aus diesem Bereich ist das Twitter-Äquivalent Gab.ai, das Tech-Magazin Wired bezeichnet Gab als die "ultimative Filterblase". Hier soll der mutmaßliche Attentäter in der "Tree of Life"-Synagoge in Pittsburgh seine Tat angekündigt haben, wenige Stunde bevor er in der Synagoge elf Menschen tötete und sechs weitere verletzte. Die Macher von Gab werben mit dem Slogan "Speak Freely" und richten sich explizit an eine konservative bis neurechte Kundschaft. Zu den ersten Mitgliedern gehörten der frühere Breitbart-Autor Milo Yiannopoulos und Andrew Anglin, Gründer der Neonazi-Webseite Daily Stormer.

In den Community-Richtlinien von Gab ist bis auf die Verbreitung von "illegaler Pornografie" und "terroristischer Propaganda" so gut wie alles erlaubt. Man glaube an das Recht auf freie Meinungsäußerung, heißt es dort. Die Nutzer sollten aber bitte versuchen, "nett zueinander zu sein".

Gab (von englisch "Geschwätz") hat inzwischen knapp 525 000 Nutzer, von denen die meisten in den USA sitzen. Deutsche User bilden die zweitgrößte Nutzerschaft. Die Plattform, auf der registrierte Nutzer Kurznachrichten mit maximal 300 Zeichen publizieren können, wuchs in den vergangenen Monaten rasant. Im November 2016 lag die Nutzerzahl noch bei gerade einmal 50 000. Hier tummeln sich recht ungestört unter anderem Anhänger der Ultrarechten sowie rassistische Verfechter einer White Supremacy, einer weißen Vorherrschaft.

"Hass und Belästigung" seien für ihn "subjektive Begriffe", ließ Gab-Gründer Andrew Torba vor einigen Monaten verlauten. Das gibt den Ton vor, der auf seiner Plattform herrscht, und wird von jenen als Einladung verstanden, die sich von den Mainstream-Plattformen gegängelt fühlen. Nationale Regulierungen wie beispielsweise das Netz-DG in Deutschland greifen auf Gab nicht; dieses gilt nur für Plattformen mit mehr als zwei Millionen registrierten Nutzern.

Das Potenzial von Anbietern wie Gab wächst, weil rechte Nutzer, die auf Twitter oder Facebook gesperrt werden, zunehmend aus den etablierten Diensten abwandern. Neben Gab bieten Seiten wie Minds oder Wrongthink gesperrten und verärgerten Facebook-Nutzern eine Zuflucht vor dem, was sie als "Zensur" und übermäßige "politische Korrektheit" empfinden. Es gibt Dutzende weitere Angebote, die als Reaktion auf strengere Regulierungen bei den Mainstream-Anbietern gegründet wurden. Die Datenpolitik vieler dieser Anbieter ist noch undurchsichtiger als die von Facebook. Und sie zeigen sich deutlich weniger bereit, mit staatlichen Stellen zu kooperieren.

Gab etwa fiel der Extremismusforscherin Julia Ebner vom Londoner Institute for Strategic Dialogue in den vergangenen Monaten immer wieder auf, weil es weder antisemitische Verschwörungstheorien noch hetzerische Posts gegen Migranten oder Gewaltaufrufe gegen etablierte Medienhäuser löschte. Ebner beobachtet außerdem, dass Neonazis diese Netzwerke systemisch zur Rekrutierung und Radikalisierung von Gleichgesinnten nutzen.

Gab muss eine Zeitlang offline gehen - der Schaden allerdings dürfte gering sein

Das Profil des mutmaßlichen Attentäters von Pittsburgh soll voll mit rechten Symbolen und antisemitischen Beiträgen gewesen sein. Dort standen Dinge wie "Juden sind die Kinder des Satans". Der mutmaßliche Täter postete auf Gab offenbar auch seine letzte Botschaft vor dem Anschlag: "HIAS bringt Eindringlinge in unser Land, die unsere Leute töten. Ich kann nicht einfach daneben sitzen und zugucken, wie meine Landsleute abgeschlachtet werden. Ich pfeife auf eure Ansichten, ich gehe rein." HIAS steht für die Hebrew Immigrant Aid Society, eine Hilfsorganisation für jüdische Einwanderer in den USA. Nach diesem Post verübte er seine blutige Tat.

Gab hat mittlerweile reagiert und das Profil gelöscht. Die Plattform geht nun zumindest eine Zeitlang offline. Die Betreiber der Seite erklärten, ihr Provider werde ab Montag seine Dienste aussetzen. Berichten zufolge hat auch der Online-Bezahldienst Paypal die Seite gesperrt. "Gab wird wahrscheinlich über Wochen nicht erreichbar sein", schrieben die Gab-Betreiber via Twitter. "Wir werden weiter für freie Meinungsäußerung und individuelle Freiheit im Internet für alle kämpfen", hieß es weiter. Gab habe "null Toleranz" für Gewalt und Terrorismus und sei "traurig und angeekelt" über die Nachrichten aus Pittsburgh, teilten die Betreiber mit.

Dem rechten Paralleluniversum im Netz wird auch dieser schreckliche Vorfall keinen größeren Schaden zufügen. Selbst wenn Gab nun, wie zuvor schon die offen neonazistische Website Daily Stormer, ins Darknet abwandern müsste - ist Gab doch nur einer von vielen Anbietern, die rechtes Gedankengut tolerieren, wenn nicht gar ausdrücklich begrüßen. Metapedia ist eine rechte Wikipedia voll Verschwörungstheorien, Voat.co die Alt-Right-Version der Plattform Reddit, Hatreon ist ein Spenden- und Bezahlservice für rechte Inhalte, Bitchute eine Art Youtube-Klon und die sozialen Netzwerke Minds.com und Wrongthink.net sind die Entsprechungen von Facebook.

Schon vor Monaten hatte Gab angekündigt, dass es nicht nur beim Kurznachrichtendienst bleiben soll: Man wolle sich in Richtung Journalismus weiterentwickeln, sagte Utsav Sanduja, Gab-Kommunikationschef, in einem Interview. Man plane einen Streamingdienst und einen eigenen Fernsehsender im Netz. Wer also glaubt, die Regulierung von Facebook, Google oder Twitter sei die einzige Baustelle im Internet, der sollte sich vor Augen halten, was sich jenseits dieser Großkonzerne tut. Dort besetzen die Extremisten bereits die Nischen.

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