Süddeutsche Zeitung

Erdbeben in Haiti:Ein Land am Boden

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Der Inselstaat Haiti versinkt seit Jahren in Hunger und Elend - schon vor dem Beben war die Lage katastrophal. Machthaber wie Baby Doc oder Aristide haben die Bevölkerung jahrelang brutal unterdrückt.

Das schwere Erdbeben, das in der Nacht zum Mittwoch Haiti verwüstet hat, trifft eines der sowohl politisch wie sozial am stärksten gebeutelten Länder der Welt - das in der Vergangenheit bereits von verheerenden Naturkatastrophen heimgesucht wurde.

2004 zog Wirbelsturm Jeanne über das "Armenhaus" Amerikas. Er zertrümmerte ein bereits geschundenes Land und forderte 3000 Todesopfer. Im September 2008 starben Hunderte Menschen bei einem weiteren Hurrikan, nur wenige Tage später dann mindestens 47 der knapp neun Millionen Einwohner durch den Wirbelsturm Ike.

Haiti teilt sich mit der im Osten liegenden Dominikanischen Republik die Karibikinsel Hispaniola, nur wenige Kilometer entfernt von der Ostküste Kubas. Von Christoph Kolumbus 1492 entdeckt, löste es sich bereits 1804 von Frankreich. Die damals reichste aller französischen Kolonien war der erste Staat des Planeten, der erfolgreich gegen Sklaverei und Kolonialismus aufbegehrte.

Kein Geld aus Frankreich

Damit freilich versiegten auch die Finanztransfers. Während andere Kolonien weiter am Tropf der einstigen Mutterländer hängen und sich die Bürger der Überseedepartements Guayana und Martinique just in dieser Woche per Referendum gegen mehr Unabhängigkeit von Frankreich aussprachen, geht Haiti längst einen eigenen Weg.

Der aber führte geradewegs in Armut, Hunger und Chaos. "Es ist das blanke Elend - mehr Afrika als Amerika", mit diesen Worten fasste SZ-Korrespondent Peter Burghardt die aktuelle Lage zusammen. Drei von vier Haitianern müssen mit zwei Dollar und weniger am Tag auskommen. Die Lebenserwartung beträgt im Schnitt 50 Jahre, die Säuglingssterblichkeit lag 1997 bei mehr als neun Prozent, die Kindersterblichkeit bei 13 Prozent. Etwa die Hälfte der Bevölkerung sind Analphabeten, die Arbeitslosigkeit liegt auf ähnlichem Niveau.

In Cité Soleil, der Sonnenstadt, dem größten und berüchtigtsten Slum der Hauptstadt Port-au-Prince, ja der ganzen Karibik, hausen viele der 300.000 Bewohner im Nichts. Bis vor kurzem war dies einer der gefährlichsten Orte der Erde. Mauern und Blechwände sind von Schüssen durchlöchert. Freunde und Feinde des vormaligen Armenpriesters und Präsidenten Jean-Bertrand Aristide bekämpften einander hier.

UN investieren 600 Millionen Euro

Im Jahr 2004 entsandte der Weltsicherheitsrat die Stabilisierungsmission Minustah, derzeit bestehend aus 9000 Blauhelmen, Polizisten und Zivilisten. Inzwischen hat die multinationale Einheit oberflächlich aufgeräumt, aber sie bleibt fremd in der Voodoo-Republik. 600 Millionen Dollar jährlich stecken die UN in Minustah, mehr als eine Milliarde geben weitere Gönner wie Venezuelas Präsident Hugo Chávez, diverse Hilfsorganisationen und Emigranten. Der Milliardär George Soros will in Cité Soleil eine Fabrik bauen.

Der UN-Sondergesandte Bill Clinton, der in Haiti einst mit Hillary seine Flitterwochen verbrachte, flog mit Unternehmern ein, er wirbt mit niedrigen Löhnen und hohen Gewinnen. Doch auch die früher halbwegs einträgliche Textilindustrie ist zusammengebrochen. Kaum jemand investiert, Geld verschwindet, die Oberschicht hortet ihren Reichtum hinter Mauern oder im Ausland, Millionen Haitianer sind geflüchtet. Der Tourismus gedeiht nur in abgeschotteten Arealen. Das größte Geschäft, so heißt es, ist der Schmuggel mit Kokain, Haiti ist zu einem beliebten Transitland geworden.

Das alles ist nur der Höhepunkt einer sehr bewegten Geschichte mit meist sehr düsteren Abschnitten. Nachdem die Franzosen gegangen waren, fielen die USA ein. Und danach installierten der berüchtigte Papa Doc und sein Sohn Baby Doc Duvalier ihr Terrorregime, bis Aristide kam. Anstatt das Land in eine bessere Zukunft zu führen, folgte das nächste Desaster. Mittlerweile gibt es im einst freien Haiti Hunderttausende Kindersklaven und mehr Abfallberge als Arbeitsplätze - und Aristide lebt seit 2004 im Exil in Südafrika.

Nach ungezählten Toten und Hunderten Verhaftungen hat sich das Klima von Anarchie, Lynchjustiz und Entführungen immerhin etwas beruhigt, der neue Präsident René Préval konnte relativ ungestört in seinem blütenweißen Palast regieren. Bis Teile des Gebäudes nun über ihm zusammenbrachen. Haiti liegt am Boden. In jeder Hinsicht.

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