Süddeutsche Zeitung

Erster Weltkrieg in Venedig:Die Welt geht schon lange unter

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Tiepolo im Bombenhagel: Das Fotomuseum von Venedig zeigt, wie österreichische Luftangriffe im Ersten Weltkrieg das Bild der italienischen Stadt veränderten. Spürbar sind die Folgen noch heute.

Von Thomas Steinfeld, Venedig

Im Juli 1902 stürzte der Campanile auf dem Markusplatz in Venedig ein. Fast tausend Jahre hatte er dort gestanden, doch dann hatte man die Metallanker in seinem Inneren fortgenommen, um einen Aufzug hineinzubauen, der Touristen wegen. Danach lag vor der Basilica di San Marco nur noch ein großer Haufen Steine, in dem dann, völlig intakt, die "Marangona" gefunden wurde, die größte der fünf Glocken des Turms.

Verletzte oder Beschädigungen an anderen Gebäuden hatte es ohnehin nicht gegeben. Noch am Abend des Ereignisses entschied der Rat, den Campanile wiederaufbauen zu lassen, genauso, wie er gewesen war. Zehn Jahre später stand er wieder da, nun auch als Zeichen eines Sieges über die Geschichte, der ungebrochenen Kontinuität der Stadt. Es war vermutlich das letzte Mal, dass ihr Bild als unverletzlich erschien.

In der "Casa dei tre oci", dem Fotomuseum von Venedig auf der Insel Giudecca, wird gegenwärtig eine Ausstellung mit dem Titel "Venezia si difende, 1915 - 1918" ("Venedig verteidigt sich") gezeigt. Sie enthält lauter Bilder einer Stadt, die, wenn sie nicht Zerstörungen zeigen, doch mit heftigen Schäden an Menschen und Gebäuden rechnen: Denn im Ersten Weltkrieg war Venedig, anders als im Zweiten, ein Kriegsschauplatz.

Mehr als vierzig Einsätze flogen vor allem Maschinen der österreichisch-ungarischen Luftwaffe zwischen dem Sommer 1915 und dem Herbst 1918 gegen die Stadt, in strategischer Absicht und beladen mit Bomben von jeweils rund zwanzig Pfund Gewicht.

Ihre Ziele waren wohl vor allem der Bahnhof und die Brücke auf das Festland sowie das Gebiet um das Arsenale, die historische Werft, um die herum sich die damals noch reichlich vorhandenen Industriebetriebe von Venedig angesiedelt hatten. Tatsächlich aber gingen die Sprengkörper im ganzen Stadtgebiet nieder, am Rialto wie auf Santa Maria Formosa, am Palazzo Ducale wie auf der Friedhofsinsel San Michele.

Mehr als fünfzig Menschen kamen bei diesen Angriffen ums Leben, und die Schäden an historischen Gebäuden waren beträchtlich. In etlichen Kirchen stürzten die Decken ein, so in der Chiesa degli Scalzi, wo ein großes Deckengemälde von Tiepolo fast völlig zerstört wurde. Imposant dagegen erscheinen die gewaltigen Mauern aus Sandsäcken, die mit Brettern vernagelten Fresken und die niedergelegten, dick umwickelten Skulpturen, deren Schönheit und Glanz in grauem Sackleinen verschwand.

Erkennbar hat man es dabei mit Fotografen zu tun, denen das Militärische an diesen Aktionen besonders am Herzen lag, und zwar nicht zuletzt, weil sie ihre Bilder im Auftrag der Armee machten. Andere Teile der 350 Originale, die jetzt in der "Casa dei tre oci" zu sehen sind, stammen von Fotografen der Denkmalverwaltung oder aus Fotostudios, die vor allem für Touristen oder Zeitungen arbeiteten. Gesammelt wurden all diese Bilder vom fotografischen Archiv der Museen von Venedig.

Gewiss fragt sich der Betrachter beim Anblick dieser Ruinen, was denn wohl der Sinn dieser Angriffe gewesen sein mag, da man doch in Venedig nicht hätte kämpfen und schon gar nichts hätte erstürmen können, sondern nur zerstören. Das aber ist eine moderne Perspektive, von heute aus gedacht. Denn tatsächlich war Venedig vor hundert Jahren eine ganz andere Stadt.

Die Österreicher wollten Bilder Tizians in Zeltplanen verwandeln

Mit dem Tourismus der Jahrhundertwende war ein bescheidener Wohlstand zurückgekehrt, vor allem hatten die Futuristen, eben weil Venedig so voller vergangenem Glanz war, die Stadt zur Projektionsfläche ihrer Phantasien gemacht - Phantasien, die dann eine ganz eigene Realität hervorbrachten, in der Planung und Entstehung des Industriehafens Marghera nach 1917 etwa.

Und nachdem Filippo Tommaso Marinetti erklärt hatte, er wolle "die Geburt eines industriellen und militärischen Venedig" vorbereiten, dass über der Adria, dem großen italienischen Meer, herrsche, kam der Dichter und Offizier Gabriele d'Annunzio und wollte diesen Anspruch durchaus in blutigen Ernst verwandeln, und zwar bevorzugt mit Flugzeugen.

Auf der anderen Seite hieß es in Wien, wie Karl Kraus kolportiert, man wolle nach der Rückeroberung Venedigs Bilder Tizians in Zeltplanen verwandeln. Mehr als fünfzig Bomben der Österreicher, brüstete sich d'Annunzio, seien eigens für ihn bestimmt gewesen. Das dürfte zwar arg übertrieben gewesen sein, lässt aber doch den Schluss zu, dass hier durchaus auch um Symbole gekämpft wurde - ganz abgesehen davon, dass ein großer Teil der italienischen Marine und der Flugzeugverbände in Venedig stationiert war.

Fast hundertfünfzigtausend Einwohner hatte Venedig vor dem Ersten Weltkrieg gehabt. Als er zu Ende ging, waren es noch gut vierzigtausend Menschen, die dort wohnten. In der Zwischenzeit war die Stadt während vieler Nächte völlig verdunkelt gewesen, die Fährverbindungen waren eingestellt worden, nach der katastrophal verlorenen Schlacht von Caporetto hatte der italienische Befehlshaber erklärt, er könne Venedig nicht retten.

Damals lag die Front noch zwanzig Kilometer von der Altstadt entfernt. Die Stadt glich einer finsteren, leeren, feuchten Festung. Es war das erste Mal, dass ihr Ende beinahe handgreiflich vor Augen stand. Das aber ist, in der einen oder anderen Form, seither so geblieben.

Venezia si difende, 1915 - 1918. Casa dei tre oci. Venedig, bis 8. Dezember. Der nur in Italienisch erhältliche Katalog der Ausstellung kostet 25 Euro.

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SZ vom 05.11.2014/odg
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