Süddeutsche Zeitung

Freigelassener US-Soldat Bowe Bergdahl:Die Wut der Kameraden

Der letzte bekannte US-Kriegsgefangene ist frei. Ein Held - oder ein Deserteur? Details über das Verschwinden von Bowe Bergdahl in Afghanistan werden bekannt, ehemalige Mitglieder seines Platoons erheben schwere Vorwürfe. Das US-Militär schließt Ermittlungen gegen Bergdahl nicht aus.

Von Sebastian Gierke

Vergangenes kann nicht einfach freigelegt werden. Vergangenes ist ein extrem komplexes Phänomen. Und Vergangenes ist vor allem oft nur aus der Gegenwart heraus zu verstehen.

Die Gegenwart im Fall des letzten bekannten US-Kriegsgefangenen sieht so aus: Bowe Bergdahl ist frei. Nach fast fünf Jahren Taliban-Gefangenschaft in Afghanistan hatte eine Spezialeinheit der US-Armee Bergdahl am Samstagabend in Empfang genommen. Der US-Soldat wird gerade in einem US-Militärkrankenhaus im rheinland-pfälzischen Landstuhl auf sein neues Leben in Freiheit vorbereitet. Im Gegenzug hatten die USA fünf Taliban-Häftlinge aus dem Gefangenenlager Guantánamo entlassen und nach Katar überstellt.

US-Präsident Barack Obama wusste den Moment zu nutzen. Nur Stunden nach der Freilassung Bergdahls empfing Obama Bergdahls Eltern im Weißen Haus. Jani und Bob Bergdahl wirkten erleichtert, völlig überwältigt: "Wir werden für Bowe stark bleiben, während er sich erholt." Der Soldat habe "Geburtstage, Urlaube und die einfachen Momente mit Familie und Freunden entbehren müssen, die für uns alle so selbstverständlich sind", ruft Obama pathetisch. Der Präsident weiß, wie er solche Momente inszenieren muss.

Nur wenige Tage später geht es im Fall des Bowe Bergdahl kaum mehr um die Gegenwart. Jetzt spielt in den USA die Vergangenheit eine große Rolle. Was ist geschehen, an diesem 30. Juni 2009? In der Zeit davor und den Tagen danach? Welche Version der Vergangenheit setzt sich durch? Wie werden die Ereignisse politisch bewertet? Wer kann von welcher Version der Geschichte profitieren?

Um das beurteilen zu können, sind die Details wichtig:

