Süddeutsche Zeitung

USA:Trump wird toxisch

Der scheidende Präsident verbringt offenbar von allen verlassen einsame letzte Tage im Weißen Haus. Selbst mit seinem persönlichen Anwalt Giuliani hat Trump gebrochen.

Von Thorsten Denkler, New York

Es muss still sein dieser Tage im Weißen Haus. Die Flure leer, die meisten Mitarbeiter weg. Und wer noch da ist, versucht offenbar jeden Kontakt mit dem Mann zu meiden, dessen Auszug kurz bevorsteht. Vielleicht nutzt Donald Trump die Gelegenheit und streift durch die Gänge, nimmt noch einmal im verwaisten Kabinetts-Saal Platz oder macht es sich hinter dem Resolute Desk im Oval Office bequem, um über seine - aus seiner Sicht - großen Erfolge zu sinnieren.

Berichtet wird allerdings, er sei vor allem sauer und von Selbstmitleid erfüllt. Sauer auf all jene, von denen er glaubt, sie müssten ihm auf ewig dankbar sein. Und ihm jetzt einer nach dem anderen den Rücken kehren. Und selbstmitleidig, weil er wohl tatsächlich glaubt, dass ihm die Wahl von finsteren Kräften gestohlen worden sei.

Angefangen hat die Abkehr vom Präsidenten mit seiner Nichtbereitschaft, nach der Wahl im November seine Niederlage anzuerkennen. Nach dem Sturm auf das Kapitol vergangene Woche wurden es immer mehr, die sich abwandten. Nicht zu übersehen sind die untreu Gewordenen spätestens seit der Debatte um das zweite Impeachment-Verfahren gegen Trump, das am Mittwoch beschlossen wurde.

Gegner des Amtsenthebungsverfahrens trugen vor allem formale Gründe vor. Oder dass jetzt die Zeit für Heilung gekommen sei und nicht für neue Zwietracht. Kaum einer aber verteidigte öffentlich Trumps Verhalten im Vorfeld des Aufstandes - weder im Repräsentantenhaus noch außerhalb, beschwert sich der scheidende Präsident gegenüber verbliebenen Mitarbeitern im Weißen Haus. Nicht seine ergebene Pressesprecherin, Kayleigh McEnany. Nicht sein Schwiegersohn Jared Kushner. Nicht sein Stabschef Mark Meadows.

Trump scheint sich keiner Schuld bewusst. Seine aufrührerische Rede am Tag des Aufstandes, in der er Tausende Anhänger aufforderte, zum Kapitol zu ziehen, sei in Wahrheit "völlig angemessen" gewesen, erklärte er Anfang der Woche.

Er soll sich in einem Telefonat mit dem Chef der Republikaner im Repräsentantenhaus, Kevin McCarthy, auch die völlig unbewiesene These zu eigen gemacht haben, die Antifa stünde hinter dem Angriff auf das Kapitol. McCarthy, der Trumps These von der gestohlenen Wahl bis zuletzt unterstützt hat, soll ihm widersprochen haben. "Es war nicht die Antifa, es war MAGA. Ich weiß es, ich war da." MAGA ist die Abkürzung für Trumps Wahlkampfschlachtruf "Make America Great Again".

Trump soll in dem Telefonat weiter darauf bestanden haben, dass er die Wahl gewonnen habe. McCarthy, bis dahin ein loyaler Trump-Anhänger, soll ihn recht rüde unterbrochen haben: "Hör auf. Es ist vorbei. Die Wahl ist vorbei." Auch dieses Band, jäh zerschnitten.

Jetzt hat es auch Rudy Giuliani getroffen. Er ist Trumps persönlicher Anwalt und war einst gefeierter Bürgermeister der Stadt New York. Er hat seit der Wahl einen phänomenal erfolglosen juristischen Feldzug gegen die Tatsache geführt, dass Joe Biden die Wahl gewonnen hat. Von Giuliani geführt oder zumindest inspiriert sind mehr als 60 Anläufe krachend gescheitert, das Ergebnis vor Gericht anzufechten. Was vor allem daran lag, dass Giuliani und seine Mitstreiter den Gerichten zwar viele schlimme Vorwürfe, aber keine hinreichenden Beweise vorlegen konnten.

