Süddeutsche Zeitung

"Fridays for Future":"Wir haben gerade erst angefangen"

  • Die Aktivisten von "Fridays for Future" treffen sich in Dortmund zum Sommerkongress.
  • Bis Sonntag erwarten die Klimaaktivisten 1700 Besucher aus ganz Deutschland.
  • Sie bewegen viele Fragen: Wie geht es weiter? Wie bleibt man dran? Und wie hält man eine Bewegung zusammen, die immer größer wird?

Die Pointe ist hier natürlich keinem entgangen: Seit acht Monaten schwänzen die Aktivisten von "Fridays for Future" am Freitag die Schule, um für das Klima auf die Straße zu gehen. Jetzt haben sie Sommerferien. Und was machen sie? Sie treffen sich in Dortmund zum Sommerkongress - und gehen in die Schule.

In den Klassenzimmern einer Realschule und eines Gymnasiums am Rand des Revierparks finden mittags die Workshops statt, es sind mehr als 30 jeden Tag. "Essen wir das Klima auf?" zum Beispiel in Raum 7B, genannt "Von der Leyen Lobby". Oder "Was ökonomische Ungleichheit mit der Klimakrise zu tun hat" in 2A, der den Namen "Marie Curie" trägt. Die A-Räume, so funktioniert das System, haben sie nach Vorbildern benannt. Die B-Räume nach Bösewichtern: Scheuer's Mautstation, AKK Shootingrange, RWE.

In Raum 10A, benannt nach der amerikanischen Biochemikerin Gertrude Elion, gibt es am Donnerstag eine "Einführung in den Nachhaltigen Aktivismus". Es geht darum, wie man dranbleibt, auch wenn es mal wehtut, und wie man zusammenbleibt, auch wenn es mal schwerfällt. Oder, so sagt es Timo Luthmann, der den Kurs veranstaltet: um Burn-out-Prävention für Klimaaktivisten. Seit zehn Jahren protestiert der 42-Jährige im rheinischen Revier gegen den Braunkohleabbau, anfangs nicht mit Tausenden Menschen wie heute, sondern mit 25. "Soziale Veränderung", das ist Luthmanns wichtigste Lektion, "ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Man braucht einen langen Atem."

Wie geht es weiter? Wie bleibt man dran? Und wie hält man eine Bewegung zusammen, die immer größer wird? Nach insgesamt 33 Freitagsdemonstrationen seit Dezember 2018 sind das nicht nur die Fragen dieses Workshops, es sind die Fragen dieses Sommerkongresses. Raum 10A ist so voll, dass die Hälfte des Publikums auf dem Boden sitzen muss.

Knapp ein Jahr nachdem die schwedische Schülerin Greta Thunberg zum ersten Mal in den Klimastreik getreten war, ist die deutsche "Fridays for Future"-Bewegung in einer eigenartigen Situation. Einerseits ist es ihr in einer kaum vorstellbaren Weise gelungen, ihr Thema - den Klimaschutz - zum beherrschenden Thema der öffentlichen und politischen Debatte zu machen. Andererseits sagen ihr manche das nahende Ende voraus: Die Bewegung werde den Sommer nicht überstehen oder an inneren Widersprüchen zerbrechen. Dass der am Mittwoch eröffnete Kongress im Internet unter dem Hashtag #SokoFuture läuft, lässt sich daher in doppelter Weise lesen. Es geht um die Zukunft des Planeten - und der Bewegung.

Bis Sonntag erwarten die Klimaaktivisten 1700 Besucher aus ganz Deutschland, die hier zelten und, so steht es auf der Homepage, gemeinsam die Welt retten sollen. Dazu kommen 60 Journalisten, auch aus Japan, Spanien, Italien. "Absurd", sagt Carla Reemtsma, "es ist wie bei einem Parteitag." Die 21-jährige Studentin aus Münster kümmert sich im Pressezelt um die Medienanfragen. Sie ist schwer im Stress. Sommerloch, sagt Reemtsma, aber das ist Understatement. Selbst die CSU hat sich den Klimaschutz ja inzwischen in großen Buchstaben auf die Fahnen geschrieben. Und dass das nicht nur an den heißen Sommern und den Grünen liegt, sondern maßgeblich an ihnen, das bestreitet auch Reemtsma nicht. "Man kann schon sagen, dass wir was erreicht haben."

