Süddeutsche Zeitung

Corona-Tests:"Wir waren völlig unvorbereitet"

Lesezeit: 4 min

Die Corona-Zahlen steigen, aber die Testkapazitäten sind längst heruntergefahren worden. Jetzt sollen es die Apotheken und Testzentren wieder richten - oft von einem Tag auf den anderen.

Von Sophie Kobel und Michaela Schwinn

Dass es mit den kostenlosen Corona-Tests nicht ewig so weitergehen würde, das war Cordula Benning schon klar. Aber nicht, dass dann doch alles so schnell gehen würde, so schnell gehen musste. "Wir waren völlig unvorbereitet", sagt die Apothekerin aus Rheinberg im Nordwesten des Ruhrgebiets. "Als würde man einen Nichtschwimmer einfach ins Wasser schubsen." Was sie meint, ist die neue Corona-Testverordnung: Vergangenen Mittwoch wurde sie vom Gesundheitsministerium verkündet, nur einen Tag später trat sie in Kraft. Und für viele Apotheken, Testzentren und auch Bürger begann damit das Chaos.

Denn bislang waren alle Bürgertests kostenlos, wer sich auf Covid-19 testen lassen wollte, konnte einfach ins nächste Testzentrum gehen - auf Kosten des Staates. So war es auch in der Barbara-Apotheke in Rheinberg. Weil das auf Dauer sehr teuer wurde und Betrüger das System ausnutzten, schob der Bund einen Riegel vor. Gratistests gibt es jetzt nur noch für wenige: Etwa für Kleinkinder, Schwangere oder Infizierte, die sich "freitesten" wollen. Auch Besucher von Kliniken und Pflegeheimen müssen nichts zahlen. Wer sich vor einem Konzert testen lassen will oder eine Person über 60 Jahre trifft, zahlt künftig drei Euro. Alle anderen müssen den Schnelltest selbst bezahlen - je nach Teststation sind das neun bis zwölf Euro.

Viele Regeln, die Apothekerin Benning sich mühsam im Internet zusammensuchen musste, denn von offizieller Seite bekam sie erst mal nichts: kein Infoschreiben, keine Musterformulare. Also bastelte sie die Dokumente selbst zusammen - und schulte auf die Schnelle ihre Mitarbeiter. Schließlich müssen sie überprüfen, ob jemand einen kostenlosen Test bekommt oder nicht. Und das ist gar nicht so einfach, denn laut Bund muss jeder Kunde seinen Anspruch "glaubhaft" machen: So könnten etwa Schwangere ihren Mutterpass vorlegen, Konzertbesucher ihr Ticket, Angehörige eine Bestätigung des Pflegeheims und Personen, die Kontakt zu einem Infizierten hatten, den positiven Test des Kranken. "Das ist Wahnsinn", sagt Benning. "Von so viel Bürokratie waren wir erst mal erschlagen." Und die Kunden auch, sagt sie, keiner kenne sich mehr aus.

Das erleben auch die Mitarbeiter einer Teststation in Berlin-Kreuzberg. Ein Angestellter, der anonym bleiben will, steht allein hinter Plexiglas, als ein Kunde einen Test verlangt. Der Angestellte weist ihn zuerst auf das Tragen einer Maske und anschließend auf die drei Euro hin, die er vermutlich zahlen muss. "Dann doch nicht", sagt der Mann, dreht sich um. So gehe das seit Tagen. "Ich kläre die ganze Zeit auf. Das ist das Anstrengendste an dem Job", sagt der Mitarbeiter. Nur wenige wüssten von den neuen Regeln, viele Kunden seien davon genervt.