Für seinen juristischen Beistand soll Giuliani mit Trump angeblich ein Honorar von 20 000 Dollar am Tag vereinbart haben. Plus Spesen. Giuliani bestreitet das. Angeblich sei Trump jetzt nicht mehr bereit, Giulianis Rechnungen zu begleichen. Giulianis Reisekostenabrechnungen für die diversen Auftritte in Swing States, die Trump verloren hat, will Trump jetzt persönlich kontrollieren. Wann immer Giuliani gerade versucht, seinen Chef im Weißen Haus telefonisch zu erreichen, würden seine Anrufe blockiert.

Was wohl auch damit zu tun hat, dass Giuliani Trump in der Haltung bestärkt hat, sein Vizepräsident Mike Pence habe die Autorität, die Zertifizierung des Wahlergebnisses im Kongress zu stoppen. Oder gar das Ergebnis ins Gegenteil zu verkehren. Mike Pence hat diese Kompetenz nicht. Und sah sich genötigt, dies Trump am Tag der Zertifizierung unmissverständlich mitzuteilen. Das Verhältnis zwischen Trump und Pence ist deshalb dem Gefrierpunkt nahe. Und hat sich wohl auch nicht gebessert, nach dem sich Pence geweigert hat, ein Amtsenthebungsverfahren nach Zusatzartikel 25 der Verfassung gegen Trump einzuleiten.

Trump hat zudem gerade wenig Grund, in eine rosige Zukunft zu sehen. Neben einer Amtsenthebung warten diverse Gerichtsverfahren auf ihn. Und geschäftlich hat ihm das Abenteuer Politik schlussendlich nur geschadet. Dutzende Unternehmen und Organisationen haben ihre Verbindungen zu Trump seit dem Sturm auf das Kapitol abgebrochen. Die Vereinigung der professionellen Golfer in den USA (PGA) erklärte, sie habe den Trump-Golfplatz Bedminster in New Jersey von der Turnierliste gestrichen. New York City hat diese Woche die weitere Zusammenarbeit mit Trump aufgekündigt. Das bedeutet wohl das Ende für die Trump-Eislaufbahn im Central Park und den Trump-Golfplatz in der Bronx.

Besonders empfindlich dürfte Trump die Ankündigung der Deutschen Bank treffen, ihm künftig keine neuen Kredite mehr einzuräumen. Die Deutsche Bank war zuletzt das einzige größere Geldinstitut, das Trump noch Geld geliehen hat. Trump hat dort mehrere Hundert Millionen Dollar Schulden. Unklar ist, ob er die zurückzahlen kann. Seine Hotels und Golf-Resorts dürften hart von der Pandemie getroffen sein. Seine Geschäfte sind zudem oft mit seinem Namen verbunden. Nach vier Jahren Achterbahn-Präsidentschaft, einem Fast-Putsch und zwei Impeachments ist Trumps Name toxisch geworden. Er kann seinen Ärger darüber nicht einmal mehr in die Welt posten. Alle Social-Media-Plattformen haben seine Accounts mindestens auf Eis gelegt.

Eher abseits wird sich wohl auch Trumps Abschied aus Washington sich abspielen. Er wolle die Hauptstadt am Morgen der Amtseinführung seines Nachfolgers Joe Biden am kommenden Mittwoch verlassen, das meldeten die Washington Post und der Sender Fox News am Freitag unter Berufung auf Regierungskreise. Kurz bevor Biden vor dem Kapitol vereidigt werden soll, wolle der scheidende Präsident das Weiße Haus Richtung Florida verlassen. Der Washington Post zufolge plant Trump eine Abschiedszeremonie für sich selbst auf dem Militärflugplatz außerhalb, von dem der Regierungsflieger Air Force One startet. Das habe es so noch nie gegeben.

Vizepräsident Pence hingegen soll zugesagt haben, zu Bidens Amtseinführung zu kommen. Pence soll mittlerweile auch die künftige Vizepräsidentin Kamala Harris angerufen haben, um zum Wahlsieg zu gratulieren und, spät, aber doch, Unterstützung bei der Übergabe der Amtsgeschäfte anzubieten.

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