Der Erfolg hat auch Wachstumsschmerzen verursacht

Andererseits ist dem Klima nicht geholfen, nur weil alle drüber reden. Das nächste große Ziel der Bewegung ist deshalb der 20. September. Da tagt das Klimakabinett in Berlin - und Fridays for Future hat zum Generalstreik aufgerufen. Alle sollen dann auf die Straße gehen, nicht nur die Jungen. Jetzt, sechs Wochen vorher, soll der Kongress auch eine Chance zum Durchatmen sein, bevor es weitergeht. "Jede Woche auf die Straße gehen kann zu Resignation führen", sagt Reemtsma. "Wir sind auch hier, um die Motivation hoch zu halten."

Um die 600 Ortsgruppen hat Fridays for Future heute und viele Unterstützer. Es gibt Parents for Future, Scientists for Future, Doctors for Future und jede Menge Prominente for Future. Zur Eröffnung des Kongresses kamen die TV-Moderatoren Joko Winterscheidt und Eckart von Hirschhausen. Angela Merkel hat abgesagt.

Doch der Erfolg hat auch Wachstumsschmerzen verursacht. Ein kleineres Problem sind die Parteien, die sich vom Auftrieb für die Bewegung gerne ein Stück nach oben tragen lassen würden; die Marxistisch-Leninistische Partei etwa müssen sich die Aktivisten auf der Freitagsdemo in Dortmund regelrecht vom Leib halten. Die größere Frage lautet: Kann die Bewegung noch Bewegung bleiben? Oder braucht sie so etwas wie eine Strukturreform, um ihr Wachstum aufzufangen? Bislang stimmen alle über alles ab. Das ist schön, aber es dauert, selbst bei dringenden Entscheidungen mindestens 48 Stunden. Die Bewegung droht unbeweglich zu werden.

Dazu kommt, dass trotz flacher Hierarchien einige Aktivisten längst ein bisschen gleicher sind als die anderen. Die Prominenz vor allem von Luisa Neubauer, die in Talkshows auftritt und von FDP-Chef Christian Lindner zum Rededuell geladen wird, missfällt einigen, auch hier in Dortmund. Andererseits betonen viele, mit denen man darüber spricht, dass es ohne bekannte Gesichter auch nicht gehe, wolle man die Aufmerksamkeit hoch halten. Luisa Neubauer jedenfalls sieht man hier am Morgen nicht auf der Bühne, sondern beim Kaffeeausschenken.

Reibereien, sagt Jakob Blasel, selbst eines der bekannteren Gesichter, habe es bei den "Fridays" von Anfang an gegeben. Normal. Ein einziges Mal habe ihn jemand in einer Telefonkonferenz persönlich verletzt. Er gibt sich gelassen: Die Struktur beschäftige alle anderen deutlich mehr als sie selbst. Blasel, 19, kommt aus Kiel, im Sommer hat er Abitur gemacht. In Dortmund hat er den Kongress mitvorbereitet. Ihr Budget: 200 000 Euro, aus Spenden, Teilnahmegebühren und von einer Stiftung. Auf einer Tour durchs Camp präsentiert Blasel die Ausstattung. Die Komposttoiletten kommen ohne Wasser aus, die Handyladestation läuft mit Ökostrom.

Die meisten Teilnehmer seien zwischen 16 und 19 und kämen aus ganz Deutschland, betont er, nicht nur aus Köln oder Berlin. Wir sind vielfältig, ist die Botschaft, und regional mag das stimmen. Sozial aber stimmt es nicht. Die "Fridays" sind größtenteils eine Bewegung von Gymnasiasten, ehemaligen oder aktuellen. "Die Beobachtung ist richtig", sagt Blasel, "der Vorwurf nicht." Deutschland sei ein Land, in dem politisches Engagement ein Privileg sei. Wer sich Nachhilfe nicht leisten könne, könne sich womöglich auch keinen Schulstreik erlauben. Für die Zukunft könnte diese Erklärung zu wenig sein. Es mehren sich die Stimmen derer, die warnen, die weniger Begüterten im Namen des Klimas vom Fliegen und Autofahren auszuschließen. Deren Perspektive aber fehlt auch Fridays for Future weitgehend.

Blasel macht sich um die Zukunft keine Sorgen. Zu den Freitagsdemos seien auch im Sommer 20 000 bis 30 000 Leute gekommen, andere Bewegungen könnten davon nur träumen. "Vor ein paar Monaten", sagt er, "war ich sicher: Die Bewegung ist nach den Sommerferien tot. Jetzt bin ich sicher: Wir haben gerade erst angefangen."

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SZ vom 03.08.2019/mkoh
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