Süddeutsche Zeitung

Frankreich:Almosen für die Armenküche

Der Organisation "Restos du cœur", die jährlich mehr als einer Million Bedürftigen hilft, droht das Ende: Die Zahl der Bedürftigen steigt, die Kosten ebenfalls. Die reichste Familie Frankreichs will helfen - und gerät in die Kritik.

Von Oliver Meiler, Paris

Es gibt soziale Einrichtungen, die graben sich tief ins gute Gewissen einer Nation ein. So tief, dass man denken könnte, es habe sie schon immer gegeben - und, vor allem, es werde sie für immer geben. In Frankreich sind die Armenküchen "Restos du cœur" eine solche Institution, sie tragen das Herz aus dem Namen auch im Logo.

Gegründet hat sie 1985 der wunderbare Coluche, bürgerlich Michel Colucci, Kabarettist und Komödiant mit viel schrägem Sinn für die Persiflage der Franzosen. Der Sohn aus armen Verhältnissen konnte auch ernst sein. Die Franzosen liebten ihn für beides, seinen Humor und seine Ernsthaftigkeit. Einmal schickte er sich sogar an, für das Präsidentenamt zu kandidieren. Er starb 1986 im Alter von 42 Jahren bei einem Verkehrsunfall.

Wahrscheinlich sind die Restos du cœur auch deshalb so beliebt im Volk, weil Coluches Geist bis heute über ihnen schwebt. Mittlerweile leisten ihre Freiwilligen etwas mehr als ein Drittel der gesamten Hungerhilfe in Frankreich. Nun aber droht das Ende.

In einem berührenden Hilferuf in den Mittagsnachrichten von TF1 warnte der Präsident der Organisation, Patrice Douret, wenn ihre Appelle nicht endlich erhört und ernst genommen würden, müssten sie schon bald dichtmachen. Die Bedürftigen werden immer mehr. Im laufenden Jahr haben die Restos du cœur bisher bereits 1,3 Millionen Menschen versorgt - im ganzen Jahr 2022 waren es 1,1 Millionen gewesen. Und wegen der Inflation steigen alle ihre Kosten: der Kauf von Lebensmitteln, der Transport, der Strom in den Lagern. Die Situation sei dramatisch, sagt Douret. "So etwas haben wir seit der Gründung nicht erlebt."

Nun, der Ruf war so laut und dringlich, dass ihn niemand überhören konnte. Die Regierung versprach sofort fünfzehn Millionen Euro, dazu noch einmal sechs Millionen aus einem anderen Pot für die jüngsten Bedürftigen. Doch Douret war enttäuscht, das reiche ja nirgendwohin. Danach meldeten sich einige große Supermarktketten und sagten mehr Lebensmittel zu. Auch sie hatten offenbar den ganzen Druck über die Mittagsnachrichten gebraucht.

Besonders viel zu reden aber gab eine Schenkung der reichsten Familie im Land, der Arnaults. Ihnen gehört der Luxusgüterkonzern Moët Hennessy Louis Vuitton, besser bekannt unter dem Abkürzung LVMH, ein Portfolio mit vielen Marken, alles glitzernd und teuer.

Die Arnaults also geben den Restos du cœur zehn Millionen Euro, und sie reden darüber. Das ist nicht sonderlich nobel, aber okay. Die Regierung dankte umgehend, was die französische Linke wiederum maßlos ärgerte. Statt sich bei den Reichen zu bedanken, ließ die Partei La France insoumise ausrichten, möge der Staat die Großkapitalisten und die Spekulanten zur Kasse bitten und von ihnen gebührend hohe Steuern verlangen. Dann, sagt sie, wäre genug Geld da, damit niemand im Land Hunger leiden müsste. Zehn Millionen? Das sei nichts für die Arnaults. Ihr Familienvermögen wird auf 215 Milliarden Euro geschätzt.

Libération hat nachgerechnet. Zehn Millionen Euro, schreibt die linke Zeitung, seien für die Arnaults das, was für jemanden mit 2150 Euro auf dem Bankkonto zehn Cents wären. Ein minderes Almosen, eine hingeworfene Münze. Wäre Coluche noch da, er würde daraus einen Sketch machen.

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