Süddeutsche Zeitung

Trumps Kabinett:Trumps Minister bestätigen: Trump ist toll

In einer bizarren Kabinettssitzung lässt US-Präsident Trump sich reihum von seinen Ministern loben. Shakespeare hätte sich das nicht besser ausdenken können.

Von Thorsten Denkler, New York

In William Shakespeares "König Lear" gibt es ein Ereignis, das auf erschreckende Weise dem ähnelt, welches sich an diesem Montag im Kabinettssaal von US-Präsident Donald Trump zugetragen hat. Gleich zu Beginn von "König Lear" verlangt der König seinen drei Töchtern einen Liebesbeweis ab. Sie sollen ihren Vater öffentlich lobpreisen. Wer das zu seiner Zufriedenheit hinbekommt, der kann auf ein reiches Erbe hoffen.

Zwei Töchter heucheln überbordende Liebe. Seine Lieblingstochter Cordelia aber bleibt ehrlich. Sie liebe ihren Vater eben so, wie eine Tochter ihren Vater liebe. Nicht mehr, nicht weniger. König Lear ist außer sich und enterbt die ehrliche Tochter.

Auch Politik ist zuweilen Theater und Show, dazu zählen auch Kabinettssitzungen. In Deutschland werden zum Auftakt jeder Kabinettssitzung ein paar Bilder und Video-Aufnahmen der dann oft erstaunlich gut gelaunten Minister mit der Kanzlerin gemacht.

In Washington hat Trump nun zum ersten Mal sein vollständiges Kabinett an diesem Montag zusammengerufen. Und weil das nach fast fünf Monaten im Amt etwas Besonderes ist, darf in den ersten Minuten die Presse etwas länger dabei sein.

Trumps kleine Kabinetts-Show aber wird etwas, das in US-Medien anschließend als "höchst ungewöhnlich" und "bizarr" beschrieben wird.

Ernsthafte Debatten hat niemand erwartet - aber auch nicht, dass Trump sich selbst zum erfolgreichsten Präsidenten aller Zeiten erklärt. Und dann seine Minister auffordert, sich doch bitte mal reihum namentlich vorzustellen und kurz etwas zu sagen. Das erinnert stark an den ersten Elternabend im Kindergarten.

Es bleibt unklar, wem dieses Kennenlern-Procedere helfen soll. Womöglich den Ministern (vielleicht kennen die sich untereinander ja wirklich nicht). Oder Trump selbst (wie soll er sich auch sonst so viele Leute merken).

Was folgt, liefert ein Zeugnis der Unterwürfigkeit und Verblendung ab, wie es in der Politik in dieser Form nur selten zu sehen und hören ist. Ausnahmslos jeder Minister lobt den Chef über den Klee. Bis zur Selbstverleugnung.

Stabschef Priebus dankt Trump für die Möglichkeit, ihm zu dienen

Vizepräsident Mike Pence sagt noch erwartungsgemäß, es sei "das größte Privileg in meinem Leben", einem Präsidenten dienen zu dürfen, der "sein Wort hält gegenüber dem amerikanischen Volk". Aber das sagt Pence wohl auch, wenn ihn jemand nachts um drei weckt.

Trumps Stabschefs Reince Priebus aber dürfte sich schon ganz schön verbogen haben für diesen Satz: "Wir danken Ihnen für die Möglichkeit, Ihnen zu dienen." Von Priebus ist bekannt, dass er sich mit Trump gerade nicht sonderlich gut versteht. Er soll immer wieder kurz vor dem Rausschmiss stehen, weil er die vielen Leaks aus dem Weißen Haus angeblich nicht in den Griff bekommt.

Und sogar Trumps Justizminister Jeff Sessions ist voll des Lobes: "Sie haben die exakt richtigen Botschaften gesetzt", belobhudelt er den Boss. "Die Reaktionen überall im Land sind fabelhaft." Dabei sind die USA so gespalten wie kaum jemals zuvor. Und zum anderen soll Sessions noch vor wenigen Wochen Trump seinen Rücktritt angeboten haben. Der US-Präsident war wohl nicht zufrieden damit, wie Sessions die Russland-Ermittlungen gegen Trumps Wahlkampfteam managt.

So geht es immer weiter. Minister für Minister darf sagen, wie toll er oder sie es findet, und wie dankbar er oder sie ist, dass er oder sie diesem großartigen Präsidenten dienen darf.

Natürlich wird ein Minister nicht öffentlich etwas Negatives über den Chef sagen. Es sei denn, er will gefeuert werden. Aber Trump steht gerade unter Verdacht, selbst von einem FBI-Chef totale Loyalität eingefordert und damit eine rote Linie überschritten zu haben. "Ich brauche Loyalität. Ich erwarte Loyalität", hat er dem damaligen FBI-Chef James Comey zufolge gesagt. Anfang Mai hatte Trump Comey gefeuert. In diesem Licht erscheint die am Montag demonstrierte öffentliche Unterwerfung als zumindest instinktlos.

Der New York Times-Politik-Autor Glenn Thrush bezeichnet die Kabinettssitzung als "eine der peinlichsten öffentlichen Veranstaltungen, die ich je gesehen habe". Dem Washington-Korrespondenten des Senders CNBC, John Harwood, kommt sie vor wie eine "Szene aus der Dritten Welt".

Und Trump? Der hört sich die Show mit verschränkten Armen und grimmiger Miene an. Manchmal lacht er auch kurz mit, wenn ein Minister einen Scherz versucht. Als warte er nur darauf, dass ihm einer nicht überschwänglich seinen Dank und ewige Treue zusichert. Er kann natürlich niemanden enterben. Aber Trumps Lieblingssatz soll ja einer sein, vor dem sich der eine oder andere zu fürchten scheint: "Sie sind gefeuert!"

Den Demokraten kommen solche Szenen sehr entgegen. Der Chef der Demokraten im Senat, Chuck Schumer, hat gleich ein paar seiner Mitarbeiter die Trump'sche Kabinettssitzung nachspielen lassen - mit ihm selbst in der Trump-Rolle. Nach der dritten Lobhudelei kann sich Schumer vor lachen nicht mehr halten und bricht die Szene ab. Das Original kann es eben doch viel besser.

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