Süddeutsche Zeitung

Frankreich:Macrons Gesichter der Effizienz

  • Der französische Präsident Emmanuel Macron hat sein Kabinett vorgestellt.
  • Darunter sind viele Absolventen der üblichen Elite-Universitäten.
  • Im Kabinett sind elf Frauen und elf Männer.

Von Leo Klimm und Christian Wernicke, Paris

Das also ist die Mannschaft, mit der Präsident Emmanuel Macron das alte Frankreich "erneuern" will, mit der der Gründer der Bewegung En Marche in die Zukunft marschieren möchte: drei ergraute Herren als Minister für Inneres, für die Justiz und für die Außenpolitik, dazu viele Absolventen der üblichen Elite-Universitäten - sieht so das neue Establishment aus? Macrons Ministerpersonal, am Mittwoch vorgestellt, offenbart, was diesem Präsidenten wirklich wichtig ist: kein Umsturz von unten, kein Bruch "des Systems" - sondern 22 halbwegs neue Gesichter, die parteiübergreifend dem Regierungsapparat mit technokratischer Effizienz Dampf machen sollen.

Bruno Le Maire, der künftige Wirtschaftsminister, ist ein typisches Beispiel für diese "technocratie à la Macron". Der 48-jährige Republikaner besuchte nur beste Lehranstalten, von der katholischen Privatschule in Paris über Sciences Po bis zur Kaderschmiede Ena. Seine Karriere begann er 1998 als Diplomat, ehe sich Le Maire dann Dominique de Villepin anschloss, als dessen engster Mitarbeiter er von 2005 an im Hôtel Matignon das Regieren lernte, dem Amtssitz des Premierministers.

Vor zehn Jahren begann der Deutschlandkenner seine eigene Karriere als Politiker: Er wurde 2007 Abgeordneter, Staatssekretär für Europa, dann Agrarminister. Die Franzosen kennen den Mann mit der Ausstrahlung eines Mathelehrers, sie wissen um seinen Ehrgeiz, eines Tages selbst Präsident zu werden. Als Wirtschaftspolitiker hat Le Maire bisher kein scharfes Profil, aber als Präsidentschaftskandidat trat er für Sparmaßnahmen und Sozialkürzungen ein.

Innenminister Collomb soll die Geheimdiensteneu organisieren

Ebenso ein altbekanntes Gesicht und doch erstmals Minister ist Gérard Collomb. Der Bürgermeister von Lyon gehört zwar noch der Sozialistischen Partei an. Aber er zählte zu den allerersten Politikern, die den jungen Macron ermunterten, mit einer neuen Bewegung die alten Parteigräben zu überwinden und eine Präsidentschaftskandidatur zu riskieren. Der 69-jährige Sozialdemokrat wird nun Frankreichs "premier flic": Als Innenminister steht Collomb in der vordersten Reihe im Kampf gegen den Terror. Eine seiner heikelsten Aufgaben wird es sein, die Geheimdienste neu zu organisieren. Collomb gilt als radikaler Pragmatiker, sein ideologiefreier Kurs im Rathaus von Lyon machte ihn beliebt.

Ein anderer Pate des jungen Präsidenten ist François Bayrou. Dreimal hat Bayrou versucht, selbst Präsident zu werden. Als der 65-jährige Zentrist sich Ende Februar hinter Macron stellte, flüsterte er ihm zu: "Sie sind unglaublich jung, aber Ihnen muss gelingen, was ich nicht geschafft habe." Damit meinte Bayrou einen Kurs zwischen rechts und links - und eine von ihm seit Jahren geforderte moralisation der Politik: strengere Regeln für die Beschäftigung von Angehörigen oder eine Befristung aller Wahlämter auf maximal drei Mandatszeiten. Für diesen wahrscheinlich ersten Gesetzentwurf von Macron ist Bayrou nun als Justizminister zuständig.

Der vierte Politveteran in Macrons Reihen ist Jean-Yves Le Drian. Bisher diente der 69-jährige Bretone und überaus gemäßigte Sozialist als Verteidigungsminister. Nun wechselt er an den Quai d'Orsay, als "Minister für Europa und Auswärtige Angelegenheiten". Europa vorneweg, das ist Symbolpolitik à la Macron. Le Drian gilt als stiller Vernunftpolitiker. Den kreativen Part der Europapolitik, etwa die ehrgeizige Neugründung der EU und Euro-Zone, will der Präsident eh selbst übernehmen.

Die wichtigen Posten gingen an Männer

Ein wirklich frisches Gesicht ist hingegen Sylvie Goulard, die neue Verteidigungsministerin, die unter einem alten Titel regieren wird: Als "Ministre des armées" wurde sie am Mittwoch ausgerufen. Die 52-jährige Europaabgeordnete stieß früh zum Team Macron, wurde schnell wichtigste außenpolitische Beraterin. In Frankreichs politischer Klasse gibt es niemanden, der Deutschland besser kennt als diese Frau. Als hochbegabte Schülerin wurde sie von den Lehrern genötigt, Deutsch zu lernen - rückblickend deutet sie dies "als die Chance meines Lebens".

Über Deutschland eroberte sie sich Europa, seit 25 Jahren ist sie bestens vernetzt mit Berliner Politikern wie Diplomaten. Auch Goulard absolvierte Sciences Po und Ena, sie weiß um das Image ihrer Unis: "Ich bin es leid, mich dafür zu entschuldigen," weist sie den Elitenverdacht zurück. Goulard sieht ihre Ausbildung als Rüstzeug, um vieles anders, besser, europäischer zu machen.

Sie ist die einzige Frau, der Macron eines der klassischen Macht-Ministerien anvertraut hat. Die versprochene Parität von elf Frauen und elf Männern im Kabinett gelingt dem Präsidenten nur, weil er Frauen fand, die sich mit Ministerehren für Sport oder für Transport begnügten. Die wichtigen Posten gingen an Männer - und darunter ist nur einer, der nicht in die Schablonen Pariser Karrieren passt: Der Ökoaktivist und frühere Fernsehjournalist Nicolas Hulot, 62, wird Umweltminister. Er ist die spektakulärste Verpflichtung Macrons, der Mann mit der Ponyfrisur schneidet in Umfragen stets als eine der beliebtesten Persönlichkeiten Frankreichs ab.

Hulot gilt als so etwas wie das grüne Gewissen des Landes: Mit Reportagen über austrocknende Seen in Afrika und gerodete Tropenwälder am Amazonas eroberte er beste TV-Sendeplätze. Lange hatte Hulot gezaudert, sich von der Politik vereinnahmen zu lassen. Ex-Präsident François Hollande diente er zwar bis zur Pariser Klimakonferenz 2015 als "Sondergesandter". Einen Ministerposten unter Hollande schlug er jedoch aus. Nun soll Hulot als "Minister für den ökologischen und solidarischen Übergang" auch gestalten dürfen.

Er wird Macrons Kurs auf die Probe stellen: Hulot gilt als Querkopf, und er untersteht in Édouard Philippe einem Regierungschef, der früher Lobbyist für den Atomkonzern Areva war. Als Preis für seine Mitarbeit soll Hulot verlangt haben, den Bau eines umstrittenen Flughafens aufzugeben.

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SZ vom 18.05.2017/dit
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