Süddeutsche Zeitung

Umfrage zur EU:Was die Europäer von Deutschland erwarten

Was hoffen die Menschen in Europa, was befürchten sie, wenn sie an Deutschland nach der Ära Merkel denken? Forscher haben Bürger in zwölf Ländern zur Rolle der Bundesrepublik befragt.

Von Christoph Koopmann

Einige der Krisen, mit denen es Angela Merkel in ihren 16 Jahren als Bundeskanzlerin zu tun bekommen hat, waren gesamteuropäische: die Finanz- und Eurokrise, die Flüchtlingskrise, die Corona-Pandemie. Jedes Mal übernahm Merkel in der EU eine Führungsrolle - und nun, am Ende ihrer Amtszeit, sehen viele EU-Bürger Deutschland als verlässlichen Partner. Das zeigt eine Umfrage der Denkfabrik European Council on Foreign Relations (ECFR) in zwölf EU-Staaten: Durchschnittlich jeder dritte Befragte traut der Bundesrepublik demnach zu, europäische Interessen in der Wirtschafts- und Finanzpolitik sowie in den Bereichen Demokratie und Menschenrechte zu vertreten. In weltpolitischen Auseinandersetzungen ist das Zutrauen in Deutschland als Verteidiger europäischer Werte jedoch geringer.

Die scheidende Kanzlerin habe sich europaweit Anerkennung erarbeitet, heißt es in der Studie, die am Dienstag veröffentlicht wird. "Angela Merkel ist zum Inbegriff eines starken und stabilen Deutschlands geworden", sagt Mitautor Piotr Buras.

"Beyond Merkelism" heißt der Report, denn er befasst sich vor allem mit dem Zutrauen in Deutschlands Rolle jenseits der Merkel-Ära. Was erwarten die Europäer, wenn sie nicht mehr am Steuer steht? Das beantworten sie bemerkenswert unterschiedlich: Fast jeder zweite Spanier, Niederländer, Däne und Ungar hält Deutschland auch dann für fähig, bei den Themen Demokratie und Menschenrechte etwas im Interesse der EU zu bewegen. In Italien und Polen denkt nur jeder Vierte bis Fünfte so. Bei der Kompetenz in EU-Wirtschaftsfragen sind die Unterschiede ähnlich.

Glauben die Menschen, dass Deutschland nach Merkel seine Machtposition in Europa hält - oder eher nicht? Während in Deutschland selbst jeder Zweite meint, das Land habe seine "goldenen Jahre" hinter sich, denkt das in den anderen Staaten immerhin noch jeder Dritte. Dass es die Interessen und Werte der EU in Verhandlungen mit China verteidigen können wird, glaubt dagegen nur eine Minderheit von 20 Prozent, bezüglich Russland sogar nur 17 Prozent, in den Beziehungen zu den USA immerhin 25 Prozent. Gerade in diesen außenpolitischen Auseinandersetzungen müsse sich eine neue Bundesregierung jedoch beweisen, sagt Studienautor Buras. Ihm zufolge braucht die EU jetzt ein "visionäres Deutschland" - visionärer als unter Merkel.

27 Prozent der Befragten außerhalb Deutschlands rechnen jedoch damit, dass die Bundesrepublik künftig nationalistischer agieren werde. 25 Prozent sind der Meinung, Deutschland werde andere EU-Staaten künftig besser unterstützen. Dass in EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auch nach Merkel eine Deutsche eine Führungsrolle haben wird, bereitet den meisten kein Problem. Nur zehn Prozent halten das für schlecht, 27 Prozent finden dies gut. Jeder zweite Befragte sieht diese Frage sehr europäisch: Die Nationalität der bald mächtigsten Frau in Europa spiele keine Rolle.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5409533
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/skle
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.