  • Kurz nach Mitternacht am 30. Juni 2009 verlässt Sergeant Bowe Bergdahl den US-Militärposten in der afghanischen Provinz, nahe der Grenze zu Pakistan. Er hinterlässt in seinem Zelt eine Notiz: Er sei desillusioniert über die Armee, stünde nicht hinter dem Afghanistan-Einsatz der USA und würde jetzt gehen, um ein neues Leben zu beginnen. Er nimmt einen Rucksack mit, Wasser, Messer, ein Notizbuch und Schreibzeug. Das berichtet ein früherer Offizier, der über die Ermittlungen zu Bergdahls verschwinden informiert war, in der New York Times. Bergdahl habe sich wahrscheinlich im Fahrzeug eines Subunternehmers der Armee versteckt, um die Basis zu verlassen. An den Zäunen des Stützpunktes habe es keine Spuren eines Ausbruchs gegeben. Erst neun Stunden später erfuhren die 29 Soldaten des Zweiten Platoons, dass Bergdahl verschwunden ist. Es beginnt eine acht Tage lange, intensive Suche. Die US-Armee verwendet Drohnen, Militärhubschrauber und Suchhunde. Ohne Erfolg. Auch nach dieser ersten Phase geht die Jagd weiter. Der Befehl lautete, allen Gerüchten über Bergdahls Verbleib nachzugehen.
  • Bowe Bergdahl wird von einigen der ehemaligen Mitglieder seines Platoons als "bookish" beschrieben, als Bücherwurm. Er sei von romantischen Vorstellungen erfüllt gewesen, die einige als "odd" (merkwürdig) empfunden hätten. "Bergdahl hat kein Bier getrunken oder an Grillfesten teilgenommen wie die anderen 20-Jährigen", sagt Cody Full, ebenfalls ein Mitglied von Bergdahls Platoon in einem Interview, das von Parteistrategen der Republikaner arrangiert worden ist. Er sei ständig in seiner Unterkunft gewesen, habe unter anderem Arabisch gelernt - und auch Paschtu, wie sein Vater (hier ein Porträt). Kurz vor seinem Verschwinden habe er sein persönliches Hab und Gut nach Hause geschickt. Immer wieder habe er sich die Frage gestellt, ob er von dort nach Indien oder China wandern könnte.
  • Nathan Bradley Bethea rechnet in einem Beitrag für die News-Seite The Daily Beast mit Bergdahl schonungslos ab. Bethea war einer der Soldaten, die gleichzeitig mit Bergdahl in Afghanistan im Einsatz waren. Er schreibt, die Armee habe für die vergangenen fünf Jahre angeordnet, die Umstände der Gefangennahme Bergdahls geheim zu halten. Doch "nun sei es Zeit, die Wahrheit zu sagen". Für Bethea ist Bergdahl ein "Deserteur", ein Fahnenflüchtiger. "Soldaten seiner Einheit sind beim Versuch, ihn zu finden, gestorben", schreibt Bethea. Die Suche habe in einem gefährlichen Gebiet stattgefunden, in dem sich viele Aufständische aufgehalten hätten. Außerdem hätten die militärischen Ressourcen nicht mehr für andere wichtige Dinge verwendet werden können. Jose Baggett, ein weiterer Ex-Soldat, sagte der New York Post: "Er hat seinen Wachposten verlassen. (...) Er war da, um uns zu beschützen, doch stattdessen entschied er sich dafür, sich von Amerika zurückzuziehen, zu gehen, sein eigenes Ding zu machen. Ich weiß nicht, warum er das getan hat, aber wir haben so viele Ressourcen deshalb aufgebraucht. Und einige dieser Ressourcen waren das Leben von Soldaten."
  • Laut New York Times sind mindestens zwei Soldaten bei der Suche nach Bergdahl ums Leben gekommen, sechs weitere sollen in der Gegend ihr Leben verloren haben. Für Bethea steht fest, dass sie bei der Suche nach Bergdahl umgekommen seien. Das Pentagon erklärte, diese Berichte seien unbegründet. Allerdings machte US-Generalstabschef Martin Dempsey deutlich, dass Bergdahl für etwaige Verfehlungen noch immer disziplinarisch belangt werden könne: "Unsere Armeeführung wird nicht über Fehlverhalten hinwegsehen, sollte es passiert sein." Er betonte aber, dass auch für Bergdahl die Unschuldsvermutung gelte.
  • Mit den Worten "Ja, ich bin wütend" lässt sich das Interview mit Joshua Cornelison zusammenfassen. Das Gespräch mit dem früheren Sanitäter in Bergdahls Einheit wurde ebenfalls von Beratern der Republikaner arrangiert. "Alles was wir in dieser Zeit getan haben, hatte das Ziel, die Suche nach Bergdahl voranzutreiben." Immer wieder seien Missionen abgebrochen worden, weil es Berichte gegeben habe, dass Bergdahl in der Nähe war. Cornelison sagt zudem, dass er sich zwar nicht in die Politik einmischen wolle. Doch da Bergdahl nun in Freiheit sei, müsse er "zu 100 Prozent zur Rechenschaft gezogen werden". Denn er habe, so Cornelison, "mich selbst und 29 andere Mitglieder meines Platoons für 90 Tage in die Hölle geschickt".

Noch ist nicht eindeutig klar, was wirklich passiert ist, damals vor fünf Jahren in Afghanistan. Ob stimmt, was die ehemaligen Kameraden Bergdahl vorwerfen, wie viel davon politisch inszeniert ist, wie viel politische Agenda. Doch all diese Aussagen sind mittlerweile Teil einer harten politischen Auseinandersetzung in den USA. Obama versucht, sich als starker Führer zu inszenieren, dem es gelungen ist, einen Helden zu befreien. Für das konservative Amerika ist Bergdahl dagegen ein Verräter, für dessen Freilassung ein viel zu hoher Preis gezahlt wurde.

Republikanische Kongressabgeordnete üben scharfe Kritik an dem Deal mit den radikalislamischen Taliban, die gegen die internationalen Truppen am Hindukusch kämpfen. Der als Hardliner geltende Senator John McCain bezeichnete die freigelassenen Häftlinge als "hartgesottene Terroristen". Sein Parteifreund Mike Rogers sprach von einem Präzedenzfall, der Anreize für weitere Entführungen schaffen könne. Einige Republikaner warfen Obama Rechtsbruch vor, weil er den Kongress nicht, wie vorgeschrieben, 30 Tage vor der Entlassung von Guantanamo-Häftlingen informiert habe.

Die US-Regierung verwahrte sich gegen Kritik. Die "potenzielle Bedrohung" durch die nach Katar überstellten Taliban-Mitglieder sei "ausreichend entschärft" worden, sagte Obama-Sprecher Jay Carney. Und dann gab sich Carney ganz überparteilich: "Wir haben in diesem Land eine Tradition, sicherzustellen, dass unsere Kriegsgefangenen uns wieder übergeben werden, dass wir sie nicht zurücklassen."

Die Wut der Republikaner und der Ex-Kameraden von Bowe Bergdahl hat dies nicht beruhigt. Der Kampf um die Vergangenheit, er ist voll entbrannt.

Mit Material von AFP

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