Wo im Februar sechs Mitarbeiter gleichzeitig getestet haben, steht heute nur noch einer

Ob sich das Geschäft gerade noch lohne? "Na ja", sagt der Mitarbeiter. Früher habe man 2000 Menschen an einem Wochenende getestet, heute seien es maximal 200. Das könne man sich auch ohne genauen Blick in die Bücher ausrechnen. Wo im Februar noch sechs Mitarbeiter gleichzeitig getestet haben, steht heute nur einer. Zwar bekommen die Testcenter weiterhin staatliche Subventionen, und der weggefallene Betrag wird von den Kunden selbst gezahlt. Doch aufgrund der neuen Kosten ließen sich viel weniger Menschen testen, das bestätigen mehrere Testcenter-Betreiber. "Zwar sind drei Euro nicht viel, aber es schreckt ab", sagt ein Anbieter aus München. "Und für sozial Schwächere ist es nicht wenig, vor allem, weil gerade ja alles teurer wird."

Die Nachfrage nach Corona-Schnelltests habe aber schon vorher abgenommen, berichten die Betreiber. Fürs Kino, Theater oder den Restaurantbesuch sei schließlich kein negativer Test mehr nötig, und ohne Grund würde sich kaum noch jemand testen lassen. Die Folge: Viele Teststationen machten dicht. Selbst in Großstädten wie Berlin, wo man sich vorher fast an jeder Straßenecke testen lassen konnte, muss man sich nun genau informieren. Viele Testcenter, die im Internet noch als offen angezeigt werden, existieren nicht mehr, an manchen Eingängen hängen Zettel: "Filiale vorübergehend geschlossen."

Gut möglich, dass es in den kommenden Wochen noch weniger werden. Denn die Bürokratie schreckt viele Betreiber ab. Wie sollen sie etwa überprüfen, ob jemand seine Oma zu Hause besucht? Oder ob das Konzertticket nicht eigentlich einem Freund gehört? Betrugsfälle seien da programmiert, davon geht die Apothekerin Benning aus.

Beim Krisengespräch versuchte Karl Lauterbach, die Wogen zu glätten

Auch die Kassenärztliche Vereinigung (KBV), die die Tests abrechnet, bezeichnete die neue Verordnung deshalb als "absolut nicht machbar und umsetzbar" und drohte sogar mit Boykott. Man könne nicht verantworten, Auszahlungen zu leisten, deren Richtigkeit man nicht ansatzweise prüfen könne, hieß es. Bei einem Krisengespräch versuchte Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD), die Wogen zu glätten, und nahm die KBV ein Stück weit aus der Verantwortung: Um Betrugsfälle wird sich verstärkt der Bund kümmern und "Auffälligkeiten der Testergebnisse" im Nachhinein bewerten. Wenn ein Testzentrum zum Beispiel auffällig viele Tests in einer Altersgruppe registriere, werde das an die zuständigen Behörden in den Ländern weitergegeben, erklärt ein Sprecher des Ministeriums auf Nachfrage. Ob dieses System funktioniert, wird sich wohl erst in den kommenden Monaten herausstellen.

Kritik an der neuen Verordnung kommt aber auch noch von einer anderen Seite: den Virologen und Medizinern. Viele halten den Zeitpunkt des Aus der kostenlosen Bürgertests für falsch. Die Zahl der Infizierten steigt gerade wieder rapide an, die wenigsten tragen mehr Maske, fast alle Maßnahmen wurden aufgehoben. Die kostenlosen Tests hätten immerhin geholfen, ein paar Infizierte ohne Symptome aufzudecken und dadurch Infektionsketten zu unterbrechen. Die Gefahr sei groß, dass die Dunkelziffer infizierter Personen massiv ansteigen könnte - und Behörden und Krankenhäuser deshalb nicht schnell genug auf den neuen Anstieg reagieren können.

Eine Sorge, die auch Apothekerin Benning umtreibt. "In unserer Region geht jetzt die Schützenfest-Saison los", sagt sie. "Die Zahlen gehen durch die Decke." Falls Maßnahmen wie 3 G irgendwann wiedereingeführt würden, müsste das komplette System wieder hochgefahren werden, mitsamt Mitarbeitern, genügend Tests und so weiter. "Und dann soll wahrscheinlich alles wieder ganz schnell gehen", sagt sie. "Am besten über Nacht."

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